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07. Oktober 2013

Das Bild von der Welt entsteht im Kopf

Michael Bach referierte in der Riegeler Kunsthalle Messmer über Sehphänomene und die Funktionsweise unseres Sehens .

  1. Erstaunliche Ergebnisse konnte das Publikum beim Vortrag von Michael Bach über „Sehphänomene in Alltag, Kunst und Wissenschaft“ in der Kunsthalle Messmer am eigenen Auge erfahren. Foto: Christiane Franz

RIEGEL. Bereits zum zweiten Mal fand in der Kunsthalle Messmer ein Vortrag von Michael Bach statt, dem Leiter der Sektion Funktionelle Sehforschung der Universitäts-Augenklinik Freiburg. Dieses Mal widmete sich der Wissenschaftler dem Thema "Sehphänomene in Alltag, Kunst und Wissenschaft". Was sich zunächst kompliziert anhörte, war ein anschaulich gestalteter, höchst interessanter und kurzweiliger Vortrag über etwas, worüber man sich im Allgemeinen wenig Gedanken macht. Denn jeder Mensch nimmt das über das Auge Wahrgenommene selbstverständlich als real existierende Wirklichkeit an – was aber beileibe nicht stimmen muss, wie Michael Bach an eindrücklichen Beispielen verdeutlichte.

Beim menschlichen Sehen passiere das wenigste im Auge selbst und das meiste im Gehirn, führte Bach aus, als er die Funktionsweise des Auges kurz skizzierte. Aus einer unvollständigen Sinnesinformation rekonstruiere das Gehirn aufgrund von Erfahrung ein vollständiges Bild gleich einer inneren Welt. Das sei einerseits eine unglaubliche Leistung des Gehirns, sagte Bach. Andererseits führt genau das in ungewöhnlichen Situationen zur optischen Täuschung, wie Michael Bach in seinem Vortrag anhand von unterschiedlichen praktischen Experimenten dem Publikum vorführte. Beispielsweise konnten die Anwesenden ihren "blinden Fleck" im Auge erfahren: die Stelle, an der der Sehnerv ins Augeninnere eintritt und an der aufgrund fehlender Lichtrezeptoren Sehen unmöglich ist. Dennoch nehmen wir den blinden Fleck nicht als solchen wahr, weil das Gehirn die fehlende Information ergänzt. Bachs Beispiele machten jedem klar, dass das, was wir sehen, eine Innenansicht abbildet, die nicht zwingend der Außenwelt entspricht. Ob durch Farbe, Raum, Perspektive, Gestalt oder Bewegung – aufgrund der Sinnesphysiologie sind optische Täuschungen an der Tagesordnung, sogar dann, wenn wir es besser wissen.

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Womit Michael Bach den Bogen zur Kunst schlug. Die Künstler arbeiteten mit der Tatsache, dass das Gehirn aus Erfahrung erfinde, was wir sehen, sagte Bach. Mit der optischen Illusion spielen besonders diejenigen Werke der konkret-konstruktiven Kunst, die der "Op-Art" zuzurechnen sind. Bei seinem Vortrag ging der Wissenschaftler auf verschiedene in der Kunsthalle ausgestellte Bilder ein. Besonders eindrücklich war Werner Dorschs "Würfelspiel", das, wie Bach aufzeigte, dem Auge drei unterschiedliche Gestaltmöglichkeiten bietet. "Die Welt entsteht im Kopf", führte Bach als Fazit seines Vortrags an und beantwortete die selbstgestellte Frage "Kann man den Augen trauen?" mit einem klaren Nein.

Stiftungsvorstand Jürgen A. Messmer sagte mit einem Augenzwinkern, dass nicht nur unser Sehen getäuscht werden könne, sondern auch unser Zeitgefühl. Denn die Stunde des Vortrags sei "schneller vergangen als normal", so Messmer, der hervorhob, dass Michael Bach 2013 den "Tom Troscianko Award" erhielt – ein Preis, der an Forscher verliehen wird, die sich um eine spannende Aufbereitung von Wissenschaft für die breite Öffentlichkeit verdient machen.

Autor: Christiane Franz