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09. Juli 2015

Wenn das Lesen Mühe macht

Das Georg-Büchner-Gymnasium setzt Lesepaten ein, um sprachliche Defizite bei Schülern zu beheben.

  1. Lesepaten im Café Leselust (Bibliothek der Unterstufe): Rudolf Markstein und Annabell Rünzi, dahinter Hubert Wischnewski Foto: Martina Proprenter

RHEINFELDEN. Bücher scheinen für viele Schülerinnen und Schüler ein Relikt aus der Zeit vor Tablets und i-Phones. Entsprechend bleibt auch das Lesen und damit das Leseverständnis auf der Strecke, ist Hubert Wischnewski, Schulleiter des Georg-Büchner-Gymnasiums, überzeugt. Als Reaktion auf die sprachlichen Mängel warb die Schule um Lesepaten, seit Oktober kümmern sich diese um Fünft- und Sechstklässler. Derzeit werden zwölf Schüler unterrichtet, viel mehr hätten Bedarf, daher braucht die Schule weitere Freiwillige.

"Absurd" kennt nicht jeder
"Früher haben wir gesagt, die Jugendlichen sprechen eine Micky-Maus-Sprache", sagt Rudolf Markstein, "etwa 'doing' oder 'schauf'. " Der Chemiker vermittelt Sechstklässlern nun einmal in der Woche, dass es auch andere Wörter gibt und dass Bücher nicht nur Staubfänger im Regal sind. Denn durch die Internetsprache, etwa "4U" für "for you" (für dich), bleibt die Alltagssprache oft auf der Strecke. Einmal in der Woche treffen sich Jugendliche mit den beiden Lesepaten, lesen gemeinsam ein Buch, sprechen darüber und erweitern so nebenbei auch noch ihren Wortschatz. Das Lesen in der Gruppe soll eine regelrechte Initialzündung auslösen und den Spaß an der Sprache vermitteln.

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"Bücher sind eine Vorlage fürs Kopfkino", meint Annabell Rünzi, Managerin im Mutterschaftsurlaub. Mit den Fünftklässlern liest sie meist kurze Bücher, auch mal Kurzgeschichten. Zwischenfragen sind ihr dabei wichtig, etwa zu einzelnen Wörtern, die die Jugendlichen nicht kennen, wie schizophren, absurd oder Synonym. "Es ist toll, dass sich erwachsene Menschen einbringen", lobt Wischnewski die Lesepaten, das Projekt könne aber noch weiter ausgebaut werden. Die bisherigen Schüler seien lediglich die Spitze des Eisbergs, es gibt weitere Jugendliche, die Bedarf an dieser Form der Nachhilfe haben.

Lesen hilft beim Spracherwerb
"Große sprachliche Defizite gibt es schon länger", so Wischnewskis Beobachtung, dafür gebe es viele Ursachen. Eine davon ist das veränderte Lese- und Spielverhalten, glaubt er: Ob mit Konsolen, Computern oder den Smartphones, die Jugendlichen würden statt zu lesen lieber Spiele spielen. Mit fatalen Folgen: Wird doch einmal ein Text gelesen, dann nur oberflächlich. Worum es darin ging oder welcher Argumentationsstruktur dieser folgt? Das könnten die meisten Schülern nicht sagen. Deutschlehrer Philipp Brotz initiierte daher das Projekt Lesepaten, in den nächsten Tagen will die Schule ein erstes Fazit ziehen und das Projekt weiter ausbauen, es eventuell mit in das Konzept der Ganztagsschule aufnehmen. "Lesen, lesen, lesen ist das wichtigste", ist Wischnewski überzeugt. Grammatikunterricht alleine genüge nicht, um den Schülern eine gewisse Sprachkompetenz zu vermitteln, denn diese brauchen sie nicht nur im Fach Deutsch. Vielmehr ist die Sprache die Grundlage, um Zusammenhänge zu erschließen, sich eine eigene Meinung zu bilden, ob in verschiedenen Schulfächern oder im Alltag.

Journalismussprache
Dem amerikanischen Journalisten Ed Murrow wird der Arbeitsethos nachgesagt, für den Truckfahrer verständlich und gleichzeitig den Professor nicht unterfordern zu wollen. Daran wird der Spagat deutlich, den Journalisten und Journalistinnen täglich machen müssen. Journalistische Texte sollen nämlich nicht nur spannend zu lesen, sondern auch Gebrauchstexte sein, also einen komplizierten Sachverhalt möglichst ohne Fachchinesisch erklären. Denn es gibt Leser, die sich mit einem Thema sehr gut auskennen, andere überhaupt nicht. Ganz ohne Fremdwörter oder Fachausdrücke geht es manchmal aber auch nicht. Im medialen, bürokratischen oder technischen Bereich gibt es Wörter ohne deutsche Entsprechung. Diese zu erklären und so den Leserinnen und Lesern zu vermitteln, ist daher ein Anspruch, den journalistisch Arbeitende an sich selbst haben.

Lesepaten können sich bei der Schulleitung des Georg-Büchner-Gymnasiums melden unter 07623/8627 oder per E-Mail an sekretariat@gbg-rheinfelden.de.

Autor: Martina Proprenter