Hip-Hop

Das neue SXTN-Album "Leben am Limit"

Laura Sophia Jung

Von Laura Sophia Jung

Sa, 10. Juni 2017 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

"Wir sind asozial und geil, ihr seid nur asozial": Das Rap-Duo SXTN schlägt auf seinem Album "Leben am Limit" HipHop-Machos mit ihren eigenen Waffen. Aggressiv, laut und unverschämt.

Westberlin, Südberlin, Zugezogen – Hauptsache maskulin. So ließ sich bisher in etwa die Erfolgsformel für deutschen Gangster-Rap zusammenfassen. Doch SXTN, bestehend aus den Rapperinnen Juju Wessendorf und Nura Habib, sind auf dem besten Weg diese vielleicht letzte männlichen Bastion der Musikbranche zu erstürmen. Zur Melodie, mit der sonst die Horrorfilmfigur Freddy Krueger schlafende Teenager in Angst und Schrecken versetzt, kreieren die Wahlberlinerinnen gleich im ersten Track ihres Debütalbums "Leben am Limit" einen Alptraum für all die Rapper, die ihren prekären Männlichkeitsstatus mit verbalen Attacken auf weibliche Verwandtschaftsmitglieder überkompensieren. Nicht nur, dass die beiden jungen Frauen sich in das von harten, hypermaskulinen Männern dominierte Rap-Business vorwagen, sie tun es auch noch mit Erfolg. Und halten HipHop-Machos den Spiegel vor, in dem sie sie mit ihren eigenen verbalen Waffen schlagen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte ihre EP "Asozialisierungsprogramm" in der Szene für Furore gesorgt. Die Texte umkreisten dabei die Trias klassischer Rap-Themen: Drogen, Sex und (verbale) Gewalt. Auf schnellen und schmutzigen Beats rappten Juju und Nura schon damals jede mögliche Kritik an die Wand. Auch auf dem neuen Album geht es bei SXTN ums Kiffen im "Bongzimmer", die Suche nach "Frischfleisch" und das Auftrumpfen gegenüber der Konkurrenz. Die Beats sind größtenteils extrem basslastig und durchrhythmisiert geblieben, wirken aber insgesamt sauberer und lassen so dem Rap mehr Raum.

Und der kann sich hören lassen: SXTN sind nicht nur die nächste Eskalationsstufe des deutschen HipHop, sie sind auch und vor allem gute Rapper. Hier nicht zu gendern ist eine bewusste Entscheidung: SXTN wollen nicht primär als Frauen in der Szene wahrgenommen werden, sie brauchen keine Sonderbehandlung. Sie "ficken deine Mutter ohne Schwanz", "missbrauchen dich" und verlachen aufdringliche Männer. In ihren eingängigen Refrains schleudern sie den Zuhörern klare Statements entgegen: "Wir sind asozial und geil, ihr seid nur asozial".

Von dieser verbalen und auch musikalischen Vulgarität und Direktheit kann man sich abgestoßen fühlen, man kann in ihr aber auch die längst überfällige Antwort auf eine Szene sehen, die sich damit profiliert, Frauen zu erniedrigen, zum Spielball von Beleidigungen zu machen und mit sexistischen Klischees zu überziehen. Juju und Nura sehen sich genötigt, zu Vorwürfen, sie seien "Mannsweiber" mit "Lesbenhaarschnitt", Stellung zu nehmen.

Aus den abwertenden Fremdzuschreibungen kreieren sie eine ironische, überzeichnete Selbstbeschreibung und werden so selbst zum Akteur. Ähnlich wie vor Jahren der Begriff "Kanacke" vom Schimpfwort zur positiven Gruppenbezeichnung avancierte, reklamieren SXTN ihre Weiblichkeit für sich. Indem sie dezidiert weibliche (und allein deshalb normalerweise beleidigende) Charakteristika mit männlichen Kategorien kombinieren, schaffen sie eine aggressive Antithese zur Mainstream-Rapkultur. Das ist ungewohnt und vor allem unbequem.

Sicherlich, gemäß feministischer Theorie ist es nicht genug, bisher Männliches ins Gegenteil zu verkehren – eine Synthese muss folgen, die idealerweise den Widerspruch endgültig auflöst. Doch Juju und Nura folgen eben keiner feministischen Theorie, vielleicht sind sie nicht mal Feministinnen. Es liegt nicht in ihrem Interesse, die tragende Dichotomie ihrer Musik aufzulösen, stattdessen wird sie auf die Spitze getrieben. In "Er will Sex" degradieren SXTN Männer zu hoffnungslos ihren Trieben ausgelieferten Opfern ohne Chance auf Erlösung. Egal, wie sehr der Gentleman bemüht ist, die Tür aufhält, teure Geschenke macht und Komplimente verteilt, am Ende bekommt er doch nur zu hören: "Ich bin zu für dich, weil du ’ne Hure bist".

Ob es genug ist, den Spieß einfach umzudrehen? Vielen sind Juju und Nura zu aggressiv, zu laut, zu unverschämt. Aber sie haben es geschafft, eine Szene auf sich aufmerksam zu machen, die anders kaum zu locken gewesen wäre. Ihre krassen Texte und der harte Sound lassen Fans aufhorchen, die sonst wohl nur selten Frauen als Performende wahrnehmen. Und wenn diese Fans dann zu SXTN-Fans werden, ist das vielleicht schon ein so großer praktischer feministischer Schritt, dass die unzulängliche Theorie dahinter zurücktreten darf. Immerhin wurde schon mehr als ein Drittel der geplanten Konzerte ihrer Tour in eine größere Halle verlegt. Das Konzert im Jazzhaus Freiburg noch nicht, aber bis dahin ist ja noch Zeit.

SXTN: Leben am Limit (Jinx Music). Konzert: Freiburg, Jazzhaus, Fr, 13. Okt., 20 Uhr.