Tor zu einer fremden Welt

Alexandra Stahl

Von Alexandra Stahl (dpa)

Sa, 08. September 2018

Reise

Tropfsteinhöhlen gibt es viele in Deutschland. Warum dann eine in Italien besuchen? Weil im Karstgebirge bei Triest die größte Schauhöhle der Welt liegt.

Viel Werbung gibt es nicht für eine der größten Höhlen der Welt. In den Bergen rund 20 Minuten von Triest entfernt, in der Nähe des Ortes Sgonico, verrät ein kleines Straßenschild, wohin wir gehen müssen, wenn wir die Grotta Gigante besichtigen wollen. Der Busfahrer brummt nur ein "Sì" auf die Frage, ob wir an der verlassenen Straße aussteigen müssen.

Das Volumen der großen Halle in der Grotte beträgt 600 000 Kubikmeter, 107 Meter misst sie am höchsten Punkt, 65 Meter ist sie breit, 130 Meter lang: Damit hat es die Grotta Gigante 1995 als größte Schauhöhle der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Dabei gibt es größere Höhlen. Aber von denen, die Touristen ansehen können, sind alle kleiner. Wirklich vorstellen kann man sich die Ausmaße nicht. Dafür muss man hinab.

Der Eingang zur Grotte sieht nach Museum aus, und tatsächlich folgt nach der Kasse ein zweistöckiger Raum, in dem die Geschichte der Grotte erklärt wird. Die Besucher warten in einem weiteren Raum, der an ein Flughafen-Gate erinnert, bis sie an der Reihe sind. Elf Grad habe es in der Grotte, warnt ein Schild. Bald öffnet sich die Automatiktür, und wir passieren mit anderen Besuchern ein Drehkreuz, das zum Höhleneingang führt.

"Keine Fotos während des Abstiegs machen", mahnt Führerin Federica Papi. Nicht weil Fotografieren verboten wäre, sondern weil es zu gefährlich ist. Die Treppen sind steil. Wer den Blick aufs Kameradisplay richtet, kann leicht ausrutschen. Die Gruppe hört auf Papi. Ohnehin sind alle merkwürdig still beim Eintritt in die Höhle, in der es ein wenig wie in Omas Kartoffelkeller riecht. Selbst die quirlige italienische Schulklasse verstummt, als hätte sie das Tor zu einer fremden Welt betreten, von der nicht ganz klar ist, wie man sich in ihr verhalten darf.

Lichter erhellen die Treppenstufen und die Wände, deren verwachsene Oberfläche an Hunderte Schichten Kerzenwachs erinnert. Das Ausmaß der Höhle ist auf den ersten paar Metern schwer auszumachen, es geht vor allem nach unten, und die Grotte ist sehr verwinkelt.

"Das Gehirn kann die Dimension nicht erfassen", sagt Papi, die Höhlenbiologin ist. Sie und fünf Kollegen führen das ganze Jahr durch die Grotte. 2017 kamen genau 100 004 Besucher – Rekord. Manche unterschätzten die Tiefe, erzählt Papi. 500 Stufen geht es runter, bis man am tiefsten Punkt ist und auf die Haupthalle blickt. "Und manche haben auch Angst." Tatsächlich hat die Höhle etwas Unheimliches. Man denkt an Harry-Potter-Filme oder ein Fantasy-Videospiel. In jedem Fall würde es einen kein bisschen wundern, wenn unten auf dem Boden ein dicker, alter Drache wartete.

Ist das doch das Tor zu einer anderen Welt? "Das hier ist einfach das Werk der Natur", sagt Papi begeistert. Immer wieder legt die 40-jährige Italienerin Pausen ein, um den Besuchern die Höhle zu erklären, die vor zehn Millionen Jahren entstanden ist. Die Menschheit weiß dagegen erst seit kurzem von ihr: 1840 wurde sie entdeckt, als im Karstgebirge neue Wasserquellen für Triest gesucht wurden. Erst ab 1890 erforschten Speläologen, Höhlenforscher, die Grotte.

Seit 1908 ist die Grotta Gigante für Touristen zugänglich. Die Höhle ist eine von mehr als 6000 Grotten in der Region Friaul-Julisch Venetien, die zu den höhlenreichsten Gegenden Italiens zählt. Grund ist der Karst: Das Gebirge besteht aus Kalk- und Dolomitstein, der reich an Karbonat ist und damit löslich bei Regenwasser.

Die gigantische Grotte ist aus zwei übereinander gelagerten Flussstollen entstanden. Dieses Wasser ist vor fünf Millionen Jahren aus der Grotte verschwunden. Hereinsickerndes Regenwasser veränderte schließlich über die Zeit das Innere.

"Was sind Stalagmiten?", ruft Papi der Schulklasse zu, und fast alle Hände deuten nach unten. "Und Stalaktiten?" Die Kinder zeigen auf die Decke. Vor allem unzählige Stalagmiten, aus dem Boden gewachsene Tropfsteine, sind in der Höhle zu sehen. Es sieht aus, als wären überall lange Pilze aus Stein gesprossen. Der größte Stalagmit ist zwölf Meter hoch und nennt sich Ruggero – zu Deutsch: Rüdiger. Auch wenn man ihn minutenlang betrachtet, ist schwer vorstellbar, dass er ein Produkt der Natur sein soll. Andererseits hatte diese 150 000 Jahre Zeit, ihn zu formen.

"Schließt die Augen und hört die Stimme der Höhle an", sagt Papi. Mittlerweile sind wir am untersten Punkt angelangt. Die Kinder schließen artig die Augen, auch wir Erwachsenen lauschen. Es ist still, bis auf ein unregelmäßiges Tropfen. Es klingt wie eine Dusche, die gerade jemand benutzt hat.

Regenwasser verändert die Höhle weiter. Stalagmiten, die noch wachsen, sind an ihrer weißen Oberfläche zu erkennen. Anfassen ist verboten – das Fett an den Händen würde den chemischen Prozess stoppen. Bis man erkennt, dass ein Stalagmit wieder ein kleines bisschen gewachsen ist, sind schnell mal 10 bis 15 Jahre vergangen.

Die Zeit scheint in der Grotte stillzustehen. Seit Millionen Jahren herrscht die gleiche Temperatur, es gibt nie Wind und nie Regen. Von Menschenhand stammen nur die Beleuchtung, die Treppe, die Mülleimer. Und die Technik. Forscher erkunden die Höhle immer noch, etwa die Lösungsprozesse des Regenwassers. "In der Wissenschaft hast du immer noch Fragen, wenn du etwas rausgefunden hast", sagt Papi.

Nach 500 weiteren Stufen – diesmal bergauf – sind wir wieder draußen in den ruhigen Bergen. Im milden Sonnenlicht erscheint der Gedanke an die Höhle unwirklich. Ein Souvenirladen verkauft Plastikstalagmiten, Miniaturausgaben von Rüdiger. Wir mögen das Original lieber.