Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. September 2016 15:41 Uhr

Rocklegende

The Who in Stuttgart: Imposantes Rockgewitter

Zweieinviertel Stunden Musik, 21 Songs, alle Hits: The Who haben bei ihrem Konzert in der Schleyer-Halle in Stuttgart ein imposantes Rockgewitter entfacht.

  1. In alter Frische: Pete Townshend Foto: dpa

Die Revolution dauerte 3:19 Minuten und fand am Oktober 1965 statt. "I hope I die before I get old" stotterte Roger Daltrey in "My Generation" zu monströsen Gitarrenakkorden ins Mikrophon, angetrieben von einem Bass, dessen phantasievolle Läufe den Text direkt in die Magengrube des Establishments beförderten. Der freche Aufschrei, komponiert von einem jungen Mann namens Pete Townshend, war ein Statement über die Suche der Jugend nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Lieber jung sterben, als konform und reich zu werden. Soweit das Credo von Mods und Rockern.

Nun, diesem Motto ist die Band, die einst zusammen mit den Beatles und den Rolling Stones die sogenannte British Invasion prägte, untreu geworden. 51 Jahre später, am Montagabend, waren The Who – nach vielen Jahren der Abwesenheit – in der proppenvollen, über 9000 Zuhörer fassenden Stuttgarter Schleyer-Halle zu Gast. Sie haben durchgehalten, gelegentlich durchaus gesellschaftliche Konformität an den Tag gelegt – und auch dank millionenfacher Plattenverkäufe lässt es sich wohl recht gut leben. Die neben den Kinks wohl englischste aller Rockbands zelebriert und visualisiert heute ihre reichhaltige, von menschlichen Tragödien gezeichnete Geschichte: ein imposant inszeniertes Spektakel.

Werbung


Flotter Achter

Aus dem Quartett von einst ist mittlerweile ein flotter Achter geworden. Das ist insofern kein Nachteil, da dank dreier Keyboarder nun auch komplexere Soundstrukturen ambitionierterer Spätwerke mühelos auf der Bühne reproduziert werden können. Und in Zak Starkey, dem Sohn von Beatle Ringo Starr, hat die Gruppe einen höchst kompetenten Ersatz für den 1978 an Alkohol- und Drogenexzessen verschiedenen Trommelderwisch Keith Moon an Land gezogen.

Starkey gibt im wahrsten Sinne des Wortes den Schlagmann: präzise Einsätze, donnernde Rolls, fesselnde Synkopen. "I can see for miles" oder "Eminence front" geraten dank der fulminanten Rhythmik rasant, das instrumentale "The Rock" zu einer eindrücklich visualisierten Zeitreise in die Bandvergangenheit. Moon und der 2002 verstorbene Bassist John Entwistle sind dabei auf den Videoleinwänden stets präsent.

Letzterer ist nicht zu ersetzen. Weshalb Townshend für ihn gleich zwei Leute auf die Bühne schickt: seinen jüngeren Bruder Simon, einen versierten Gitarristen und Backgroundsänger. Dazu Pino Palladino am Bass. Der walisische Feingeist ist ein Meister seines Fachs. Unprätentiös sitzt er im Hintergrund auf einem Barhocker und setzt mit feinen, unaufdringlichen Basslinien das Fundament für Starkeys und Townshends instrumentale Ausflüge.

Mit einem vor allem gesanglich fesselnden "Who are you" beginnt die Show, die sich zu einem zweieinviertelstündigen Rockgewitter entwickelt. Die Band spielt zupackend laut, der Sound ist gut abgemischt und transparent, die Hardware vom Feinsten. Mit "The Kids are alright" werden die Gründerjahre in den frühen 60ern gestreift, über "Behind blue eyes" und "Bargain" geht es rasch in die erfolgreichen 70er-Jahre. Dann kündigt der stimmfeste Roger Daltrey "ein bisschen Opera" an. Es folgen Ausschnitte aus den komplexen Werken "Quadrophenia", darunter das schier explodierende "5:15" sowie "Love Reign O’er Me" und – freudig bejubelt – "Tommy". Es ist die Zeit des Meisters, "wegen dessen wunderbarer Musik wir heute alle hier zusammengekommen sind", wie Daltrey voller Respekt den Bandgründer Pete Townshend würdigt.



Mit dekorativem roten Einstecktuch im dunklen Hemd und trotz Hitze in schweren Springerstiefeln, pflegt der 71-jährige Gitarrist seinen Mythos. Er ist kein Virtuose, dafür ein Fachmann für Effekte. Der Erfinder der sogenannten Powerakkorde, die er seinem Instrument mit windmühlenartigen Armbewegungen entlockt und deren Merkmale neben dem bereits erwähnten "My Generation" vor allem das zur Erkennungsmelodie der Flippergemeinde gewordene "Pinball Wizard" kennzeichnet, dirigiert die Band wie ein Elder Statesman durch den Song-Kanon seines Lebens.

Das vorwiegend schon etwas in die Jahre gekommene Publikum liegt ihm zu Füßen. Townshend ist eine Autorität, für sein Werk vielfach ausgezeichnet und gewürdigt. Ein kompromissloser Intellektueller, in der gruppeninternen Hierarchie stets unangefochten. Ihm gebühren die großen Gesten zum Schluss: das majestätische "Baba O’Riley" und das donnernde Statement "Won’t get fooled again".

Dann ist, nach 21 Songs, Schluss. Die Halle steht buchstäblich Kopf, der Jubel ist ohrenbetäubend. "Macht’s gut und bleibt gesund", wünscht ein strahlender Roger Daltrey. Zugaben gibt es keine. Man wüsste auch nicht, was jetzt noch hätte kommen sollen.

Mehr zum Thema:

Autor: Michael Dörfler