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21. April 2017 08:00 Uhr

Reise

Von Ladestation zu Ladestation: Mit dem Tesla zum Nordkap

Zwei Frauen, ein Elektroauto, keine Angst: Claudia Wörner und Heidi Prochaska berichten über einen Selbstversuch – mit dem Elektroauto im Winter zum Nordkap zu fahren.

  1. Dem Norden entgegen fahren. Claudia Wörner und Heidi Prochaska haben es gewagt – mit dem Elektroauto. Foto: Claudia Wörner

  2. Heidi Prochaska (links) und Claudia Wörner warten auf die Fähre in Tromsø. Foto: Claudia Wörner

  3. Von Aufladestation zu Aufladestation führt die Reise die beiden Freundinnen. Foto: Claudia Wörner

  4. Das beste am Norden ist das Nordlicht. Foto: Claudia Wörner

  5. In Lillehammer Foto: Claudia Wörner

Während in den Oberrheingraben mit Macht der Frühling einzieht, fahren wir dem Winter hinterher. Dazu geht es weit nach Norden – genauer gesagt so weit, wie es mit dem Auto geht, zum Nordkap, norwegisch "Nordkapp" mit zusätzlichem "p". Dies für sich genommen wäre nur mäßig aufregend, für den Kick sorgt das Fahrzeug, mit dem wir unterwegs sind: ein Tesla Model S - P 100 D. Nicht einfach ein Elektroauto, sondern ein elektrisches Sportcoupé mit mehr als 600 PS und Allradantrieb. Wie alltagstauglich ist ein solches Auto – auch unter Extrembedingungen –, wie klappt das Aufladen und wie ist das mit der Reichweitenangst? Nach 7666 Kilometern in 206 Stunden wissen wir mehr.

Sechs Kaffee bis Travemünde

Die erste Etappe unserer Fahrt führt zur Fähre Travemünde-Malmö. Wir starten in Stuttgart, mit kleinen Umwegen – die Energie Baden-Württemberg (ENBW) weiht zusammen mit uns in Pforzheim eine Schnellladestation ein – fahren wir 940 Kilometer und laden 6 Mal die Akkus an sogenannten Superchargern. So heißen die Schnellladestationen von Tesla entlang der Autobahn. Meist sind es 6 bis 10 Ladestellen pro Station, an ihnen lassen sich bis zu 135 kW abzapfen. Eine Ladung bis zur Weiterfahrt dauert rund 20 Minuten – ein Kaffee und schon geht es weiter.

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Das häufige Aufladen hat einen Grund: Die beiden E-Motoren des Tesla – einer vorne einer hinten – sorgen für so viel Fahrspaß, dass die frisch geladenen Kilometer wie von Geisterhand vom riesigen Display auf der Mittelkonsole verschwinden. Bei diesem Auto gibt es kein Getriebe und kein Turboloch. Das gewaltige Drehmoment liegt aus dem Stillstand bis 250 km/h kontinuierlich an und sorgt für unglaubliche Beschleunigungszeiten.

Die E 6 als ständige Begleiterin

Am zweiten Tag kommen wir morgens um 7 Uhr mit der Fähre in Malmö an. Es geht entlang der E 6 Richtung Norden. 250 Kilometer nördlich von Trondheim besteht der Fahrbahnbelag nur noch aus Eis und Schnee. Den Norwegern macht das nichts aus, sie fahren mit Spikes und meistens die vorgeschriebenen 80 km/h. Das gilt auch für die Trucker. Unser Elektroauto hält ganz gut mit, der Vierradantrieb macht die rutschige Fahrbahn griffiger. Dank der zwei Motoren wird das Drehmoment an den Vorder- und Hinterrädern separat gesteuert, die Regelung erfolgt digital. Tesla behauptet, sie sei daher wesentlich präziser als bei einer mechanischen Steuerung. Zunächst glauben wir nur dem Prospekt, später, nach rund 4000 Kilometern auf Eis und Schnee, sind wir davon überzeugt.

Auch an Tag drei und vier führt die Fahrt von Supercharger zu Supercharger. Norwegen ist von Tesla sehr gut erschlossen. 80 Kilometer nördlich von Mo i Rana, einer Stadt mit rund 18.000 Einwohnern, ist der Polarkreis erreicht. Auf 670 Meter Höhe weht es uns fast von der Fahrbahn. Hier beginnt das Polargebiet. Wir bleiben entspannt, denn trotz Kurven, steilen Abhängen und Eis hält sich der Tesla sicher auf der Straße. Die Fahrt geht durch kleine Dörfer und dunkle Wälder. Am letzten Supercharger in Setermoen laden wir den Tesla 1,5 Stunden lang voll auf 100 Prozent; das Display zeigt 494 Kilometer Reichweite an. Die von Tesla angegebenen 613 Kilometer Reichweite gelten bei gutem warmen Wetter und ohne Steigung. Im norwegischen Norden ist es minus 24 Grad kalt und das Gelände ist bergig.

Zudem verbraucht der Tesla viel Energie für die Allradregelung, die hilft, auf der schnee- und eisglatten Fahrbahn die Spur zu halten. Den Reichweiten-Abschlag für Kälte, Steigung und Glätte schätzen wir auf etwa 40 Prozent. Für 250 Kilometer bis zum nächsten Supercharger laden wir deshalb auf mindestens 370 Kilometer Reichweite auf. Ist das die oft beschriebene Reichweitenangst?

Ab Setermoen liegen 1300 Kilometer Hin- und Rückfahrt ohne Supercharger vor uns. So sind wir ständig mit Rechnen beschäftigt, wo die nächste Ladung möglich ist und wie lange es dazu braucht. Wir stöpseln zum Beispiel den Tesla über Nacht an eine Typ-2-Ladestation des Scandic Alta Hotels. Hier gibt es 11 kW Drehstrom dreiphasig, was uns magere 45 Kilometer Reichweite pro Stunde bringt.

Klares Wetter am Nordkap

An Tag fünf verlassen wir bei Olderfjord nach mehr als 2500 Kilometern die E 6 und fahren auf der E 69 Richtung Nordkap – lässige 130 Kilometer. Die winterliche Landschaft wird noch beeindruckender. Das Ziel scheint zum Greifen nah, bis plötzlich rabenschwarz wird und unglaublich dichter Schneefall einsetzt. Der Allrad ist wieder einmal gefordert, Steckenbleiben verboten. Gut dass die warmen Schlafsäcke für eine eventuelle Übernachtung im Auto schon im Innenraum lagern. Doch so schnell wie der Spuk kam, hat er sich wieder verzogen.

Das Nordkap empfängt uns mit klarem Wetter. Wir fühlen uns ein wenig wie Pionierinnen – und sind es auch. Denn uns ist nur ein Fahrer bekannt, der mit seinem Tesla im Winter ans Nordkap gefahren ist – Hansjörg von Gemmingen, der weltweit den Kilometerrekord für die Marke hält.

Zurück mit Werkstattbesuch

Von Tag sechs bis Tag acht fahren wir zurück. Ein kurzer Blick in Google Maps genügt. Vor uns liegen 3758 Kilometer. Davon rund 2000 Kilometer mit Eis und Schnee auf der Fahrbahn. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 50 Stundenkilometern. Zudem wollen wir noch einen "kleinen Abstecher" nach Tromsø machen. Dort liegt die nördlichste Tesla Werkstatt der Welt. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das höhenverstellbare Fahrwerk des Teslas richtig funktioniert. Bei der Normaleinstellung liegt er zu tief. Das Fahrwerk lässt sich zwar hochfahren, aber es stellt sich automatisch auf normal zurück, wenn man schneller als 70 fährt.

Sicher ist sicher, immerhin kostet das gute Stück 177.000 Euro. Vieles können die Teslaleute ganz einfach über einen Remote-Check aus der Ferne kontrollieren. Der sagt an: "alles ok". Dennoch vertrauen wir lieber unserem Instinkt und fahren die Werkstatt an. Nach knapp zwei Stunden Sprachunterricht und einem Kaffee geht es voll aufgetankt weiter. Ein Sensor wurde ausgetauscht und der Tesla hält nun wieder seine normale Fahrhöhe. Ein "Tusen takk" an Tesla Tromsø.

Ab Tromsø wird’s sportlich

Ab jetzt wird es sportlich – Energiesparen heißt es ab jetzt nur noch für die menschliche Fracht an Bord. Denn Aufladen ist ab Tromsø ein Kinderspiel. Eine am Steuer, die andere schlafend auf dem Rücksitz geht es an malerischen Fjorden entlang über abenteuerlich geschwungene Brücken und schier unendliche Tunnel von Supercharger zu Supercharger. Die Straßen wären im Sommer perfekte Motorradstrecken.

Nächstes Ziel ist Lillehammer. Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1994 und – für Serienjunkies, die hier die Flamingobar oder die Ferrari-Brücke besichtigen – Handlungsort von "Lilyhammer". Ab Lillehammer ist die E 6 eisfrei und wird immer mehr zur Autobahn. Schneefall dämpft aufkeimenden Übermut. Die zweite Nacht ohne Übernachtung in Folge bricht an, irgendwann zwischen Oslo und Malmö regnet es nur noch. Nach einer 45-minütigen Fahrt mit der ersten Fähre von Rödby aus erreichen wir Puttgarden und damit Deutschland. Wir fahren an den Timmendorfer Strand und gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück.

Ab jetzt sind es noch runde 800 Kilometer bis nach Hause. Und die werden nochmal richtig gefeiert: Der Tesla hat nicht nur zwei Motoren, sondern auch jede Menge Fahrprogramme. Eines davon heißt "von Sinnen" und verleiht dem kalifornischen E-Mobil förmlich Flügel. Ein Fahrgefühl, das den Abschied nach 7666 Kilometern nicht eben leichter macht.
Das Team

Claudia Wörner (51) ist Motor-Journalistin und Geschäftsführerin von yes or no Media
Heidi Prochaska (52) ist Trainerin, Coach, Autorin und ehemalige Personenschützerin

Tesla Model S P100D

Maße und Gewichte: L/B/H (mm): 4979/2187/1445; Leergewicht: 2241 kg, zul. Gesamtgewicht: 2720 kg; Kofferraum: 804,2/1645,2 Liter; Wendekreis: 11,3 m; Batteriekapazität: 100 kwh.

Motor: 2 Drehstrom-Asynchronantriebsmotoren, 449 kW/611 PS (max. Systemleistung), max. Drehmoment (System): 967 Nm, Allradantrieb, kein Getriebe; Reichweite: 613 km

Fahrleistungen: Vmax: 250 km/h; 0-100 Km/h: 2,7 Sek. (Bei voller Batterie).

Preise: Basis: 154 820 Euro, Testwagenpreis: 177 460 Euro.

Autor: Claudia Wörner und Heidi Prochaska (Text und Fotos)