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23. Januar 2016

Auf den Spuren der Dichter

Lake District: Wind, Wasser, Freiheit

Der Norden Englands ist eine raue Gegend – gesehen durch die Poesie zweier romantischer Dichter zugleich aber lieblich und federleicht. Eine Reise in fünf Bildern /.

  1. Romantische Bilderbuchidylle: Grasmere, das kleine Heimatdorf des Dichters William Wordsworth, schmiegt sich an die Hügel des Lake District. Foto: Sofia Conraths

  2. Foto: Sofia Conraths

  3. Auf den Spuren des römischen Imperiums: der Hadrianswall Foto: Sofia Conraths

  4. Bunt: Gasse in Newcastle Foto: Sofia Conraths

ordengland, gesehen durch die Poesie romantischer Dichter: Eine lyrische Art, um die Regionen North West England, Yorkshire and the Humber und North East England zu entdecken. Zwei der Hauptverfechter der britischen Romantik waren William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge. Eine Reise in fünf Bildern.

N
Das Sonnenlicht schlängelt sich elegant und federleicht durch die üppigen Baumkronen in den Gärten von Monk Coniston. Einsam und imposant liegt das alte Herrenhaus eingebettet zwischen hohen, rötlich schimmernden Bergen an der nördlichsten Spitze des Sees Coniston Water. Er ist einer der 16 Seen im nordenglischen Lake District der Grafschaft Cumbria. Alle Teiche und kleineren Seen der Region mit inbegriffen, umfasst der Lake District an die 1000 Gewässer. William Wordsworth kam aus dem Lake District. Er liebte ihn. Tagelang konnte er durch seine Heimat wandern und beschreiben, was er sah. Die Seen, die Berge, die Sonne, den Nebel. Sein Glück war die Natur.
Auch die britische Schriftstellerin Beatrix Potter (1866-1943) lebte im Lake District. In England wurde sie durch ihre Kinderbücher namens "Peter Hase" bekannt, Potter verdiente mit ihnen gutes Geld. Sie machte es sich zur Aufgabe, zahlreiche Hektar Land im Lake District zu kaufen, um sie nach ihrem Tod an den National Trust, eine nationale Treuhandschaft für Or

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te von historischem Interesse, zu vermachen. Sie erwarb Monk Coniston 1930, um seine Zerstörung zu verhindern. Als Potter 13 Jahre später starb, vermachte sie mehr als 1600 Hektar Land an den National Trust.

100 Jahre früher blickte auch William Wordsworth der Industrialisierung seines geliebten Lake District skeptisch entgegen. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich diese auf rasante Weise, und veränderte die Denkweise der Menschen, auch ihre Sicht auf die Ressourcen ihrer Umgebung. Sie sagten Dinge wie "Hier könnten wir noch bauen, und hier auch, und hier eine Mine platzieren und dort noch ein paar Schienen". Gegen diese Veränderungen wehrten sich die Romantiker – mit ihrer Feder. Sie schrieben, um in phantastische, unwirkliche oder einfach biedermeierliche, unberührte Welten zu fliehen.

Geflohen sind wir auch. Geflohen in eine butterweiche, samtig grüne, lyrische Welt. Wordsworths rosarote Dichterbrille hatten wir an. Sie stand uns hervorragend.


In der Grafschaft Northumberland sind die Burgen Beschützer der Tradition, des Nebels, der Unabhängigkeit. Durch die Nähe zur schottischen Grenze und die Zugehörigkeit zur britischen Krone war die Grafschaft über Jahrhunderte Schauplatz von Kämpfen, Kriegen, Protesten.

Die Burgen sind riesig, unheimlich, unendlich faszinierend. Sie tragen Namen wie Alnwick Castle, Dunstanburgh Castle, Warkworth Castle; obgleich sie mit Schlössern wenig zu tun haben. Viel eher sind es große, dunkle Kolosse. Sie entstanden vor Hunderten von Jahren, um die Feinde das Fürchten zu lehren. Wir sind keine Feinde, und betreten Alnwick Castle bei typischem, romantischem Nieselregen. Seit 700 Jahren ist die Anlage im Besitz der Familie Percy, deren Oberhaupt seit dem 18. Jahrhundert den Titel des Duke Of Northumberland trägt. Die Burganlage wurde 1096 errichtet und ist nach Windsor Castle der zweitgrößte Adelssitz Englands. Auf Alnwick Castle sollen die Besucher in die Welt des Adels eintauchen, sich ihm nahe fühlen. Zahlreiche Familienbilder, gemütliche Leseecken, eine riesige Bibliothek mit Kamin und die Aussage des Reiseführers "Hier verbringt der Duke of Northumberland im Winter seine Abende", soll die Intimität zwischen "Volk und Herrscher" verstärken. Der Besitz des Duke umfasst 40 000 Hektar Land – die vierfache Größe der Insel Sylt – , die meisten Geschäfte, Restaurants, Pubs gehören ihm. Seine Pächter zahlen ihm Miete und bewirtschaften dafür die Geschäfte. Es scheint, als sei die Zeit in Northumberland stehengeblieben. Als wehrte sie sich gegen Veränderung. Der Herzog und seine Untertanen. Stimmt das Bild noch? Klare Hierarchieregeln scheinen zumindest immer noch zu herrschen. Die Meinungen der Reisenden sind gemischt. Pracht, Gold, Luxus, Macht – schön und gut. Aber auf Kosten wessen?

"Veni, vidi, vici", sagte Cäsar nach dem Aufbau seines Imperiums. Seine Nachfolger strebten die gleichen Ziele von Weltmacht an wie er und kämpften sich hartnäckig durch ganz Europa. Sogar bis Nordengland gelangten sie. Dort oben, im hohen Norden, an der schottischen Grenze zur damaligen Provinz Britannia war Schluss. Kaiser Hadrian (76 bis 138 nach Christus) ordnete den Bau eines großen Schutzwalls an. Dieser erstreckte sich auf einer Länge von fast 118 Kilometern, fungierte als Grenze und sollte die unkontrollierte Einwanderung schottischer und irischer Stämme auf römisches Gebiet verhindern.

In unserem kleinen Reisebus fahren wir bis zur Hauptankunftsstelle für Besucher. Schon beim Aussteigen weht ein starker Wind, und der Duft nach Geschichte, nach Herrschaft, nach römischem Imperium, aber auch nach Vergangenheit, zieht an uns vorüber. Der Hadrianswall wurde 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Er kann erwandert werden – und genau das haben wir vor. Schon bald befinden wir uns auf einer Anhöhe, von der aus wir kilometerweit in die Ferne, Richtung Schottland schauen können. Die steinige Mauer zieht sich endlos vor uns, kurvig, von Jahrtausenden von Stürmen, Regen, Sonne und Schnee völlig verwittert. Was und wen dieser Wall schon alles gesehen haben muss? Und immer noch steht er aufrecht und erinnert an Rom, die Ewige Stadt im Süden Europas. Er erinnert an ihre Macht, aber auch an ihre Grenzen.

Beim Anblick der steppengleichen Natur auf der anderen Seite des Walls geht dem Betrachter das Herz auf. Coleridge hat Recht. Hier ist die eigene Freiheit zu spüren. Auch Wordsworth wäre zufrieden. So viele Wolken, so viel Gras, Wald, Himmel – die Landschaft wäre für ihn gewiss eine Offenbarung. Für uns sowieso. Es wäre traumhaft, die zahlreichen Eindrücke einzupacken, mitzunehmen, und in einem Marmeladenglas zu verschließen. Und wenn das Leben uns einen Fausthieb gibt, öffnen wir das Glas und riechen daran. Und sammeln Kraft in der Natur. Wie Wordsworth und Coleridge einst.
Newcastle upon Tyne blüht. Die Stadt im Nordosten Englands, unweit der schottischen Grenze, wirkt auf sonderbare Weise unberührt. Wenig Touristen, dafür viel zu sehen. Im Mittelalter war die Stadt ein reiches Wirtschaftszentrum, die sich durch Kohleabbau und -export auszeichnete. Im 19. Jahrhundert kamen Schiffsbau, Stahlwerke und Maschinenbau dazu. Auch die erste Fabrik für den Bau von Dampflokomotiven stand in Newcastle.

Schlecht ging es der Kohlemetropole und Nordengland in der Regierungszeit von Margaret Thatcher (1979-1990). In ihrer ersten Legislaturperiode bekämpfte sie die Inflation, in ihrer zweiten ging es darum, den Einfluss des Staates und der Gewerkschaften auf die Wirtschaft zurückzudrängen. Mit der Privatisierung vieler Staatsunternehmen sorgte Thatcher für Unmut unter Arbeitern und Angestellten.

Generell genoss Newcastle im 20. Jahrhundert wenig Ansehen. Aufgrund der Kohleproduktion waren viele Gebäude rußgeschwärzt. "Thatcher hat mal gesagt, man sollte Newcastle runterbrennen und wieder neu aufbauen", erzählt Alex, unser Guide. Kurz und gut: Nach Newcastle wollte lange niemand.

Jetzt schon. Die Stadt scheint förmlich aus Kontrasten zu bestehen. Alte, edel verputzte Gebäude neben schicken, modernen Bars; zahlreiche, bunte, stilvolle Kneipen und Cafés wie der "Botanist", ein Café über zwei Stockwerke, das vor Blumen und Pflanzen überquillt. Auch die imposante Millennium-Brücke zeugt von der Renaissance und der Modernität der Stadt. Die "Baltic", ein ehemaliger Getreidespeicher, wurde zu einer der größten Galerien für Gegenwartskunst in Europa umgebaut.

Wir vermuten: Die Naturverfechter Wordsworth und Coleridge wären sprachlos – aber vielleicht nicht gänzlich verstört. Gut, Natur findet sich in Newcastle wenig. Trotzdem ist Frische zu spüren und vor allem: Leben. Wenn beide Männer am Ufer des Flusses säßen, mit Blick auf die ehemalige Industriestadt, fänden sie sicherlich ausreichend Stoff für ihre Gedichte.
Wetten, es ist einfach. Wetten, wir kriegen sie. Bestimmt reicht es schon, die Hand auszustrecken, um sie zu berühren, sie zwischen unseren Händen zu verschließen. Wie Wolle, Watte. Wie unförmige, weiße Murmeln. Denn genauso sehen sie aus, die Wolken in Northumberland. Träge und nachdenklich hängen sie über Bamburgh Castle und blicken auf den Strand. Auf ihm bewegen sich Menschen, die aussehen wie verirrte Ameisen. Nur wenige Ameisen haben sich bei dem Wetter rausgetraut. Zu schade, denn genau jetzt ist sie doch zu spüren. Diese milde, magische Atmosphäre. Ein Schritt Richtung Meer und sofort knistert die Luft, durchdrungen von Wind, Wasser, Freiheit. Wir frösteln. Dort, an den Stränden der Nordsee, ist es leicht, sich frei zu fühlen. Es ist leicht, wie eine Wolke zu sein, wie eine Wolke zu wandern. Doch nicht wie eine einsame Wolke. Einsam sind die Wolken nicht. Im Gegenteil. Dicht aneinandergedrängt ziehen sie gen Norden. Wordsworth hätte das auch gemerkt. Auch er hätte versucht, nach ihnen zu greifen. Denn worum geht es letztendlich, im Großen und Ganzen? Es geht darum, nach den Wolken zu greifen. Gut, sie sind weit weg. Aber vielleicht, ganz vielleicht, ist es in Nordengland etwas leichter als woanders. Wegen der Luft, wegen der Freiheit. Wetten, es ist einfach. Wetten, wir kriegen sie.

Die Reise wurde unterstützt von
Visit Britain und Boundless Reisen.

Nordengland

Anreise: Nonstopflüge nach Manchester gibt es vom Euroairport Basel ab 80 Euro und von Frankfurt ab 138 Euro (Hin- und Rückflug).
Wanderreise: Um Nordengland kennen zu lernen, bieten sich Wanderreisen von Boundless Reisen an: "Northern
Delights", 14 Übernachtungen mit Halbpension ab 2395 Euro;
"Hadrians Wall" von Newcastle bis Bowness-on-Solway, 7 Übernachtungen für 1245 Euro; "Lake District & Yorkshire Dales", 11 Übernachtungen für 1695 Euro.
Beste Reisezeit: Die beste Reisezeit für Nordengland ist von Mitte April bis Ende September.
Währung: Großbritannien ist zwar Mitglied in der EU, hat aber keinen Euro, sondern das britische Pfund.
Literatur: Reiseführer von Hans-Günter Semsek, Astrif Fieß, Lars Kabel: England – Norden und Mitte,
Reise-Know-How-Verlag, 2014, 540
Seiten, 22,50 Euro
Internet: Wanderreisen buchbar unter
http://www.boundless-reisen.de
Auskunft: Visit Britain, Alexanderplatz 1, 10178 Berlin, Tel. 030/31571941,
Internet: http://www.visitbritain.com/de  

Autor: soc

Autor: Sofia Conraths (Text und Fotos)