Ein Treffen mit dem Weltmusikexperten und Instrumentenbauer Paddy Bush

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Sa, 21. Oktober 2017

Rock & Pop

Kate Bushs Musik verdankt ihm die exotischen Farben: Ein Treffen mit dem Weltmusikexperten und Instrumentenbauer Paddy Bush.

Alle, die von den späten Siebzigern an mit der Musik einer der kreativsten Vertreterinnen des britischen Pop in Berührung kamen, dürften seine Klänge kennen, wenn auch unbewusst: Sei es die Balalaika in Kate Bushs Hit "Babooshka", seien es Mandolinen, ein verrücktes Psalterium, slowakische Hirtenflöten oder madagassische Röhrenzithern. Vom Beginn ihrer Karriere bis in die 1990er tauchen solche Klänge auf Kate Bushs Platten auf. All das geht auf das Konto von Paddy Bush, der im Studio seiner fünf Jahre jüngeren Schwester immer zur Stelle war, wenn exotische Tupfer gefragt wurden. Im Schweizerischen Aarau sprach er anlässlich einer Ausstellung über seine größte Liebe, die Musik Madagaskars, und gab danach bei einer Tasse Tee ein Interview.

Paddy Bush wächst in der Zeit des Folkrevivals auf, bekommt traditionelle englische und keltische Lieder mit, seine Mutter ist Irin. "Musik war und ist bis heute meine einzige Religion. Aber ich habe oft den Glauben verloren und einen neuen angenommen!", flachst der Mann mit der britisch-distinguierten Erzählstimme . "Als Teenager versuchte ich, das virtuose Fiddle-Spiel aus dem irischen Sligo zu lernen, und ich fragte Kate, ob sie mich am Klavier begleitet. Unser Vater hat ihr also ein paar Akkorde gezeigt, aber sie hat sich so arg gelangweilt, immer die gleichen Sachen zu spielen, dass sie rasch anfing, ihre eigenen Songs zu schreiben. So kam sie eigentlich zur Musik!"

Der Bruder unterdessen taucht tiefer in die Kulturen der Welt ein: Er belegt Seminare bei der Ethnomusikologin Jean Jenkins, entdeckt die bulgarischen Frauenstimmen und studiert Instrumentenbau. Dabei kapriziert er sich auf verrückte Klangobjekte, baut unter anderem ein mittelalterliches Psalterium namens Strumento de Porco nach, das Holz dafür stibitzt er aus dem Rumpf des legendären Segelschiffes Cutty Sark. Man kann dieses kristalline Instrument auf Kate Bushs Songs "Kashka From Bagdad" und "Egypt" hören.

Faszinierendes

Madagaskar

Als Ideengeber fungiert er immer wieder bei seiner Schwester: Er entdeckt für sie Melodien aus einem nordgriechischen Feuertanzritual, macht sie mit dem Trio Bulgarka bekannt, das auf dem Album "The Sensual World" gastiert und er bringt den madagassischen Weltmusikstar Justin Vali nach England. "Kate war so besessen von der Fröhlichkeit seiner Musik, dass sie unbedingt mit ihm arbeiten wollte". Das Resultat dieser Kooperation ist der Hit "Eat The Music".

Die Klänge Madagaskars haben Paddy Bush nicht mehr losgelassen, seit er in den frühen Achtzigern eine Platte mit einer seltsamen Metallbox auf dem Cover entdeckte. Dabei handelte es sich um die Zither Marovany, gespielt von einem Fischer aus dem Vezo-Volk im Südwesten der Insel. "Eine solche komplexe Rhythmik hatte ich vorher noch nie gehört und ich musste es unbedingt nachbauen", erinnert er sich. Wenn Bush über Madagaskar erzählt, glaubt man sich in einer Art Tausendundeiner Nacht im Indischen Ozean. Im Vortrag, zu dem ihn seine Freundin, die Ethnologin Eva Keller, eingeladen hatte, breitet er die Geschichte der Röhrenzither Valiha aus, deren Saiten über Jahrtausende aus dem Bambuskorpus geschnitten wurden, die bei der Ankunft der französischen Kolonisatoren dann aber durch Bremszüge von Fahrrädern ersetzt wurden.

Er erklärt mit Klangbeispielen den Hira Gasy, ein Musiktheater, das der König im 18. Jahrhundert selbst aus der Taufe hob, um seine Kundgebungen im Land zu verbreiten. Heute erfüllen sie die Funktion des sozialen Kommentierens, auch des satirischen Spotts. Er berichtet, wie er einen Musiker traf, der mit seinem Zither-Spiel die Waldgeister rufen konnte. Einen ganzen Dokumentarfilm hat er über Rakotozafy gedreht, den bis heute größten Marovany-Virtuosen. Und er hält auch nicht mit einem Geständnis hinterm Berg: "Der Paddy, den du heute siehst, ist wie ein Phönix, der ein paar Mal aus der Asche entstiegen ist. Ich habe es wiederholt aufgegeben, die madagassische Musik selbst zu spielen. Die Rhythmen sind zu unserem europäischen Verständnis von Takt vollkommen konträr. Ich habe einen Musiker gebeten, mir die Betonungen in meinen Lieblingsstücken zu markieren – und es stellte sich heraus, dass ich sie all die Jahre falsch verstanden hatte!"

Auch wenn er weiterhin Zither spielt, fühlt er sich in der Rolle des Produzenten wohler. Unter seinem eigenen Namen ist bis heute nicht eine einzige CD erschienen, er gastiert lediglich auf einer CD des Weltmusikprojekt Spondo und hat mit Colin Lloyd-Tucker von der Popband The The das Duo Bushtucker gegründet. Nach 25 Jahren basteln sie gerade wieder an einer neuen Scheibe.

Zum Abschluss die Frage: Ist er weiterhin für seine berühmte Schwester als Ratgeber tätig? "Ja, bei ihren Live-Shows vor drei Jahren hat sie mich für spezielle Instrumente auf der Bühne konsultiert." Mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen, denn das Projekt, an dem Kate Bush gerade arbeitet, ist noch geheim. Und er wird ein wenig wehmütig: "Weißt du, die eigentliche Magie dieser Konzerte war, Kate allein am Piano zu erleben. Ihre Beziehung zu diesem Instrument ist so tief, so grundlegend. Das ist die Kate Bush, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne." Wer weiß, was aus ihr geworden wäre, hätte ihr Bruder Paddy nicht eine Begleitung für seine Fiddletunes gesucht.