Integration mit der Nähmaschine

Claudia Gempp

Von Claudia Gempp

Di, 11. Dezember 2018

Rheinfelden

Internationales Nähprojekt im Treffpunkt Lichtblick der evangelischen Chrischona-Gemeinde ist ein veritabler Erfolg geworden.

RHEINFELDEN. Das internationale Nähprojekt im Treffpunkt "Lichtblick" der evangelischen Chrischona-Gemeinde ist ein Beispiel, wie Integration auch im kleinen Rahmen gelingen kann. Vor drei Jahren hat die gelernte Erzieherin Birgit Doerk ihre Idee für das Nähprojekt mit Esther Lavanchy, beide Mitglieder der Chrischona-Gemeinde, in die Tat umgesetzt.

In ihrem ersten Jahr war die Nähstube nur dreimal geöffnet. Inzwischen treffen sich hier das ganze Jahr über jeden Freitagnachmittag für zwei bis drei Stunden zehn bis 20 Frauen und Mädchen der unterschiedlichsten Nationalitäten. Sie kommen unter anderem aus der Türkei, Syrien, Marokko, dem Iran, dem Irak oder Togo. Ihnen steht ein engagiertes Team ehrenamtlicher Frauen zur Seite, denen das Zusammensein genauso viel Spaß bereitet wie ihren nähbegeisterten Schützlingen. Sie freuen sich, dass auch die Stadt das Projekt finanziell unterstützt, so dass mittlerweile acht Nähmaschinen zur Verfügung stehen.

Die Frauen wollen zum Beispiel Sachen ändern, die sie in der Kleiderstube erworben haben, etwa Hosen und Röcke kürzen oder kleine Ausbesserungen vornehmen. Unter Anleitung seien aber auch Topflappen und Tischwäsche genäht worden, auch Gardinen wurden schon gekürzt.

Die gemütliche Atmosphäre in dem hellen, freundlichen Raum ist geprägt von einem munteren Stimmengewirr. Geschäftig eilen ein paar Mädchen umher, suchen Stoff aus oder beratschlagen, was sie nähen könnten. Andere sitzen ganz in ihre Arbeit vertieft an der elektrischen Nähmaschine. Für die neunjährige Leyla ist Nähen "eine schöne Beschäftigung", außerdem seien "alle sehr nett zu mir und helfen immer". Sie hat gerade ein Täschchen aus Jeansstoff in Arbeit und die gleichaltrige Zainab näht ebenfalls ein Täschchen aus Stoffresten für ihre Ohrringe. Andere stehen gerade am Bügelbrett während eine ältere Türkin den passenden Stoff für ein Patchwork-Kissen aussucht und für großes Gelächter sorgt, weil ihr genau der Stoff gefällt, der bereits von einer anderen für ein Nachthemd der Großmutter zugeschnitten wurde. Überall hilfreich zur Stelle: die gebürtige Marokkanerin Aicha Schwarze, die wegen ihrer Kenntnisse fast aller arabischer Dialekte übersetzt, wo es mit den Deutschkenntnissen noch hapert.

Große Nähkünste sind nicht erforderlich. "Wir führen die Frauen beim Umgang mit der elektrischen Nähmaschine an ganze einfache Dinge heran", sagt Doerk. Wenn es Spaß macht, wagen sie sich auch an größeres Projekt, wie etwa eine Patchwork-Tagesdecke. Birgit Doerk und ihr Team sind aber viel mehr als nur Hobby-Handarbeitslehrerinnen. Sie beraten etwa bei Amtsgängen oder wenn es um einen Kindergartenplatz geht und beantworten viele andere alltägliche Fragen.

Und sie wissen, wie wichtig es ist, dass die Frauen aus den Flüchtlingsunterkünften herauskommen, andere Frauen kennenlernen, neue Erfahrungen machen und nicht zuletzt die vorhandenen Deutschkenntnisse auch anwenden können – "dafür beginnen wir bei den Nähutensilien zum Beispiel mit der Frage "was ist eine Nadel" und alle seien aufmerksam bei der Sache. Auf diese Weise, so die Erfahrung von Birgit Doerk, werde eine Vertrauensbasis geschaffen.

Natürlich gibt es in der Nähstube auch eine Kaffeepause in lockerer Atmosphäre: Jemand hat frisches Obst in mundgerechte Stücke geschnitten, eine Türkin hat das selbstgemachte zuckersüße Gebäck "Halka tatlisi" mitgebracht, andere leckeren Schokoladenkuchen oder Weihnachtsstollen. Zur Unterstützung sind neue Frauen mit Nähkenntnissen willkommen, auch über Stoffspenden würde sich die Nähstube freuen, damit das Projekt auch im nächsten Jahr weitergeführt werden kann, betont Birgit Doerk.

Kontakt: Tel. 07623/909413.