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22. August 2015

Der Jugendliche fühlt sich hier wohl

BZ-SERIE FLÜCHTLINGSSCHICKSAL (4): Ahmad Bayat aus Afghanistan ist auf abenteuerliche Weise nach Deutschland gekommen.

  1. Ahmadseiar Bayat aus Afghanistan ist erst 17 Jahre alt, er lernt Deutsch in Rheinfelden und möchte studieren. Foto: Herwig Popken

RHEINFELDEN. Um die 400 Asylbewerber sind in der staatlichen Sammelunterkunft Schildgasse untergebracht. Jeder Flüchtling bringt seine Schicksalsgeschichte mit. Die Badische Zeitung stellt deshalb in einer Serie Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie ihnen keine Perspektive mehr bietet. Heute: Ahmadseiar Bayat.

Endlich angekommen, wenn auch nur in einem Vier-Bettzimmer im Container des Asylheims, aber in Sicherheit nach einer langen und gefährlichen Flucht. Jetzt kann Ahmad nichts mehr passieren, seine Mutter wird froh und erleichtert sein. Mit 15 Jahren verabschiedete er sich von ihr auf dem Flughafen Kabul und flog in die Türkei. Sein Vater war General in Afghanistan, er arbeitete mit der Regierung, der OCCP (einem afghanischen Sicherheitsdienst) und der ISAf (International Security Assistance Force) zusammen. Jeder kannte ihn in der Stadt Ghazni, doch als er eines Tages auf dem Weg nach Hause war, wurde er von Mitgliedern der Taliban erschossen. Der Blut überströmte Körper seines Vaters geht Ahmad seither nicht mehr aus dem Kopf.

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In Lebensgefahr
Dann bekam er eine Warnung, dass er auch in Gefahr sei. Kurz darauf verfolgten ihn vier Männer auf Motorrädern, sie verletzten seinen rechten Arm mit Messern schwer, seine Hand ist seither versteift. Nach der Operation drängte ihn seine Mutter, das Land zu verlassen. Ein Freund seines Vaters half, und so flog er am 18. Juni 2013 in die Türkei. Seine Mutter und seine drei jüngeren Geschwister zogen in eine andere Stadt, um aus der Gefahrenzone herauszukommen. Ein halbes Jahr harrte er in der Türkei aus mit kaum Geld in der Tasche. Dann schickte seine Mutter Geld, damit er die Überfahrt nach Griechenland bezahlen konnte. Fünfmal war er auf einem überfüllten Boot, jedes Mal schnappte die griechische Polizei die Flüchtlinge, baute den Motor aus, nahm die Wasservorräte ab und schickte sie zurück.

Schließlich aber glückte die Überfahrt: Um Mitternacht bestieg er wieder ein Boot, die Wellen schlugen hoch, er hatte große Angst, doch dann legte das Boot am Morgen gegen fünf Uhr an der griechischen Insel Kos an. Die Polizei steckte alle Flüchtlinge in ein geschlossenes Lager, umgeben von einem hohen Zaun. Nach einem Monat erhielten sie Fahrkarten nach Athen.

Falscher Pass
Mit anderen Afghanen lebte er auf der Straße und schlief in Parks. Zu Fuß machte er sich schließlich auf den Weg nach Mazedonien. Ahmad erzählt, wie er unter Brücken schlief, wie die Stechmücken ihn quälten, wie er Hunger und großen Durst litt. Es war inzwischen ein Jahr seit seiner Abreise aus Afghanistan vergangen, am 2. Juni 2014 war er 16 Jahre alt geworden. Seine Mutter hatte das Auto verkauft, damit er einen Schleuser bezahlen konnte, der ihn nach Serbien brachte. Zwei Tage durfte er bei ihm wohnen, dann schickte ihn dieser weiter nach Ungarn. Das war die schlimmste Station auf seiner Reise, sagt Ahmad. Die Polizei griff ihn auf, stellte einen neuen Ausweis aus und gab als sein Alter 28 Jahre an. Damit verlor er jeglichen Schutz als Minderjähriger. Er wurde in eine fensterlose Zelle gesteckt, weiße Wände starrten ihn Tag und Nacht an, 24 Stunden brannte künstliches Licht. Nach eineinhalb Monaten war er so verzweifelt, dass er die Polizei € bestach, damit sie ihn wieder nach Serbien zurückschickte. Schließlich fand er einen Schleuser, der ihn über Österreich nach Deutschland brachte.

Hier war er zunächst in Wasserburg in Bayern in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Doch als die Behörden die ungarischen Papiere sahen und lasen, dass er angeblich 28 Jahre alt sei, wiesen sie ihn in ein großes Lager bei München ein. Von dort kam er nach Karlsruhe, dann Heidelberg, dann wieder Karlsruhe und schließlich Rheinfelden.

Freundeskreis engagiert sich
Auf seinem Bett sind die vielen behördlichen Schreiben ausgebreitet. Ein Psychiater bescheinigt ihm, dass er schwer traumatisiert ist. Außerdem weist der Bericht über eine Röntgenaufnahme nach, dass Ahmad noch keine 20 Jahre alt ist. Inzwischen hat das Verwaltungsgericht bestätigt, dass Ahmad 17 Jahre alt ist. Deshalb soll er nach Aitern in die Sammelstelle für unbegleitete Flüchtlinge kommen und neu verteilt werden. Dabei besteht die Gefahr, dass er innerhalb von Baden-Württemberg wieder umziehen muss.

Der Freundeskreis Asyl fordert, dass er im Landkreis bleiben darf, denn Ahmad wurde innerhalb von einem halben Jahr zwischen sechs verschiedenen Unterkünften hin-und hergeschoben. Hier in Rheinfelden hat er nun endlich Wurzeln geschlagen, Freunde und Paten gefunden. Er hat mit einem Deutschkurs begonnen, träumt davon zu studieren und Lehrer oder Ingenieur zu werden. Und vielleicht finden sich auch junge Rheinfelder, die sich für ihn interessieren und ihm das Gefühl geben, nicht nur angekommen sondern auch angenommen zu sein.

Autor: Gisela Besier