Mut zur Neugier auf sich und was zählt

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Sa, 08. März 2014

Rheinfelden

Irmtraud Tarr räumt in ihrem Buch "Eigensein entdecken" mit Klischees vom Älterwerden auf.

RHEINFELDEN. Immer jung, schön, schlank, schick: Erfolg und Attraktivität zählen sehr viel in der Gesellschaft. Auf dem Büchermarkt mangelt es auch nicht an Ratgebern, wie man im Alter fit bleibt. Das neue Buch der Rheinfelder Autorin, Psycho- und Musiktherapeutin und Konzertorganistin Irmtraud Tarr zum Thema Älterwerden schlägt einen anderen, unkonventionellen Ton an. Unter dem Titel "Eigensein entdecken" ermuntert sie dazu, "neugierig, frech, lustvoll und lebensfroh älter zu werden".

"Älterwerden kann nicht heißen, so zu werden wie die anderen, sondern das zu finden, was das Ureigene ist", so Tarr in ihrem Buch. Die 64-jährige Autorin macht das Thema Älterwerden mit lebensnahen Situationen aus dem Alltag, Geschichten und Beispielen von verschiedenen Frauen nachvollziehbar und verständlich. Fragen wie "Was ist mir wichtig?" und "Was mag ich nicht?" tauchen auf, um herauszufinden, was man will und was für einen stimmig ist. "Jede Anpassung, an was auch immer", schreibt Tarr, "ist pure Zeitverschwendung, vor allem wenn man erst einmal über sechzig ist". Zum Eigensein gehöre vielmehr, sich nicht zu verbiegen, nicht nur von außen bestimmen zu lassen.

In dem Kapitel "Muss ich wirklich?" geht es um das Propagieren "Fit im Alter", "Unruhestand", "Immer aktiv", das manchem auch gegen den Strich geht. Die Alternative aber hieße, ab der Pensionierung schlagartig desinteressiert, lethargisch und unbeweglich zu werden. Dies verspreche auch nicht einen entspannten, vergnüglichen Lebensabend.

Sie wendet sich gegen Bevormundungen à la "In deinem Alter solltest du dich gediegen anziehen" oder "Du solltest keine langen Autofahrten mehr machen". Wenn schon viele Seiten des Lebensbuches gefüllt sind, sollte man dieses Lebensbuch selbst weiter schreiben, nach eigenen Gesichtspunkten, findet die Autorin. Anhand persönlicher Erfahrungen verschiedener Frauen, einer pensionierten Ärztin, einer Erzieherin, einer Lehrerin, einer Geschäftsfrau, einer Singlefrau in den Sechzigern, einer Mutter von zwei Kindern oder einer Witwe ist zu lesen, wie diese Frauen ganz unterschiedlich mit dem Älterwerden umgehen. Erst als sie aus dem Rennen um Anerkennung, Erfolg und Bewunderung ausgestiegen sei, habe sie darüber nachgedacht, was sie eigentlich wolle, so die Erkenntnis einer stressgeplagten Projektleiterin.

Einer Frau im letzten Drittel ihres Lebens stünden viele Erfahrungen und viel Wissen zur Verfügung, schreibt Tarr. Lange Jahre hätten sie ihre Kraft, Aufmerksamkeit und Zeit darauf verwendet, gebraucht zu werden, um dann zu merken: Keiner klatscht, wenn man artig ist. "Es gibt kein Muss mehr. Kein so tun als ob. Kein Wettlauf. Kein Gegockel. Kein Gebuckel... Es gibt nur noch das eigene Leben, dessen begrenzte Zeit man allmählich zu spüren beginnt", heißt es im Buch. Tarr ermutigt dazu, sich nicht negativen Gedanken über Nutzlosigkeit auszuliefern. Kritisch beleuchtet sie die gnadenlosen Musterungen auf der Straße, im Café, im Schwimmbad oder bei öffentlichen Anlässen, die ältere Menschen unter Druck setzen.

Die Autorin empfiehlt, "statt altersmilde immer frecher" zu werden, und plädiert für den "Mut zur Neugier". Das Lob der Disziplin und die ständige Leistungsbereitschaft hätten auch die Älteren erfasst. Zwar sei Tun immer besser als Nichtstun, aber Tarr wehrt sich gegen ins Zwanghafte ausartende Aktivitäten. Stattdessen rät sie, "mal wieder die Teppiche aufrollen und barfuß tanzen, mal wieder zusammen singen".

Ein Kapitel widmet sich dem Thema Loslassen, wobei das bei ihr nicht nur aufräumen, wegwerfen, verschenken heißt, sondern sich von überflüssigen Dingen und Abhängigkeiten zu trennen. Das Buch handelt auch davon, die Veränderungen, die seelischen und körperlichen Entwicklungen, und zu denen auch Wehmut, Verlustgefühl, Trauer und Schmerz gehören, anzunehmen. Sich vorwagen, Neues wagen, neue Freiräume entdecken, und eben das Eigensein sind für Autorin Tarr wichtige Impulse für ein "schöpferisches Älterwerden". In ihrem Buch räumt sie erfrischend mit Klischees über das Älterwerden auf und gibt lebenspraktische Anregungen.

Info: Irmtraud Tarr: "Eigensein entdecken", Kreuz Verlag, 206 Seiten.