"Ich habe die Zeit meines Lebens!"

Marcel Anders

Von Marcel Anders

Fr, 23. Dezember 2016

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit dem amerikanischen Entertainer und Sänger Tony Bennett (90) über eine späte Erfolgssträhne.

Auch im Alter von 90 Jahren denkt Tony Bennett, großer amerikanischer Entertainer, nicht ans Aufhören. Bennett malt, singt und tourt wie eh und je. Und wenn er mal stürzt, rettet ihn Miss Piggy. Marcel Anders hat mit dem New Yorker gesprochen.

BZ: Herr Bennett, Ihr 90. Geburtstag liegt schon ein paar Monate zurück. Trotzdem gehen die Feierlichkeiten weiter – jetzt mit einem NBC-Special namens "Tony Bennett Celebrates 90", das auch als CD erscheint. Ist es nicht irgendwann genug?
Bennet: (lacht) Langsam ist es wirklich gut. Also seit August erlebe ich einen Rummel um meine Person, der einfach Wahnsinn ist. Nur: Gleichzeitig habe ich auch die Zeit meines Lebens. Denn die Leute kriegen gar nicht genug von mir. Jeder macht mir Komplimente, alle wollen mit mir singen und mir wird so viel Aufmerksamkeit, so viel Liebe und Ehre zuteil, dass es einfach wunderbar ist. Es ist das, wovon jeder Künstler träumt – und ich erlebe es jetzt geballt. Eine fantastische Erfahrung. Zumal ich auch andere Zeiten erlebt habe. Ich war mehr als einmal ganz unten. Insofern genieße ich diese Phase jetzt umso mehr.
BZ: Das Fairmont Hotel in San Francisco hat Ihnen sogar eine überlebensgroße Statue gewidmet, die nun vor dem Haupteingang steht. Geht das einher mit kostenloser Logis?
Bennett: Ach, ich wohne dort schon seit 1961 umsonst. Eben seit ich damals in ihrem Ballsaal aufgetreten bin. Aber es ist toll, dass sie das so zu würdigen wissen. Ich meine, wie viele Sänger wurden schon mit einer Statue bedacht – außer Caruso, John Lennon und mir? Sinatra und Dean Martin haben jedenfalls keine.
BZ: Und die haben keinen tierischen Schutzengel…
Bennett: (lacht) Das stimmt!
BZ: Hat Ihnen Miss Piggy wirklich das Leben gerettet?
Bennett: Das hat sie. Und zwar Ende November, bei der Parade zum Thanksgiving Day in New York. Da waren wir gemeinsam auf einem Umzugswagen – bei Wind und Wetter. Als mich eine heftige Bö gepackt hat, bin ich ins Stolpern geraten und habe das Gleichgewicht verloren. Zum Glück stand Miss Piggy neben mir und hat mich gestützt. Wodurch ich möglichen Verletzungen entgangen bin. Man könnte also sagen: Ich habe mächtig Schwein gehabt. (lacht) Ich bin ihr sehr dankbar.
BZ: Was war Ihr persönlicher Höhepunkt bei dieser einstündigen TV-Show, die nun auch auf CD erschienen ist?
Bennett: Das waren so viele, dass ich da kaum einen einzelnen hervorheben kann. Ich meine, allein mit Lady Gaga, Billy Joel, Stevie Wonder und Elton John zu singen, ist immer wieder toll. Das sind gute Freunde von mir, die ich sehr schätze, die ein Wahnsinnstalent haben und die mir mehr als einmal bewiesen haben, dass ich mich voll und ganz auf sie verlassen kann. Das ist etwas sehr Seltenes in diesem Geschäft, und ich weiß das sehr wohl zu schätzen.
BZ: Das Booklet besteht aus Essays von Bill Clinton, Martin Scorsese und Harry Belafonte, die Sie in höchsten Tönen loben.
Bennett: Das ist mir fast ein bisschen unangenehm – weil es im Grunde zu viel ist. Aber das war die Idee meines ältesten Sohnes, der auch mein Manager ist. Er hat all diese Leute gefragt, ob sie aus diesem Anlass etwas über mich schreiben wollen – und sie haben es tatsächlich getan. Dabei bin ich nur ein Sänger – und nichts anderes.
BZ: Darf man fragen, was Sie an Lady Gaga finden? Mit ihrer Musik dürften Sie doch nicht wirklich viel anfangen können, oder?
Bennett: Nein, sie ist eine andere Generation, ganz klar. Und sie präsentiert sich, wie man es sich früher – als ich im selben Alter war, wie sie heute – kaum getraut hätte. Aber das ist okay, das ist die moderne Welt. Und sie tut, was sie tut, um Erfolg zu haben. Also respektiere ich das. Und ich mag sie als Mensch. Sie ist ein großartiges, italienisches Mädchen, das sich mir gegenüber einfach unglaublich charmant gibt. Ich bin definitiv ein kleines bisschen verliebt in sie. (lacht)
BZ: Als überzeugter Demokrat und Pazifist: Wie denken Sie über Donald Trump als kommenden Präsidenten der USA?
Bennett: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich besonders glücklich über seine Wahl wäre. Nur: Er ist die Person, die sich die Mehrheit der Amerikaner gewünscht hat. Er ist demokratisch gewählt. Und das muss man akzeptieren, egal ob einem das gefällt oder nicht. Und: Ich bin der Meinung, wir sollten erst einmal abwarten und sehen, was passiert. Also wir sollten ihm zumindest eine Chance geben.
BZ: Wie begehen Sie die Feiertage?
Bennett: Im Kreis meiner Familie. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter, jeweils mit ihren eigenen Familien. Und ich habe eine wunderbare Frau, die mich über alles liebt. Das hoffe ich zumindest.
BZ: Das klingt nach jeder Menge Geschenken.
Bennett: Bergeweise! Ein ganzes Zimmer voll! Aber so muss es sein! Man muss die schönen Stunden genießen und die nicht so schönen meistern. Nur so lebt man richtig.

Tony Bennett: Tony Bennett Celebrates 90 (Sony).