Kastenzither trifft Cembalo

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Fr, 24. August 2018

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit der Cembalistin Angelika Moths anlässlich der achten Orientalischen Sommerakademie in Südbaden.

Zum achten Mal bringt die Orientalische Sommerakademie Facetten der arabischen Musikwelt mit Kursen und Konzerten nach Südbaden. Zu dieser Ausgabe, die am Sonntag in Niederrotweil startet, hat Organisator Matthias Wagner auch eine deutsche Künstlerin eingeladen: Die Cembalistin Angelika Moths wird für eine direkte Beg

egnung zweier Instrumente sorgen, die in der europäischen und arabischen Musikgeschichte jeweils eine zentrale Rolle spielen: das Cembalo und die Kastenzither Qanun. Stefan Franzen hat sich mit Moths vorab unterhalten.

BZ: Frau Moths, Ausgangspunkt Ihres Konzerts ist die These, dass im Abendland im 14. Jahrhundert Tasten an die arabische Zither Qanun gebaut wurden – dadurch sei das Cembalo entstanden: Gibt es dafür irgendeine musikwissenschaftlich gesicherte Erkenntnis?
Moths: Guillaume de Machaut (französischer Komponist und Dichter, die Red.) nennt im 14. Jahrhundert in seinem Gedicht "La Prise D’Alexandrie" Instrumente, die von den Kreuzrittern aus dem "gelobten Land" mitgebracht wurden und erwähnt das Qanun. Er belegt damit die Wanderung des Instruments. Dann gibt es aus der gleichen Zeit Zeichnungen von Henri Arnaut de Zwolle (der flämische Arzt und Astronom veröffentlichte ein Lehrbuch für musikalische Instrumente, die Red.), die erste Versuche zeigen, Tasten an einem Zitherinstrument zu befestigen, wobei wir nicht nachweisen können, ob das wirklich ein Qanun war. Wissenschaftlich absichern lässt sich diese Hypothese nicht. Doch sie erscheint wegen der zeitlichen Nähe plausibel, auch, weil ja andere Instrumente wie die Laute und Geige aus dem Oud und der Rebec entstanden sind.

BZ: Sie füllen nun diese Hypothese mit klingendem Leben, wenn Sie auf dem Cembalo arabische Musik spielen. Doch wie lassen sich die anders gearteten Intervalle übertragen?
Moths: Die Mikrointervalle der arabischen Skalen werden durch kleine Klappen erzeugt, die an den Seiten des Qanuns befestigt sind. Jede Saite kann innerhalb eines Halbtons bis zu sechs Mal modifiziert werden. Auf dem Cembalo geht das nicht. Und genau das war auch die Herausforderung an die Komponisten, von denen ich mir Stücke habe schreiben lassen. Sie mussten andere Möglichkeiten suchen, konnten die arabischen Skalen, die Maqamat, nicht so abbilden. Das Stück des Sudanesen Ali Osman heißt zwar "Maqamat", doch das Wort "Maqam" kann sowohl für melodische wie auch rhythmische Modi stehen, in diesem Fall letzteres. Osman verschiebt diese rhythmischen Modi gegeneinander, nutzt das Cembalo also eher als eine Art perkussives Instrument. Für das Stück des algerischen Komponisten Salim Dada wird das Cembalo dagegen wirklich auf eine arabische Skala umgestimmt und präpariert, es kommen kleine Nägel rein.

BZ: Ein anderes Stück von Salim Dada nennt sich "Souvenir De Bach". Inwiefern hat er sich da von Bach inspirieren lassen?
Moths: Mir geht es ja in dem Programm nicht nur darum, per se arabische Musik zu spielen, sondern auch zu zeigen, wie arabische Komponisten mit dem Cembalo umgehen. Es gibt ja jede Menge europäischer Komponisten, die für arabische Instrumente geschrieben haben, ich versuche nun den umgekehrten Weg. Dieses Stück ist eine, liebevoll ausgedrückt, "verrutschte" Bachsche Invention, so wie sie sich ein Algerier vorstellt, es ist eigentlich nichts Arabisches drin. In arabischen Ländern steht Johann Sebastian Bach an allererster Stelle, wenn sich Musiker mit dem Abendland befassen.

BZ: Im Programm findet sich auch eine "Arabesque" – was verbirgt sich dahinter?
Moths: In Frankreich gab es in Musik und Literatur eine sehr starke Faszination am Arabischen auf dem Hintergrund der Kolonialisierung Algeriens. In diesem Zusammenhang hat die Komponistin Cécile Chaminade wie ihr Zeitgenosse Debussy verschiedene Arabesken geschrieben, auch "Danses orientales", die alle von dieser arabischen Farbe geprägt waren.

BZ: Sie werden das Konzert nicht allein bestreiten, die algerische Violinistin und Sängerin Imène Sahir wird dabei sein und die griechische Qanunspielerin Sofia Labropoulou – es wird also zu einer direkten Begegnung der beiden mutmaßlich verwandten Instrumente kommen.
Moths: Da bin ich selbst gespannt, denn das ist alles noch ein work in progress, da ich die Musikerinnen bislang nicht kannte. In Damaskus habe ich vor einigen Jahren die Oper "Zenobia" von Tommaso Albinoni mit arabischen Instrumenten aufgeführt, möglicherweise werde ich Auszüge daraus mit den beiden Kolleginnen spielen. Meine Idee ist, dass ich Sofia auf jeden Fall dazu bringen möchte, das ein oder andere europäische Stück auf dem Qanun zu spielen.

Angelika Moths studierte an der Schola Cantorum in Basel, war langjähriges Mitglied beim Ensemble Sarband und ist spezialisiert auf historische Aufführungspraxis und orientalische Musik.