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03. April 2017

Gemeinsames Erbe verbindet und trennt

Dass der Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen einen langen Atem braucht, verdeutlicht ein Vortrag auf Schloss Beuggen.

  1. Kreuz, Halbmond und Davidstern: Abraham ist Stammvater für Christentum, Islam und Judentum. Foto: dpa

  2. Karl-Josef Kuschel Foto: Jochen Fillisch

Auch wenn der Name des Referenten es hätte nahe legen können: Das war keine Kuschelveranstaltung, zu der die Evangelische Landeskirche und das Institut für Bildung und Zeitfragen SAK Zeit und Wissen auf Schloss Beuggen in ihrer Reihe "Dialog und Verständigung" eingeladen hatten. Zum Thema "Kinder Abrahams – Konsequenzen für Christen, Juden und Muslime" referierte der Tübinger Theologieprofessor Karl-Josef Kuschel, und der Experte für "Theologie und Kulturen und des interreligiösen Dialogs" stellte klar: "Interreligiöser Dialog ist keine Harmonieveranstaltung."

Dabei könnte man doch meinen, dass sich die großen Religionen verstehen müssten, wenn sie sich alle auf ein und denselben Urvater, nämlich Abraham oder Ibrahim, berufen. Aber – das wurde in dem Vortrag schnell klar – die wenigsten wissen um das Verbindende und Trennende dieses gemeinsamen Erbes. Auch dem Referenten selbst waren diese Zusammenhänge lange Zeit nicht bewusst, wurden sie doch an den theologischen Fakultäten des Westens ebenso wenig gelehrt wie in jüdischen Bibelschulen oder in islamischen Koranschulen. Der Professor, der heute zu den profiliertesten Vertretern des Interreligiösen Dialogs zählt, erfuhr erst vor gut 20 Jahren bei einer Konferenz in de Vereinigten Staaten von einem muslimischen Kollegen davon, dass Abraham auch im Islam das Urbild dessen darstellt, was religiöse Grundhaltung ausmacht: die Ergebenheit und das Vertrauen in Gott.

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"Wenn alle drei Religionen Abraham als Urbild des Glaubens ausloten, welche Impulse könnten doch davon ausgehen", fragte sich Kuschel damals hoffnungsvoll und wurde schnell von den Realitäten eingeholt. Als nämlich jüdische Siedler ausgerechnet die Ibrahim-Moschee in Hebron überfielen und die Moslems darin ermordeten, was bekanntlich seinerzeit den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern beendete und eine Welle der Gewalt auf beiden Seiten in Gang setzte. Aber der Referent wollte nicht "zum x-ten Male über Terror und Salafismus" reden, sondern das Thema weg von der politischen Ebene auf seine Ursprünge zurückführen.

Dennoch musste er dabei konstatieren: "Von Abraham erzählen, das ist eine Geschichte von Blut, Tränen und Gewalt", und er ergänzte: "Die Gestalt des exemplarischen Gerechten, das Vermächtnis dieses Urmannes wird mit Füßen getreten." Er fragte sich, warum seine Kinder, die sich alle auf ihn berufen, einen solchen Hass aufeinander entwickeln konnten. Als Ursache machte er "erschreckende Wissenslücken auf allen Seiten" aus. Doch hielt er es für naiv zu glauben, dass die formale Namensgleichheit eine automatische Harmonie bedeuten könne.

"Abraham trennt nämlich auch", stellte der Professor klar und arbeitete die unterschiedlichen Profilierungen des Urvaters heraus. Während im Christentum Abraham als allgemeines Glaubensvorbild gilt, ist er für die Juden der Stammvater, der auf Gottes Geheiß sein Volk ins verheißene Land Kanaan führte. Ganz besondere Bedeutung kommt Abraham/Ibrahim im Islam zu, denn er war der Vater Ismaels, der in die Wüste geschickt und von Gott gerettet wurde – in Mekka, weshalb Kuschel die alljährliche Wallfahrt dorthin als "Abraham-Inszenierung" bezeichnete. "Von all dem haben wir im Studium nichts gehört", bedauerte der Theologieprofessor und konstatierte: "Den hatten wir damals nicht auf unserem Schirm, es gab keine geistige Auseinandersetzung mit ihm."

Genau diese Auseinandersetzung forderte Karl-Josef Kuschel, um die heutigen Konflikte dauerhaft lösen zu können. Man müsse Unterschiede und Gemeinsamkeiten klar herausarbeiten. Beim interreligiösen Dialog gehe es um "wechselseitig besseres Verstehen der Andersheit des je anderen ohne Wertung". Der Referent verwies auf die Memoiren von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der 1977 vom ägyptischen Präsidenten Anwar-al-Sadat über die Zusammenhänge von Christentum, Judentum und Islam aufgeklärt wurde und zu dem Schluss kam, das Nichtwissen über die anderen Religionen sei "eine der großen Tragödien der Menschheit".

Dass auch die reine Vermittlung dieses Wissens und des Verständnisses nicht von heute auf morgen alle Probleme löst, war auch Kuschel klar. Er forderte daher "abrahamisches Gottvertrauen" und den langen Atem, den der Urvater seinerzeit beim Umgang mit Gott bewiesen habe. Nicht zuletzt stand für den Professor fest: "Wir dürfen das Feld nicht den Predigern des Hasses und der Gewalt überlassen." Und er erinnerte daran, dass Kriegsaufrufe im Namen Gottes keine Erfindung des Koran seien und dass es extrem fundamentalistische Interpretationen in allen drei Religionen gebe.

Autor: Jochen Fillisch