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20. März 2017 00:00 Uhr

Schauspiel

Sascha Flocken inszeniert am Theater im Marienbad "Ich, Moby Dick"

"Nennt mich Ismael": Das ist einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur. In Ulrich Hubs Theaterstück "Ich, Moby Dick" ist es der letzte. Und eigentlich überflüssig.

  1. Hubertus Fehrenbacher als Kapitän Ahab Foto: Marc Doradzillo

"Nennt mich Ismael": Das ist einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur. In Ulrich Hubs Theaterstück "Ich, Moby Dick" ist es der letzte. Und eigentlich überflüssig. Der Titel sagt es: Hier erzählt nicht, wie in Melvilles Walfang-Roman, der einzige Überlebende eines tragischen Kampfes. Hier erzählt der Wal selbst, den die Ausstatterin Nina Hofmann als Gerippe aus Neonröhren ins Freiburger Theater im Marienbad gehängt hat. Alles, was auf der Bühne des Kinder- und Jugendtheaters geschieht, spielt sich im Bauch des Wals ab, könnte man meinen.

Eine Irrfahrt des Wahnsinns

Wobei der König der Meere zugleich aber auch unsichtbar hinter der Bühne lauern könnte: Denn ein großer Schlund, verhängt mit schwarzen Plastikstreifen, spuckt zu Beginn von Sascha Flockens Inszenierung die Opfer menschlicher Hybris aus. Da liegen sie nun, in Embryonalstellung, begleitet von den ersten berühmten Klängen von Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung "Also sprach Zarathustra". Das erinnert an was? Richtig: an Stanley Kubricks enigmatischen Film "Odyssee im Weltraum".

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Und – klar – auch hier handelt es sich um eine Art von Odyssee. Eine Irrfahrt des Wahnsinns, der in einem einzigen Menschen flackert und alle mitreißt in den Tod: Kapitän Ahab, einen der größten Finsterlinge der Weltliteratur, haben bodenloser Hass und unbändige Rachsucht blind gemacht für die guten Seiten des Lebens. Hubertus Fehrenbacher allerdings ist ein Ahab, der nur schwer das Fürchten lehren kann: zart von Gestalt, melancholisch in der Ausstrahlung mag man ihm die weiße Wut des von Moby Dick verstümmelten Walfängers kaum abnehmen.

Aber er ist ja aus der Sicht von Ulrich Hub ("An der Arche um acht") auch schon zum Geist geworden. Sein Körper liegt am Meeresgrund – genauso wie die der Mitglieder seiner Crew: die Körper seiner Steuermänner Starbuck, Stubb und Flask, des Harpuniers Queequeg und von Pip, dem kleinen schwarzen Jungen. Wenn Sascha Flocken, der am Theater Freiburg unter anderem die NSU-Protokolle und "Tschick" in Szene gesetzt hat und nun erstmals im Marienbad inszeniert – was auch eine radikale Verjüngung des Premierenpublikums zur Folge hatte –, diese Textpassagen über den Untergang der Figuren chorisch sprechen lässt, hat man den Eindruck eines Requiems. Wie überhaupt seine Entscheidung, Hubs stark lyrisches Stück immer wieder kollektiv zu intonieren, zu eindrucksvollen Szenen führt.

Die Regie arbeitet mit Brüchen

Doch andererseits sind sie alle auch sehr lebendig, die Seeleute der Pequod, wie Ahab sein Schiff genannt hat: Immer wenn sie ihre orangefarbenen Mützen aus den weiten Hosentaschen ziehen, haben sie einen Solo-Auftritt – und als Einzelne wie als chorisches Kollektiv sind sie (von Gary Joplin choreografisch unterstützt), ein Superteam: Heinzl Spagl, Renate Obermaier, Christoph Müller, Dominik Knapp, Daniela Mohr und Burkhard Finckh an der Tuba und am Klavier. Das steht, wie es sich für dieses Instrument gehört, gern hinter der Theke in der Bar, die Nina Hofmann im Kontrast zu ihrem abstrakten Bühnenbild erstaunlich naturalistisch am Rand aufgebaut hat. So ganz versteht man die Existenz dieses Requisits nicht. Während hingegen sofort einleuchtet, warum sich auf dem Schiff statt des Bluts von Moby Dicks auf dem ewigen Weg zu ihm erlegten Artgenossen sehr viel Plastik ansammelt. Wir wissen ja: Vom Meer drohen dem Menschen heute mehr nicht riesenhafte Pottwale, sondern gigantische Berge von Müll.

Die Regie arbeitet offenbar gezielt mit solchen Brüchen. Auch in der Stimmung: "Ich, Moby Dick" schwankt zwischen harmlos lustiger Nummernrevue und existenzieller Dramatik. Das irritiert durchaus. Aber die "eiskalten Himmelsmächte", die sich vom Schicksal des Menschen nicht rühren lassen, wären sonst auch schwer zu ertragen. Ob sich die Geschichte von Kapitän Ahab und dem weißen Wal in dieser fragmentarischen Erzählweise einem jugendlichen Publikum erschließt, bleibt abzuwarten. Am Anspruch, Melvilles komplexen Roman auf die Bühne zu bringen, kann man sich allerdings – wie Amelie Niermeyers Freiburger Inszenierung gezeigt hat – nur überheben. Dann schon lieber Ulrich Hubs – von der Inszenierung her gelungener – Versuch einer dramatischer Vergegenwärtigung: "Ich, Moby Dick" eben.
Weitere Termine

21., 22., 23. März, jeweils 10 Uhr, 25. März, 20 Uhr, 26. März, 16 Uhr. Theater im Marienbad. Karten:
Tel. 0761/31470.

Autor: Bettina Schulte