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21. Dezember 2012

Als das Licht vom Himmel fiel

Ein Wintermärchen in Kanada: Die Geschichte vom Eisbären Bob und einer ungewöhnlichen Nacht.

  1. Foto: Birgit-Cathrin Duval bcmpress

  2. Kann das wirklich wahr sein? Polarlichter mit ihrem betörenden Farbenspiel – und ein Eisbär im Sonnenuntergang mitten im eiskalten Nirgendwo Foto: Birgit-Cathrin Duval bcmpress

  3. Menschen hinter Gittern: Eisbär frei! Foto: Birgit-Cathrin Duval

  4. Eisbären-Yoga? Entspannt trotz Kälte Foto: Birgit-Cathrin Duval bcmpress

Alle Kameras sind auf Bob gerichtet. Auf einmal ist er da. Ganz nah. Verdammt nah. So nah, dass man die roten Äderchen in seinen Augen sehen kann. Klick, Klick, Klick. Nur wenige Zentimeter trennen das Fotoobjektiv von seiner Nase. Doch Bob zeigt den Paparazzi die kalte Schulter. Vielmehr ist der Eisbär an den dünnen Drähten interessiert. Er stellt sich auf die Hinterpfoten und drückt mit seiner riesigen Tatze dagegen, als wolle er eine Tür öffnen.

Dann legt sich Bob auf den Rücken, streckt alle viere von sich, räkelt sich im Schnee wie eine Diva. Drollig sieht er aus, mit den schwarzen Knopfaugen, wie ein zu groß geratener Teddybär. Am liebsten möchte man ihn knuddeln, mit den Händen durch sein Fell wuscheln. Dass man einem Ursus Maritimus ins Auge blickt, einem Polarbären, dem größten Landraubtier der Erde, ist in diesem Augenblick fast vergessen. "Manchmal denke ich, der will nur spielen", sagt Profifotograf Dennis Fast, der die Fotosafari auf der Seal River Lodge im hohen Norden Manitobas, an der Hudson Bay in Kanada, leitet. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Aber für uns würde das nicht so gut ausgehen."

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Bob ist der Knut der Seal River Lodge. Nur ein bisschen erwachsener. Ein Teenager. Fünf Jahre alt, satte 250 Kilogramm schwer. Er ist der Star unter den 16 Gästen der Lodge. Ein sehr verlässlicher dazu. Täglich taucht er auf, knabbert am Maschendrahtzaun, posiert für Fotos, döst im Schnee. Sehr zur Freude der Gäste. Deswegen sind sie gekommen. An den Rand der Arktis, nach Churchill, einem Nest im Nirgendwo mit rund 900 Einwohnern. Jährlich wiederholt sich zwischen Oktober und November dasselbe Spektakel: An die 900 Eisbären warten auf das Zufrieren der Hudson Bay, um endlich nach Robben zu jagen. In Churchill herrscht dann Hochsaison. Tausende von Touristen lassen sich auf gigantischen gepanzerten Bussen, den Tundra Buggys, direkt vor die Nase der Eisbären fahren.

Exklusiver ist das Eisbärenabenteuer auf der Seal River Lodge. Dort ist es nicht ungewöhnlich, dass Gäste frühmorgens durch einen neugierigen Eisbären geweckt werden, der keck am Fenster steht. Und zu den Eisbären fährt kein Bus, zu denen geht man zu Fuß. Die Ökolodge, nach Aussagen der Eigentümer die "grünste der kanadischen Arktis", liegt an der Hudson Bay, mitten im Eisbärengebiet. Die Anreise hat Expeditionscharakter. Mit einer einmotorigen Otter werden Gepäck, Lebensmittel und Passagiere von Churchill aus in die Schneewüste geflogen. Eine halbe Stunde später erscheint das umzäunte Gelände mit den Gebäuden, ein winziger Punkt in einer endlosen weißen Wüste. Da draußen gibt es nichts. Alles andere ist in rauen Mengen vorhanden: Schnee, Eis und Eisbären.

Die Morgendämmerung tunkt Himmel und Eis in Barbiepuppenrosa und Trabitaubenblau, als sich die Gäste, dick vermummt in Polarparkas, bei minus 20 Grad auf dem "Compound", dem umzäunten Innenhof, versammeln. Es sind Profifotografen, die für kommerzielle Kunden fotografieren. Ambitionierte Hobbyfotografen mit den teuersten Kameras und Teleobjektiven, die Kanonenrohren gleichen. Urlauber, die sich mit der Reise zu den Eisbären einen Traum erfüllen und mit Digitalkameras knipsen.

"Oberstes Gebot: Sicherheit", erklärt Andy MacPherson, Polarbear Guide von Churchill Wild. "Keiner verlässt den umzäunten Bereich ohne unsere Begleitung. Die Eisbären sind neugierig und kommen näher – und das wollen wir auch, schließlich wollen wir Fotos machen."

Wie bitte? Der Eisbär soll näherkommen? Und was, wenn er kommt? Näher als einem lieb ist? "Dicht zusammenbleiben, wir stellen uns zwischen euch und den Bären und kümmern uns um ihn", meint Andy.

Die Gruppe tritt durch das Tor ins Freie, stapft durch den Schnee, Fotorucksäcke und Stative im Schlepptau. Feine Schneekristalle wirbeln durch die Luft. Und die ist so klar, als atme man reinen Sauerstoff.

Andy geht voraus, Guide Tara läuft als letzte in der Gruppe. Bald hat Andy Bob ausfindig gemacht. Irgendwo zwischen den Eisschollen auf der Bay macht er ein Nickerchen. Die Landschaft ist super, das Licht ist super. Ein Bär, der schläft? Nicht so super. "Dick angezogen sein und Geduld haben", mahnt Dennis. "Du weißt nie, wann etwas passiert." Bis etwas passiert, sollen wir uns warmhalten. Irgendwie. Auf der Stelle treten, im Kreis gehen, Arme kreisen.

Nach einer halben Stunde hüpfen, rudern, jammern, trampeln passiert etwas: Bob hebt den Kopf. Für wenige Sekunden, direkt in die aufgehende Sonne. Ein geniales Motiv. Formatfüllend für die mit den langen Teleobjektiven. Die Profikameras rattern wie Maschinengewehre. Dann tappt Bob los. Kommt näher. So nah, dass die Profis ihre Objektive wechseln müssen. Tara und Andy gehen langsam auf den Bären zu. "Okay Buddy, das reicht." Andys Stimme ist normal, aber bestimmt. Der Bär stoppt. Andy gibt der Gruppe ein Handzeichen; einige Schritte zurückgehen, um dem Bären Platz zu machen. Bob hält seinen Abstand und watschelt an der Gruppe vorbei. In die Spannung mischt sich Erstaunen: So was gibt’s sonst nur im Film: Keine zehn Meter entfernt ist eben ein echter Eisbär an uns vorbeigetappt!

Was aber, wenn der Bär aggressiv wird? Die Fotografen anfällt? Ist so was nicht unverantwortlich? "Eisbären werden immer als gemeingefährliche Tiere dargestellt", sagt Andy.

Seit Jahren arbeitet er als Bärenführer, hat viele intensive Begegnungen mit den Tieren gehabt. "Wir beobachten die Tiere ganz genau und respektieren ihren Raum." Meist reicht die Stimme und der Bär wendet sich ab. Nur selten musste er einen "Cracker" oder eine Heulrakete abfeuern. "Eisbären mögen keinen Lärm." Einen Bären erschießen musste er noch nie.

Beim Abendessen strahlen unsere Gesichter. Mike und Jeanne sind zufrieden. Das Ehepaar Reimer führt mit ihrer Großfamilie die Seal River Lodge. Jeannes Vorfahren gehören zu den Pionieren im Norden, ihre Großmutter baute die erste Handelsstation mit den Inuit auf. Seit 40 Jahren vermieten Jeannes Eltern Hütten in der Einsamkeit. Als Mike ins Geschäft einstieg, baute er sie zu exklusiven Ökolodges aus. Urlaub weit weg von der Zivilisation, aber mit Fünf-Sterne-Komfort. Das Essen ist vom Feinsten, vieles stammt aus heimischer Produktion, wie die Marmelade aus Cloudberries oder das Stew vom Karibu, das Mike selbst erlegt hat.

"Die Lichter sind da", ruft Mike plötzlich, während wir das Dessert löffeln. Uff, das kostet Überwindung. Sich loszureißen aus der behaglichen Wärme, Polarausrüstung an und hinaus in minus 25 Grad. Der Himmel explodiert. Die Lichter sind überall. Dort zieht ein grünes Band quer über den Horizont, über dem Kopf fällt ein grünlich-lilafarbener Lichtstrahl zur Erde, über der Bay bilden die bunten Schleier tanzende Ornamente. Still und ergriffen starren wir in den Himmel. Wie in Trance saugen wir den Rausch der Farben in uns auf. Das Himmelsschauspiel hat etwas Spirituelles, Göttliches. Die Kälte ist vergessen. Wir stehen einfach nur da, staunend, süchtig, trunken vor Glück. Breiten die Arme aus, um das Licht zu empfangen. Ist es Einbildung oder ist da tatsächlich ein Kribbeln auf der Haut?

Der Schatten, der auftaucht, ist keine Einbildung. Geräuschlos kommt etwas Großes daher. Ein Eisbär, der um den Zaun streift. So plötzlich, wie er gekommen ist, ist er verschwunden. Wir reiben uns die Augen – träumen wir? Der Himmel, der mit tausend Lichtern zur Erde fällt, und ein Eisbär, der direkt an uns vorbeitappt.

Dann kommt der Morgen und mit der aufgehenden Sonne zwei neue Eisbären. Es ist tatsächlich ein Traum. Ein unfassbar schöner. Aus dem wir erst mit der Abreise wieder erwachen.

Die Reise wurde unterstützt von der
Canadian Tourism Commission

Churchill/Kanada

Allgemein: Der kleine Ort Churchill am Rande der Hudson Bay zählt nur rund 900 Einwohner. Ist aber idealer Ausgangspunkt für Eisbärenbeobachtungen.
Anreise: Von Frankfurt oder Zürich mit der Air Canada via Toronto nach Winnipeg. Von Manitobas Provinzhauptstadt Winnipeg sind es knapp 2000 Kilometer bis nach Churchill. Es bleibt die Wahl zwischen einem zweistündigen Flug in einem winzigen Jet oder zweieinhalb Tagen mit der Eisenbahn durch die Tundra zu zuckeln.
Temperaturen: Durchschnittliche Tagestemperatur im Oktober/November: minus 12 bis minus 22 Grad. Durch die kalten Nordwinde sinkt die gefühlte Temperatur oft auf bis minus 30 oder 35 Grad. Das Gesicht muss besonders geschützt werden, da die Gefahr von Erfrierungen sehr hoch ist. Polaranorak, Hose und Polarboots können in Churchill gemietet werden. Die durchschnittliche Tagestemperatur in den Monaten Juli/ August beträgt rund 12 Grad, kann auf 25 Grad steigen. Die angenehmen Temperaturen werden allerdings von Moskitoschwärmen getrübt.
Eisbärtouren: Churchill Wild bietet verschiedene Touren zum Beobachten von Eisbären im Winter wie auch im Sommer an, z.B. die Polar-Bear-Fotosafari mit Übernachtungen in der Seal River Lodge inkl. Verpflegung/Getränke, Führung durch erfahrenen Fotografen und Eisbärenguides, http://www.churchillwild.com
Allgemein: Auskünfte über die Provinz Manitoba gibt es im Internet unter
http://www.travelmanitoba.com  

Autor: bcm

Autor: Birgit-Cathrin Duval (Text & Fotos)