Eine Geduldsprobe auf 72 Saiten

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Sa, 17. Dezember 2016

Rock & Pop

Meisterin eines schwierigen Instruments: Arezoo Rezvani, die das persische Hackbrett Santur spielt, tritt in Freiburg auf.

Wer in den vergangenen zwei Jahren das Tamburi-Mundi-Festival besuchte, dem ist sicher eine junge Frau am persischen Hackbrett Santur aufgefallen. Arezoo Rezvani ist nicht nur eine herausragende Solistin auf ihrem Instrument, sie hat auch eine bewegende Geschichte zu erzählen.

Zusammen mit Rahmentrommler Murat Coskun probt die Musikerin gerade im Alten Wiehrebahnhof in Freiburg für das gemeinsame Konzert in der Reihe "Frame Drum Meets". Seit elf Monaten ist sie in Deutschland und überrascht mit bereits hervorragenden Sprachkenntnissen. Warum hat es ihr gerade die Santur angetan, dieses schwer zu handhabende Instrument mit seinen 72 Saiten? "Das mit der Santur und mir war eigentlich ein Unfall", lacht sie. "Mit 18 wollte ich unbedingt ein Instrument lernen, und mein Vater willigte ein, aber es sollte nicht zu teuer sein." Über die Vermittlung eines Cousins kam sie an ein preiswertes Exemplar und war sofort Feuer und Flamme. "Ich habe jeden Tag acht Stunden im Keller gesessen und geübt. Und mein Vater dachte sich: Was passiert da eigentlich mit meiner Tochter?" Schließlich akzeptierte er, dass sie nicht Ärztin werden würde – sie kann ohnehin kein Blut sehen. Nach neun Monaten gab sie ihr erstes Konzert und spielte bereits Literatur für Fortgeschrittene. Der Weg zur Musikhochschule war vorgezeichnet.

Die Santur ist sicherlich eine der verfeinerten Varianten aus der weltweit existierenden Hackbrettfamilie. "Die ersten Schritte sind leicht, aber nach ein paar Monaten merkt man, dass sie schwieriger zu beherrschen ist als andere Instrumente", sagt Rezvani. "Allein das Stimmen ist schon Mathematik, Santurspieler brauchen viel Geduld. Und die Kunst ist, die Sensibilität vom Kopf über die Hämmerchen auf die Saiten zu übertragen, da man ja nicht direkt mit den Fingern spielt."

Nur wenige wirkliche Meister gibt es im Iran, wie zum Beispiel Rezvanis Lehrer Ardavan Kamkar. In der klassischen persischen Musik wird die Santur eingesetzt, man kann mit ihr aber auch zum Tanz aufspielen, in einem eher volkstümlichen Kontext. Arezoo Rezvani ist nicht die einzige Frau an der Santur, aber auf diesem hohen professionellen Level dürfte sie führend sein. Und genau damit fingen die Probleme an: "Ich komme aus Isfahan, in der Stadt hat die Religion Priorität. Alles, was mit Frauen in der Musik zu tun hat, ist mit Verboten belegt. Sie dürfen Konzerte im privaten Rahmen geben, wenn sie unter sich sind. Aber eine Frau auf der öffentlichen Bühne, egal, ob solo, ob in einem Frauenensemble oder mit Männern, das ist unmöglich."

Allein der Unterricht wurde ihr gestattet, darüber hinaus glich ihre Karriere einem täglichen Kampf. Im Alleingang organisierte sie Konzerte mit Frauenensembles, versuchte die Behörden zu gewinnen, doch am Ende stand stets das Verbot. Um ihre Musik spielen zu können, musste sie permanent sechsstündige Fahrten ins etwas liberalere Teheran in Kauf nehmen, wo es aber auch Restriktionen gab. Da sie mit Künstlern des Staatsfeindes Israel auf der Bühne war, fing man an, sie zu beobachten. "Meine Musik starb", sagt Rezvani, und entschloss sich zu einer Übersiedlung. "Ich wollte frei sein."

Wie geht es ihr in der neuen Heimat? "Bei den meisten Auftritten, die ich hier habe, spiele ich allein. Ich bräuchte manchmal einen Duopartner, zum Beispiel auf der Laute, aber die persischen Musiker hier sind verstreut und nicht alle spielen auf einem professionellen Niveau. Es geht hier alles in langsamen Schritten voran."

Arezoo Rezvani freut sich, wenn sie eine Möglichkeit bekommt, mit anderen auf die Bühne zu gehen, so wie sie es im E-Werk mit Coskun tun wird. "Für das Konzert habe ich schöne persische Stücke ausgewählt, aber mit Murat werde ich auch türkische spielen, die in einer Stimmung sind, die die Santur zulässt", verrät sie. "Das Spielen mit Musikern aus anderen Ländern eröffnet mir auch einen neuen Blick auf meine Kultur."

Konzert "Frame Drum Meets Santur", Freiburg, E-Werk, Sonntag, 18. Dez., 19 Uhr
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