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04. Juli 2015

Auf Suche nach Arbeit und Sicherheit

BZ-SERIE (I): Menschen aus aller Welt / Der Tischler Omar Youseef aus Syrien hat Heimat und Familie auf der Flucht verloren.

  1. Der 25 jährige Tischler Omar Youseef in der Gewerbeschule lernt Deutsch. Foto: Sarah Nöltner

RHEINFELDEN. Etwa 400 Asylbewerber sind in der staatlichen Unterkunft in der Schildgasse untergebracht. Jeder Flüchtling bringt eine persönliche Schicksalsgeschichte mit. Die Badische Zeitung stellt in einer Serie Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie keine Perspektive mehr bietet und die sich Hoffnung auf ein Leben mit Zukunft machen. Heute: Omar Youseef aus Syrien.

Damaskus, eine Stadt mit der Verheißung von Orient, gastfreundlichen Menschen, lebhaften Märkten, orientalischem Essen und archäologisch spannenden Spuren menschlicher Besiedelung. Die Geschichte der Stadt reicht bis in die Steinzeit zurück und sogar in der Bibel findet sie Erwähnung. Die Altstadt von Damaskus ist seit 36 Jahren Unesco-Weltkulturerbe. Die Zeugnisse früher Kulturen und die abwechslungsreiche Landschaft zogen europäische Touristen an. Früher fanden viele Bildungsreisen durch Syrien statt, in den Jahren vor dem Krieg etablierte sich auch das Couch-Surfing, eine moderne Form des Individual-Tourismus, das besonders individuelle Möglichkeiten Land und Leute kennenzulernen, bietet. Privatleute bieten Reisenden ihre Couch zum Übernachten an, kochen für sie und zeigen ihnen ihre Stadt.

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Einer, der als Gastgeber sehr aktiv in der Couchsurfing-Szene war, ist der aus Damaskus stammende Syrer Omar Youseef. Youseef ist 25 Jahre alt und Kriegs-Flüchtling. Seit August 2014 lebt er in der Gemeinschaftsunterkunft. Nach Rheinfelden geführt hat ihn eine etwa 2-jährige Odyssee. Er reiste von Syrien in die Türkei und versuchte von dort aus acht Mal mit Schiffen nach Griechenland zu kommen. Acht Mal wurde er an der Grenze von der Polizei wieder zurückgeschickt. Dann gelang ihm über Serbien die Reise nach Deutschland, wo er mit Zwischenstationen in Karlsruhe und Mannheim schließlich in Rheinfelden landete.

Warum hat er seine Heimat, die er liebte, verlassen? Der Krieg zerstörte sein bisheriges Leben und nahm Youseef jede Zukunftsperspektive. Weite Teile seiner Heimat liegen in Trümmern, das Viertel, in dem er lebte, kontrolliert der sogenannte Islamische Staat. Bomben fallen, Menschen hungern.

Freunde von ihm starben und er entschloss sich, das Land zu verlassen. Er hoffte, er könne sich anderswo ein neues Leben aufbauen. Gemeinsam mit seiner Mutter, seiner Verlobten und seiner Schwester mit ihren beiden kleinen Kindern, so hoffte er, könnte er anderswo in der Welt, in Europa oder den USA, ein Leben beginnen, das ihm und seiner Familie eine Zukunft bietet. Arbeit und Sicherheit und ein klein wenig Raum für Träume.

Youseef arbeitete in Syrien als Tischler und er war überzeugt, dass er überall Arbeit finden würde, Tischler braucht man schließlich immer. Vor seiner Flucht glaubte er, an einer Art Nullpunkt in seinem Leben angekommen zu sein. In seiner Heimat sah er keine Perspektive für sich. Voll Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben verließ er alles und alle, die er liebte. Und erlebte, dass das Lebensbarometer tiefer als Null fallen kann. Während er versuchte, von der Türkei nach Griechenland zu kommen, wagten seine Mutter, seine Verlobte, seine Schwester und ihre beiden zwei-und dreijährigen Kinder die Flucht über das Mittelmeer Richtung Italien. Und starben alle.

Youseef ist in Deutschland und er lebt. Doch von seinem alten Leben ist ihm nichts geblieben. Keine Papiere (irgendwo zwischen der Türkei und Griechenland hat er sie verloren), keine Familie, keine Arbeit, keine Aussicht auf Veränderung. Youseef lernt seit fünf Monaten deutsch, und er glaubt, seine Lehrer finden seine Leistung "ganz gut". Er sagt, um hier zu leben, sei die Sprache das Wichtigste. Dieses Wissen motiviere ihn, weiter zu lernen. Auch wenn er sonst wenig Hoffnung hat. Platz für Träume und Ziele hat er in seinem Kopf im Moment nicht. Er hat überlebt, er lebt und überlebt jeden Tag weiter.

Das Zusammensein mit den vielen Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft, die Ähnliches erlebt haben, sei psychisch schwierig, erzählt er. Außer zu den Menschen vom Freundeskreis Asyl und seinen Lehrern in der Schule habe er keinen Kontakt zu Menschen aus Rheinfelden, erzählt er bedauernd und sagt, er fühle sich allein und isoliert. All die Menschen, die er liebte und die sein Leben lebenswert machten, sind tot.

Arbeit, die seinem Leben Struktur und Sinnhaftigkeit geben und ihn darüber hinaus in Kontakt mit Menschen aus der Region bringen könnte, darf er nicht aufnehmen, da er noch keine Arbeitserlaubnis hat. Der Deutschunterricht sei wichtig, aber auch sonst würde sich der Syrer freuen, weniger "auf der Stelle treten zu müssen" und eine Perspektive für seine Zukunft zu gewinnen.

Youseef ist jung und hat einen Beruf gelernt, er hat in Deutschland ein Praktikum gemacht und kam gut an, wie er sagt, aber ohne Arbeitserlaubnis kommt er nicht weiter. Was ihn verwundert und irritiert, sei, dass viele Menschen ihn ignorierten, auch wenn er sie freundlich grüße. Er verstehe das nicht, sagt er, er findet dies enttäuschend, aber er bleibe höflich und freundlich und versuche es immer wieder. Wenn man es nicht versuche, sagt Youseef, verliere man seine (Mit-) Menschlichkeit.

SYRIEN

Seit vier Jahren wird in Syrien gekämpft, Truppen der Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpfen gegen Oppositionsgruppen. Als Auslöser gelten die Demonstrationen im Kontext des Arabischen Frühlings. Ursprünglich ging es der Opposition um die Demokratisierung des Landes, heute stehen Kämpfe aus religiösen und ethnischen Gründen im Vordergrund. Rund 9 Millionen Syrer sind auf der Flucht, so schätzen die Vereinten Nationen, von diesen haben mindestens 2,4 Millionen Menschen das Land verlassen Das Auswärtige Amt beschreibt die Ausmaße der Flüchtlingskrise als "einzigartig".  

Autor: sno

Autor: Sarah Nöltner