01. Oktober 2009
Ohne Noten, aber mit Vertrauen
Saiteninstrument und Schlagzeug: Xu Fengxia und Lucas Niggli kommen ins Freiburger E-Werk
Ein Duo, das wie ein Orchester klingt, hört man nicht alle Tage. Wenn es dann noch verschiedenen Kulturkreisen entspringt, ist allemal Spannung angesagt. Xu Fengxia und Lucas Niggli bilden eine frappierende Einheit, die auf ähnlicher Auffassung musikalischer Prozesse beruht und selbstredend auf menschlichem Einverständnis. Seit sechs Jahren spielen die chinesische Guzheng-Virtuosin und der Schweizer Schlagzeuger zusammen. Sie schaffen auf ihrem Instrumentarium universell Gültiges, Musik fern jeglicher Kategorien. Trotz unterschiedlicher Herkunft über Räume und Kulturen hinweg wird sie verstanden. "Wir haben eine ähnliche Auffassung von dynamischen, energetischen Verläufen, was das Musizieren mit Fengxia gleichzeitig sehr intensiv und doch leichtfüßig macht", sagt Lucas Niggli.
Wie das Schlagzeug ist die Guzheng, das alte chinesische, vielseitig einsetzbare Saiteninstrument, auch Wölbbrett-Zither genannt, ein ganzes Orchester für sich. Xu Fengxia spielt es mit Hingabe, Temperament und Vehemenz, was staunen macht. Durch variables Handhaben der Stege vermag sie praktisch jede Stimmung zu erzeugen, von westlichen Tonleitern bis zu völlig neuen Mischungen. Durch Herabdrücken der Saiten kann noch zusätzlich die Tonhöhe verändert, quasi "Slide-Effekte" erzielt werden. Mit neuen Spieltechniken erschließt die findige Spielerin das traditionelle Instrument. Sie streicht die Saiten mit dem Bogen, behämmert den Resonanzboden, ist für jegliche noch so experimentierfreudige Technik offen. In letzter Zeit spielt sie wieder verstärkt die Sangxian: eine bundlose, dreisaitige Laute, die wie ein fernöstliches Banjo klingt. Dazu singt die Musikern Archaisches, färbt ihren dramatischen, exaltierten Gesang mit Scats, den "sinnlosen" Silben des Jazz. Kunststück, denn neben der klassischen chinesischen Musik hat Fengxia in Schanghai ausgiebig westliche Rockmusik als Bassistin gespielt.
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Die seit 1991 in Deutschland lebende Virtuosin besticht durch Vielseitigkeit. Sie spielt in Orchestern und Ensembles klassische wie moderne chinesische Konzert- und Opernmusik, andererseits hat sie schon früh Kontakte zu frei improvisierenden Musikern der Avantgarde gefunden. 1995 begann sie die Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Bassisten Peter Kowald: "Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin."
Die Zusammenarbeit mit Niggli wird als eine "herausragende Konstellation" begriffen, denn man agiert "ohne Noten, ohne Absprachen, aber mit großem Vertrauen". Für Niggli, der sein Schlagzeug um Becken und allerhand Perkussionsmaterial erweitert, ist nichts unmöglich, er ist ein Schlagzeuger und Perkussionist, der Rhythmen und Klangfarben liebt. Aufgewachsen in Kamerun hat er sich zu einem vielseitigen Musiker entwickelt, der sich mühelos in Hardcore-Noise-Projekten tummeln wie zeitgenössische Werke interpretieren kann. Xu Fengxia und Lucas Niggli sind wie Bruder und Schwester im Geiste. Ihr Duo produziert ein Kontinuum, das sich aus Sequenzen, Klängen Wörtern, Sätzen und Zitaten speist. Es operiert wie aus einem Guss und packt den Zuhörer. Die interaktiven Improvisationen werden mit einem Schuss Exotik gewürzt.
"Black Lotos", so der Titel der neuen CD, erstrahlt in allen Klangfarben. Im Galopp geht es über die Steppe und durch andere Klanglandschaften. Dabei blitzt die chinesische Oper ebenso auf wie Heavy Metal, Obertongesang, westliche Musik, Noise und Jazz.
– Konzert: 1. Oktober, 20 Uhr, Freiburger E-Werk. CD: "Black Lotos" auf Intakt.
Autor: Reiner Kobe




