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12. Januar 2016 09:39 Uhr

Nachruf

Kunstfiguren und geniale Musik: Zum Tod von David Bowie

Seine Musik war innovativ, seine Kunstfiguren Projektionsflächen: David Bowie ist im Alter von 69 Jahren am Sonntag an Krebs gestorben. Eine Annäherung an den Ausnahmekünstler.

  1. David Bowie 1987 bei einer Pressekonferenz in München Foto: AFP

  2. Fans in Berlin gedachten dem Sänger vor seiner ehemaligen Wohnung in der Hauptstraße 155 Foto: AFP

  3. Im Londoner Stadtteil Brixton legten Fans vor dem Ziggy Stardust-Gemälde des Australischen Street-Artist Jimmy C Blumen nieder. Foto: AFP

  4. Bowie 1983 bei einem Auftritt in Belgien

  5. Bowie 2006 in New York mit seiner Ehefrau Iman Foto: dpa

  6. David Bowie 1987 bei Rock am Ring Foto: dpa

Das Chamäleon. Dieses Klischee hat David Bowie, der am Sonntag zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag an Krebs gestorben ist, sein Leben lang begleitet. Das liegt an den Kunstfiguren, die der Brite für Konzeptalben und Songs erfand, an den Rollen, in die er immer wieder schlüpfte.

Ziggy Stardust, der Rockstar mit den karminroten Haaren. Der Astronaut Major Tom, der als süchtiger, kreidebleicher Harlekin auf die Erde zurückkehrt. The Thin White Duke, ein Dandy, halb Aristokrat, halb Geist, fahl und spindeldürr, des vielen Koks sei Dank. Auch wenn er sich später immer wieder neue Charaktere ausdachte – diese Alter Egos aus den Siebzigern haben sein Bild in der Öffentlichkeit geprägt.

Seine Maskeraden waren Selbstschutz

Natürlich waren diese Maskeraden auch dazu da, im Gespräch zu bleiben, das Interesse des Publikums immer neu zu stimulieren. Wenn es um die Kontrolle seines Bildes in der Öffentlichkeit, das Spiel mit dem Image geht, gehörte er zu den Pionieren des Pop. Er arbeitete schon in den Siebzigern mit Modedesignern und Stylisten und hatte in Mick Rock einen Haus- und Hoffotografen, der die frühen Jahre, das Fundament, auf dem eine vier Jahrzehnte währende Karriere fußte, minutiös dokumentierte.

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Für viele definieren diese Maskeraden deshalb den Künstler Bowie. Dabei waren sie vor allem eins: Mittel zum Zweck. Fassaden, die den Mensch hinter der Maske ein Stück unsichtbar machen. Selbstschutz eines Exhibitionisten, der vieles, aber auch nicht alles von sich preisgeben wollte.

Egal, in welche Rolle er schlüpfte – seine zentralen Alben und Songs erzählen von einsamen Seelen, verloren und sich verlierend in einer Welt, die nicht selten kafkaeske Züge trägt. "Die Hosen mögen sich ändern", sagte Bowie 2002 in einem Interview. "Aber die Themen, über die ich immer geschrieben habe, haben mit Isolation, Verlassenheit, Furcht, Angst zu tun – all die Höhepunkte im Leben eines Menschen."

Bowie wäre nicht zur Ikone, zu einem der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte geworden, hätte er es allein beim Deskriptiven belassen. Ziggy und all die anderen Figuren waren immer auch Projektionsflächen, wie Bowies berühmtester Skandal zeigt. Im Juni 1972 in Oxford simulierte er auf offener Bühne Oralsex mit seinem Gitarristen Mick Ronson. Tatsächlich spielte Bowie die Saiten des Instruments mit den Zähnen. Aber Mick Rocks Foto, das kurz darauf als ganzseitige Anzeige in einer Musikzeitschrift erschien, ließ eine andere Deutung zu.



Seither haben Kunst, Theater, Literatur und Musik so ziemlich jedes denkbare Tabu gebrochen, einer der Gründe, warum sie ihre gesellschaftsverändernde Kraft verloren haben. Damals aber war das eine unglaubliche Provokation, genau wie die Hotpants aus Satin oder die Pumps mit den Palmen auf dem Keilabsatz, mit denen sich Bowie zum androgynen Wesen stilisierte.

Sein Stil war nie nur Provokation

Viele Stars der damaligen Glam-Rock-Ära trugen Plateauschuhe und Rouge. Aber was für die meisten ein modisches Statement blieb, war bei Bowie ein Signal, eine Ermutigung, sich zu sich selbst zu bekennen, nach den eigenen Vorstellungen zu leben, auch wenn sie nicht den Normen der bürgerlichen Gesellschaft entsprechen.

Geoffrey Marsh, Kurator der Ausstellung "David Bowie Is", die seit 2013 durch die Welt tourt, hat das in der Zeitschrift Monopol auf den Punkt gebracht: "Bowies Botschaft lautet: ,Schaut nicht mich an, schaut auf euch selbst. Ihr könnt alles sein, tragen und tun, was ihr wollt, und jede beliebige Sexualität leben. Wenn es gut läuft, hat jeder von uns ein paar Jahrzehnte auf dieser Erde. Ich werde mich also nicht darum kümmern, was andere von mir denken. Und ihr solltet das auch nicht tun.‘‘‘



Diesem Credo sind viele gefolgt. Ganze Genres wie New Wave und New Romantic, Stars wie Depeche Mode, Madonna oder Lady Gaga wären ohne ihn nicht denkbar gewesen. Er selbst hat sich immer wieder mit Musikern umgeben, die ihm halfen, seine Visionen zu kanalisieren – auch weil sie wie er innovativ und von dem Drang getrieben waren, Grenzen zu überschreiten. Mit der Band um Mick Ronson schaffte er den Schritt vom Folk zu Rock und Pop. 1975 ging er nach Philadelphia und wandte sich mit schwarzen Musikern dem Soul zu. Brian Eno und der Gitarrist Robert Fripp, die mit Klanglandschaften und Synthesizern experimentierten, beeinflussten danach die experimentierfreudige Trilogie "Low", "Heroes" und "Lodger".

Nile Rodgers, dessen Band Chic Disco und Funk prägte und Bowies jahrelangen Produzenten und Vertrauensmann Tony Visconti verdrängte, verschaffte ihm 1983 sein bis heute meistverkauftes Album "Let’s Dance". Doch am Ende waren es immer Bowies Songskizzen, seine Ideen, die die dazugebetenen Könner ausformulierten. Verlor er – wie Ende der Achtziger – das Interesse an seiner Musik oder mangelte es an einem klaren Plan wie in den Neunzigern, nutzte auch der Input seiner Zuträger nichts, egal, wie kreativ diese waren.

Als Bowie im Juni 2004 nach einem Konzert beim Hurricane-Festival in Norddeutschland einen Herzinfarkt erlitt, zog er sich von der Bühne und aus der Öffentlichkeit zurück. Als niemand mehr damit rechnete, kehrte er 2013 mit dem Album "The Next Day" zurück.

Auf Blackstar war Bowies Experimentierfreude wiedererwacht

Vergangenen Freitag folgte "Blackstar", Zeugnis wiedererwachter Abenteuerlust und Risikofreude. Als die Platte entstand, wusste Bowie schon vom Krebs. Der Titelsong mit seiner morbiden Endzeitstimmung und den elegischen Chören mutet mit dem Wissen von heute wie ein Grabgesang an. Lazarus, das zweite Lied, beginnt mit der Zeile "Schau nach oben, Ich bin im Himmel" und endet mit dem Satz: "Oh, ich werde frei sein. So wie ich es immer war." Ein Satz, so wahrhaftig und unvergänglich wie die Musik, die dieser Mann hinterlässt.



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Autor: pd