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23. März 2012

Wandern

Der neue Lechweg

Der 120 Kilometer lange Lechweg soll im Juni nach den Kriterien des Deutschen Wanderverbandes als erster Europäischer Qualitätswanderweg eröffnet werden. „Leichtes Wandern in den Alpen“ soll sein Markenzeichen sein.

  1. Licca, der Steinige: Zwischen Felsen und Wäldern plätschert das Wasser Richtung Deutschland. Aber der Lech kann auch anders (rechts). Foto: Franz Lerchenmüller

  2. "Leichtes Wandern in den Alpen" soll das Markenzeichen des Lechwegs werden Foto: Franz Lerchenmüller

  3. Mutiger als die harten Mannsleute: Anna Stainer, die Geierwally Foto: Franz Lerchenmüller

  4. Auf heißer Flamme: Geierwally-Chef Guido Degasperi bereitet Tiroler G’stöpf zu. Foto: Lerchenmüller

  5. Bitte nicht schaukeln: Die neue Hängebrücke ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Foto: Franz Lerchenmüller

Ganz oben, in Vorarlberg, ist der große Wilde noch recht zahm: Der Lech kommt eher als Lechlein daher. Zwischen Fels und Alpenrosen plätschert Wasser aus der Erde, das etwas höher, am Grunde des tiefgrünen Formarinsees, in den Kalkstein gesickert ist. Von hier sucht Licca, der Steinige, der letzte unverbaute Wildfluss der Nordalpen, sich sein Bett zwischen Allgäuer und Lechtaler Alpen. Gemächlich zieht er weite Schleifen, bildet neue Inseln und wechselnde Arme, nimmt Seitenbäche, Kies und Fahrt auf und ergießt sich schließlich rund 260 Kilometer nordöstlich bei Marxheim in die Donau.

Ein schmaler Pfad, gesäumt von Johanniskraut, Latschenkiefern und Glockenblumen schlängelt sich neben dem anfänglichen Rinnsal hin, Murmeltiere pfeifen und die gelben Leuchten des Enzians stehen Spalier. Ein bronzener Steinbock erinnert an die italienischen Wilddiebe, die ihrem König Umberto einige dieser Tiere stahlen und ins Lechtal verkauften, wo man sie bis zum Aussterben gejagt hatte. Heute klettern wieder rund 400 Gehörnte durch die Felsen.

Hier beginnt der 120 Kilometer lange Lechweg, der im Juni nach den Kriterien des Deutschen Wanderverbandes als erster Europäischer Qualitätswanderweg eröffnet werden soll: "Leichtes Wandern in den Alpen" soll sein Markenzeichen sein.

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Von hier verläuft er auf Waldpfaden, Forstwegen und mal auch geteerten Fahrradstrecken bis nach Füssen, von 1800 hinunter auf 800 Meter Meereshöhe. Stundenweise marschiert der Wanderer direkt neben dem Fluss, sein donnerndes Rauschen im Ohr, dann wieder blickt er von weit oben auf sein berühmtes glasiges Türkis. Und entlang der Strecke liegen die Dörfer wie die berühmten Perlen an der Silberschnur, und jedes ist anders, jedes fügt einen neuen Aspekt zum Bild vom Leben im Tal hinzu, und vom Fluss, der es immer prägte.

In Lech am Arlberg, wo im Winter gekrönte und geföhnte Häupter aus aller Welt paparazzi-frei über die Hänge wedeln und der holländische Prinz Johan Friso erst kürzlich von einer Lawine verschüttet wurde, ziehen sich schindelverkleidete Hotelpaläste mit Holzbalkonen die Hänge hoch. Im Heimatmuseum mit den rissigen Deckenbrettern redet Birgit Ortner, die junge Leiterin, sich warm. Eindringlich erzählt sie, wie Alemannen, Bajuwaren und Walser im Lauf von Jahrhunderten zur Talbevölkerung zusammenwuchsen, oder wie sich einst Gruppen von "Schwabenkindern" durch Schnee und Eis zu Fuß hinaus nach Schwaben quälten, um den Sommer über bei einem Großbauern zu schuften.

Tourismus und Skifahren wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg zur Einnahmequelle, als die Armeen ihre Vorräte an Winterausrüstung verschenkten. Aber dann drängten sich in den 1920er und 1930er Jahren zwischen die traditionellen Bauernhäuser Pensionen im Bauhausstil, Hotels mit gerundeten Speisesälen und Tanzcafés mit Kugellampen. Die Post setzte Raupenfahrzeuge ein, der erste Skilift Österreichs wurde 1938 in Zürs eröffnet, der Smoking, der Jazz und ein englischer Maßschneider kamen ins Tal – ein Bauernflecken mauserte sich zum Hotspot des internationalen Jetset.

Die große Zeit von Holzgau dagegen liegt schon länger zurück – so etwa um 1800. Aber all die Säulen, Blumen und Ornamente der spätbarocken Lüftlmalerei, die die Fassaden zieren, erinnern noch heute unübersehbar daran, wie abenteuerlustige Dörfler mit Garn und Leinen aus dem Tal hausieren gingen, gute Geschäfte tätigten und schließlich richtige Handelsdynastien bildeten, die bis nach Hamburg tätig waren.

So viel Geld hatten die Holzgauer, dass sie es an die benachbarten Oberstdorfer ausleihen konnten, als die nach dem verheerenden Brand 1856 ihre Stadt wieder aufbauen mussten. Das weckte natürlich schon früh auch den ältesten Walser im Tal, Bruder Neid: Es gebe Männlein, Weiblein und Holzgauer hieß es knapp – und das war ganz und gar nicht als Kompliment gedacht.

Für Außergewöhnliches sind die Holzgauer auch heute noch gut: Über die Höhenbachschlucht hinter dem Dorf spannt sich ein schmaler, schwingender Steg. Österreichs längste Fußgängerhängebrücke ist nagelneu, 200 Meter lang, einen Meter breit und hat ein Geländer von 1,30 Meter Höhe.
Als Teil des Lechwegs verbindet sie in 110 Metern Höhe die beiden Wände. Ein spektakulärer, moderner Blickfang also über der uralten, naturbelassenen Schlucht, in der der Simms-Wasserfall in Kaskaden und schäumenden Wirbeln in die Tiefe schießt.

Uralt? Naturbelassen? Von wegen. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ der englische Industrielle Frederick R. Simms, der eine Jagdhütte in der Gegend besaß, eine Felsbarriere sprengen und öffnete so dem Höhenbach erst sein heutiges, wildromantisches Bett: Der Natur nachgeholfen wurde auch damals schon.

Elbigenalp ist der Hauptort des Lechtals. Hier war die Geierwally zu Hause. Anna Stainer ließ sich 1858 im Alter von 17 Jahren über steilen Fels abseilen und nahm einen Adlerhorst aus – was sich die jungen Männer nicht getraut hatten. Ein Roman und mehrere Filme machten die selbstbewusste Frau berühmt, die später ihren Lebensunterhalt als Malerin verdiente. Im Restaurant Zur Geierwally hat Guido Degasperi Zeitungsausschnitte, Filmprogramme und Gemälde gesammelt. Auf der Karte steht Tiroler Kost wie Bergnocken, Kaspressknödelsuppe und G’stöpf, eine Art Kaiserschmarren.

Und abends wird auf der Freilichtbühne "Sturm in den Bergen" oder ein anderes Alpendrama aufgeführt. Wie es sich für deftiges Bauerntheater gehört, wird reichlich gerauft, gebrüllt und gesoffen, und Typen wie den einsatzgeilen Feuerwehrhauptmann oder den tumben Dorfgigolo erkennt jeder wieder.

Hinter Forchach weitet sich das Lechtal. Die Burgwelt Ehrenberg mit ihren gleich drei teilrestaurierten Ruinen ist einen Abstecher wert – eine historische Lechweg-Schleife gewissermaßen. Der Vogelbeobachtungsturm hinter Reutte wiederum erlaubt einen Einblick in die Biologie des Lechtals. So ganz stimmt die Rede von einem der letzten naturbelassenen Wildflüsse Europas nicht, gibt Anette Kestler zu, die Leiterin des Naturparks Lechtal. Auch der Lech wurde vor 100, 150 Jahren teilweise befestigt – jedes ebene Fleckchen Erde, das man dem Fluss abtrotzen konnte, war in der bergigen Region eine Kostbarkeit. Erst die vermehrten Hochwasser, 1999 und 2005 vor allem, führten zum Umdenken. Seitdem werden Dämme in Seitentälern geöffnet, damit die Flüsse wieder Kies eintragen können, was die Kraft des Lech bremst. Der Fluss darf, wenn er viel Wasser führt, sich in Retentionsflächen ausbreiten. Genau eine solche erstreckt sich am Fuß des Turms, ein Weichholzauwald aus Grauerlen, Weiden und Liguster. Der Fluss hat Äste, Wurzelstöcke und Stämme angetrieben und aufgehäuft: "Das sind ideale Brutstätten für Insekten, die wiederum Nahrung für eine Vielzahl von Singvögeln sind", erklärt die Leiterin. Rund 70 Prozent aller Vögel Tirols schwirren hier herum, 110 Arten, darunter so seltene wie der Flussuferläufer, der die weiten Kiesflächen zur Brut braucht.

Ganz am Ende des Weges nehmen die Planer sich eine gewisse Freiheit heraus: Sie führen die Strecke weg vom Lech und das hat seinen Grund. Irgendwann tauchen auf den bewaldeten Höhen von fern die Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein auf, ein optisches Ausrufezeichen zu guter Letzt.

Am Lechfall in Füssen verabschiedet sich der Begleiter der vergangenen Tage donnernd in die Tiefe. Ab jetzt hat das freie Leben ein Ende. Begradigt, eingefasst und gezähmt hat er Kraftwerksturbinen anzutreiben und gesittet mitteleuropäisch dahinzufließen. Den Wanderer erwartet Füssen, mit dem Hohen Schloss, der quirligen Altstadt und den japanischen Touristengruppen – auch für ihn ist Schluss mit dem Umhervagabundieren: Die Tage am schönen wilden Fluss sind vorbei.

Der Lechweg

Anreise: Von Freiburg aus über den Schwarzwald Richtung Bodensee.

Alternativ über Basel, Zürich und St. Gallen. Auf der Rheintalautobahn Richtung Arlberg. Kurz vor der Passhöhe

geht es links nach Zürs und Lech.
Erleben: Freilichtbühne Geierwally, Vorverkauf Tel. +43/5634531512,

geierwally@lechtal.at, http://www.geierwally.at
Burgenwelt Ehrenberg, Klause 1, A-6600 Reutte, Tel. +43/567262007, E-Mail

info@ehrenberg.at, http://www.ehrenberg.at
Naturpark Tiroler Lech, Mühlbachweg 5, A-6671 Weißenbach, Tel. +43/67688508- 7941, info@naturpark-tiroler-lech.at, http://www.naturpark-tiroler-lech.at
Literatur: Martin Kluger Der Lech, Context Medien 2011, 9,90 Euro
Anfragen zum Lechweg: Füssen

Tourismus, Kaiser-Maximilian-Platz 1,

87629 Füssen, Tel. 08362/93850,

E-Mail tourismus@fuessen.de,

http://www.tourismus-fuessen.de  

Autor: bz

Autor: Franz Lerchenmüller (Text und Fotos)