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05. Januar 2011

"Muslime müssen zu Wort kommen"

BZ-INTERVIEW mit Pfarrer Werner Ross zur Verleihung des Bürgerpreises und zum Verhältnis zwischen Christen und Muslimen.

  1. Pfarrer Werner Ross Foto: ralf staub

RHEINFELDEN. Pfarrer Werner Ross ist in der Vorwoche als Vorsitzender des christlich-islamischen Vereins Hochrhein mit dem Ehrenpreis der Bürgerstiftung für seine persönlichen Verdienste ausgezeichnet worden. Ralf Staub hat sich mit ihm über Reaktionen auf die Preisverleihung und die künftige Arbeit des Vereins unterhalten auch vor dem Hintergrunds des jüngsten Attentats auf eine koptische Kirche in Ägypten, bei dem 21 Christen getötet und mehr als 40 verletzt wurden.

BZ: Herr Ross, welche Reaktionen hat der Preis in Ihrem Umfeld ausgelöst?
Werner Ross: Es haben mich in der Tat viele Menschen angesprochen und gesagt, wie wichtig dieser Preis ist. Es gab nach dem BZ-Bericht auch Anrufer aus Lörrach, die unter anderem meine Dankesrede haben wollen. Bei der Preisverleihung saß ich zufällig neben Karin Gottstein, die damals ja eine erbitterte Gegnerin des Minarettbaus war. Auch sie hat mir zu dem Preis gratuliert, was mich sehr gefreut hat. Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind: Wir reden miteinander, das ist das Wichtigste!

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BZ: Hat es auch Reaktionen aus der islamischen Gemeinde gegeben?
Ross: Bisher nicht, aber es sind ja auch erst ein paar Tage vergangen. Ich habe die Zeitungsartikel weitergereicht.

BZ: Rechnen Sie damit, dass die Würdigung Ihrer Arbeit den Verein beflügeln wird?
Ross: Ich glaube nicht, dass das unmittelbar zu spüren sein wird. Wir haben bisher schon einen guten Rücklauf, unsere Arbeit wird geschätzt, unabhängig von dem jetzigen Preis und ohne, dass alle gleich eintreten. Derzeit haben wir 63 Mitglieder, das finde ich ohnehin beachtlich.
BZ: Der christlich-islamische Verein steht für Toleranz anderen Religionen und Kulturen gegenüber. Zwei Tage nach der Preisverleihung wurde in Ägypten der Anschlag auf die Kopten verübt. Wie gehen Sie im Verein damit um? Wird darüber diskutiert?
Ross: Natürlich wird das besprochen, wir begleiten ja auch die islamische Welt kritisch. Jeder Terroranschlag ist zu verurteilen, unabhängig davon wo er geschieht und wer ihn verübt. Da gibt es nichts zu diskutieren, das sehen auch die Rheinfelder Muslime so.

BZ: Aber das Christ sein ist in islamischen Ländern ohnehin nicht leicht, auch wenn solche Terrorakte dort nicht zum Alltag gehören.
Ross: Es ist in der Tat traurig zu sehen, wie es den Christen in Ländern des Vorderen Orients zum Teil geht, da geht es den Muslimen hier bei uns schon viel besser. Am ehesten können Christen noch im Libanon, Syrien und in Jordanien frei leben und auch Kirchen bauen. Die Gründe, warum in islamischen Ländern die Zahl der Christen immer mehr abnimmt, sind allerdings vielfältig.

BZ: Können Sie Einige nennen?
Ross: Viele Christen verlassen ihre eigentlichen Heimatländer aus wirtschaftlicher Not, weil sie woanders bessere Perspektiven haben, viele auch aus politischen Gründen, weil die meisten muslimischen Ländern ja alles keine Demokratien sind. Im Irak konnten die Christen vor dem Bush-Krieg ihren Glauben unbehelligt praktizieren, jetzt kriegen sie die Konsequenzen aus dem Krieg zu spüren, vor dem Christen aus der ganzen Welt gewarnt hatten. In Ägypten sind es für mich auch innenpolitische Gründe, weil Präsident Mubarak auch die Muslim-Bruderschaft unterdrückt, gibt es Spannungen, die sich jetzt an den Christen entladen. Aber auch bei uns wird das jüngste Attentat jetzt innenpolitisch benutzt.

BZ: Inwiefern?
Ross: Am Montag äußerten sich CDU-Fraktionssprecher Kauder und die Vize-Parteivorsitzende Schavan dahingehend, dass sie eine Verurteilung des Attentats durch die in Deutschland lebenden Muslime vermissen. Tatsächlich aber hat der Koordinationsrat der Muslime, der alle vier Dachverbände repräsentiert, bereits wenige Stunden nach dem Anschlag eine Stellungnahme abgegeben, in der genau diese Verurteilung drinstand. Aber leider haben mit Ausnahme des Deutschlandfunks und der Frankfurter Rundschau alle Medien, einschließlich der BZ, darüber nichts verlauten lassen. Das ist ein Skandal. Wollen wir friedlich zusammenleben, müssen wir die Muslime zumindest mal zu Wort kommen lassen. Ansonsten werden vorhandene Ängste nur geschürt, beziehungsweise sie werden zu Unrecht beschuldigt, sie würden schweigen.

BZ: Was können Sie vor Ort dagegen tun?
Ross: Wir müssen das Bewusstsein stärken, Anteil nehmen. Ich denke etwa an die drei Anschläge im vergangenen Jahr auf die Moschee. Da haben die Kirchengemeinden zwar reagiert und Stellung bezogen, von politischer Seite ist aber wenig gekommen. Dabei wissen wir ja jetzt schon, dass zumindest der letzte Anschlag kein Zufall war, sondern eine ganz bewusste Aktion. Deshalb müssen wir das ernst nehmen und dies auch zum Ausdruck bringen gegenüber der islamischen Gemeinde. Ansonsten provozieren wir nur Verschwörungstheorien. Das ist unsere Funktion. Ich hoffe darauf, dass es noch Reaktionen gibt, sobald die Auswertung der Video-Aufzeichnung durch die Polizei vorliegt.

BZ: Es sieht so aus, als hätten Sie auch für die Zukunft noch jede Menge Aufgaben?
Ross: Ja, Aufgaben gibt es genug, es kann nur sein, dass einem dabei einmal die Luft ausgeht. Der Verein ist jetzt 14 Jahre alt und man findet wenig Leute, die sich die Kompetenz auf dem Gebiet erarbeiten. Auch ich habe mir das erarbeiten müssen, es ist gar nicht so einfach. Doch jetzt freue ich mich einfach über die Anerkennung dieser Arbeit durch die Bürgerstiftung. Das gerade dieser Bereich ausgezeichnet worden ist, ist eine tolle Sache.

Autor: rs