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26. Mai 2011

Riegel – Ort der Römer und Raketen

Geschichtsverein will das Intermezzo deutscher Raketenforscher in der Kaiserstuhlgemeinde im Museum aufarbeiten.

  1. Riegel – die Wiege der europäischen Raumfahrt? Geht es nach dem Geschichtsvereinsvorsitzenden Peter Ziegler, (im Bild mit einem Rolls-Royce-Triebwerk), dann wird auch dieser Teil der Riegeler Geschichte künftig ein tragendes Thema im bisherigen Archäologischen Museum des Ortes. Foto: Michael Haberer

RIEGEL. Riegel ist das "Freiburg der Römerzeit". Nach diesem Motto wurde das Archäologische Museum eingerichtet und bekommen Besucher den Ort im Sommer gezeigt. Wenn es nach Peter Ziegler, Markus Jablonski und Rüdiger Dollhopf geht, erhält die kulturgeschichtliche Marke Riegel ein zweites Standbein: Riegel als eine Wiege der europäischen Raumfahrt. Auch das soll man im Museum wiederfinden: Wenn es 2012 neu eröffnet wird, erwartet die Besucher wahrscheinlich ein zweigeteilter Ausstellungssaal, in dem es um Römer und Raketen geht.

Ein Ausgangspunkt für das Riegel des Raketenbaus waren die Recherchen des pensionierten Kernphysikers Wolfgang Trost, die im Kreisjahrbuch veröffentlicht worden sind. Trost hatte sich vor drei Jahren auf die Suche begeben, um Spuren von Raketenforschern in Emmendingen, Denzlingen und Riegel nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden.

Der zweite Impuls kam von Rüdiger Dollhopf. Dieser organisierte vor zwei Jahren ein großes Treffen der "Kinder von Buschdorf" in Riegel. Buschdorf ist eine Siedlung bei Vernon. In diesem Städtchen in der Region Haute-Normandie ist das "Laboratoire de Recherches Balistiques et Aérodynamiques" angesiedelt. Hierhin kam nach dem Krieg die zweite Garde der deutschen Raketenforscher. Also jene, die nicht wie Wernher von Braun ihr Heil in den Vereinigten Staaten gesucht haben. Diese Physiker und Ingenieure wurden mit ihren Familien mitten im Wald von Vernon untergebracht, was der Siedlung den Namen Buschdorf eintrug. Die Nachfahren der Familien, die teils in Frankreich, teils wie Dollhopf im Breisgau leben, haben sich in Riegel getroffen.

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In der Nachkriegszeit hatten ihre Vorfahren einen Zwischenstopp im nördlichen Breisgau gemacht. In Emmendingen hatte das französische Militär das "Ingenieurbüro Emmendingen" eingerichtet. Der entscheidende Mann dabei war Herbert Graf, der Ende 1945 mit einigen Leuten und Unterlagen aus dem bayrischen Kochel am See verschwand. Dorthin waren nach der Bombardierung von Peenemünde der Windkanal für die Raketen und die dazu gehörigen Experten verlegt worden. Nach Kriegsende gerieten die Anlage und ihr Personal in die Hände der Amerikaner, die alles mitnahmen und rekrutierten, was ging.

Aber auch die Franzosen waren auf der Jagd nach den deutschen Spezialisten. Graf nutzte den Besuch von französischen Offizieren, um mit ihnen ein Deal zu machen. Job, gute Behandlung und Verpflegung wurde vereinbart und dafür setzten sich die Aerodynamiker mit ihrem Wissen zu den Franzosen ab, erst einmal nach Emmendingen. Hier forschten sie in einem ehemaligen Mädchenwohnheim am Zeichenbrett weiter.

Unter den verstreuten deutschen Raketenforschern sprach es sich herum, dass die Franzosen mehr wollten als einen Windkanal. Und dass es sich bei ihnen gut leben lässt. Die Franzosen brauchten Spezialisten für Steuerung und Antrieb der Raketen. Weil das Leben der Experten gerade in der britischen Besatzungszone nicht so edel war, wirkte der Breisgau wie ein Magnet auf sie. In Denzlingen wurden die Experten für die Steuerung untergebracht. Und in Riegel jene für den Triebwerksbau. Ihre Aufgabe: Die V2-Rakete sollte rekonstruiert werden. Die zentrale Figur in Riegel, wo die Forscher in der "Arche" untergebracht waren, hieß Heinz Bringer. Er entwickelte den V2-Antrieb weiter. Die Ergebnisse seiner Arbeit machten den Start der Ariane möglich. Dazu scherzte Trost: "Die Ariane startete in der "Arche" in Riegel."

"Die Ariane startete in der Arche in Riegel"

Peter Ziegler, der vor zwei Jahren den "Kindern von Buschdorf" Riegel gezeigt hatte, ist nicht nur der Vorsitzende des Geschichtsvereins, sondern auch eingefleischter Techniker und Vater des Turbolöschers der Firma Zikun. Deshalb hat er sich enthusiastisch auf die Suche nach Ausstellungsstücken gemacht, mit denen man dieses hochmoderne Intermezzo in der Riegeler Geschichte den Menschen näherbringen kann. Ein Ergebnis davon ist ein Düsentriebwerk von Rolls-Royce aus den 50er Jahren, das in seiner Garage steht. Das Triebwerk hat ihm auf Nachfrage die Firma MTU zur Verfügung gestellt. Er als Techniker hat auch die Erlaubnis, das Triebwerk museal aufzubereiten und beispielsweise Sichtfenster anzubringen. Es besteht zudem die Hoffnung, einen halben Tank einer Ariane-Rakete zu bekommen, der am Ortseingang von Riegel aufgestellt werden könnte. So wird eine Zielsetzung der Technik-Ausstellung sein, den Unterschied von Düsentrieb und Raketenantrieb deutlich zu machen.

Ziegler hat den Segen der Archäologen, die die Kombination von Antik und Modern im Museum für beispielhaft halten, um unterschiedliches Publikum anzuziehen. Ziegler hat auch die Fachleute, damit die moderne Technik erklärt werden kann. Diese Fachleute seien leichter zu bekommen als qualifizierte Leute für die Römerzeit, sagt er. Den Segen des Gemeinderats hat Ziegler noch nicht.

Bürgermeister Jablonski denkt, dass sicher einige Exponate zur Zeit der Raketenforscher ausgestellt werden. Ob aber eine ganze Museumshälfte für die Raketen reserviert wird, muss der Gemeinderat noch entscheiden. Dafür müssen ein pädagogisches Konzept sowie eine Kostenberechnung vorgelegt werden.

Autor: Michael Haberer