Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
07. Februar 2012
Tanzen auf der Brüstung des Balkons
Der junge Berliner Singer-Songwriter Max Prosa veröffentlicht mit "Die Phantasie wird siegen" ein außergewöhnliches Debütalbum.
Er traut sich viel, der verträumte Sängerknabe mit den braunen Locken und der Akustikgitarre. Im Booklet zu seinem Debütalbum "Die Phantasie wird siegen" stilisiert sich Max Prosa gleich zweimal als junger Bob Dylan – mit der Subtilität eines Presslufthammers. Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ihn in kariertem Hemd mit einer Mundharmonika um den Hals, die Gitarre im Arm. Und im Studio, die Beine übereinander geschlagen, die wilden Haare hängen ihm ins Gesicht, die Lippen hinterm Mikrofon sind voll und mädchenhaft. Direkte Dylan-Zitate. Und seine Musik traut sich noch viel mehr – mit gutem Ergebnis.
Hinter Max Prosa verbirgt sich – etwas prosaischer – Max Podeschwig. Abi mit 17, abgebrochenes Studium der Philosophie und Physik, jetzt ist Max Prosa Vollzeitmusiker. Der Berliner Junge aus dem hochdeutsch sprechenden Besserverdiener-Stadtteil Charlottenburg singt mit der etwas schnoddrigen berlinerisch angehauchten Artikulation des Wahl-Neuköllners, der er seit Kurzem ist.
Sein Künstlername erscheint weniger prätentiös, wenn man den Liedtexten des 22-Jährigen lauscht. Und sich freut, dass er dem Drang hat widerstehen können, sich Max Poesie zu nennen. Denn seine Lieder lassen sich als Gedichte aufsagen: "Wenn ich könnt’, flög’ ich davon / mit meinen Flügeln aus Beton" heißt es da. Oder: "Und wir sitzen in der Sonne und hören Radio Resistance / tanzen wilde Tänze auf der Brüstung des Balkons". Manchmal grenzen seine Texte ans Pathetische. Es geht um das Leben, die Liebe, um ein romantisches, aber unbestimmtes Aufbegehren gegen die Welt. Eine Botschaft gibt es nicht. Dafür viele Anekdoten und eine Aufforderung zum sich weg träumen.
Werbung
mit großem Orchester
Auch zum musikalischen. Denn akustisch bedient sich Max Prosas Pop-Folk-Ästhetik bei einigen wohlbekannten Vorbildern. Manche Riffs und Beats erinnern an die Beatles, andere an Coldplay. Sogar eine Anlehnung an Jimi Hendrix tönt in einigen der 14 Lieder manchmal ganz leicht durch. Wollen das Cover und die ästhetisierten Fotos im Booklet den Hörer davon überzeugen, dass man es mit einem Jünglingswunder zu tun hat, einem einsamen Musiker, beweist das Album das Gegenteil.
So einen prallen Klang kann kein einzelner Mensch, nur mit Akustikgitarre und Stimme bewaffnet, hervorbringen. Schlagzeug, Bass, Klavier, Fiddle und Mundharmonika, geschenkt. Im Folk-Pop sind diese Instrumente keine Besonderheit. Mandoline und Akkordeon, schon eher unüblich. In "Schöner Tag" kommt eine Orgel zum Einsatz. Und Klarinetten unterstützen die wenigsten Singer-Songwriter. Einige Lieder sind gar mit einem großen Orchester unterlegt. Freilich dominieren Max Prosas Stimme und die Akustikgitarre.
Meistens ist das auch gut so. Der Junge kann ja singen. Nur an manchen Stellen gleitet seine Stimme etwas aus. Dann klingt sie gepresst und erinnert an Herbert Grönemeyer. Oder Kermit, den Frosch. Im Lied "Als der Sturm vorbei war" gibt es so eine Stelle: Im Refrain versucht Max Prosa das Wort "Sonne" herauszuschreien. Die Befreiung schlägt fehl – das Wort bleibt stecken, flach und gedrückt.
Aber das sind Kleinigkeiten. Einige Melodien auf Max Prosas Debütalbum sind ein Ohrenschmaus. Das ist vor allem den cleveren Intros auf der Akustikgitarre zu danken. Seit er sechs Jahre alt ist, spielt Max Prosa, das Einzelkind aus dem Berliner Westen, dieses Instrument. Im letzten Lied auf seinem Debütalbum kriegt er prominente Unterstützung: Die Kleingeldprinzessin, die Liedermacherin Dota Kehr, begleitet ihn.
Auf vielen seiner Promo-Fotos hat Max Prosa die Augen geschlossen. Die Locken hängen ihm weich ins Gesicht. Darauf ist er ganz der Träumer, ganz der sensible Musikspross. Das ist schade. Denn hinter Max Prosa verbirgt sich offenbar mehr als ein weiterer bleichgesichtiger Jüngling, der sich mit halb freigelegter Hühnerbrust in der Hängematte fotografieren lässt. Für ein Debüt eines so jungen Künstlers ist das Album außergewöhnlich. Die Musik von Max Prosa lässt mehr erwarten. Wenn auch nicht Songs à la Bob Dylan.
– CD: Max Prosa: Die Phantasie wird siegen (Columbia/Sony). Konzert: Stuttgart, Keller Klub, Mo, 13. Februar. Info: http://www.musiccircus.de
Autor: Charlotte Janz
