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08. März 2010 11:00 Uhr

Nach der Niederlage

Beim SC Freiburg geht die Abstiegsangst um

Mit 1:2 hat der SC Freiburg gegen Hannover 96 verloren – und ist nach dem Sieg des 1.FC Nürnberg auf den vorletzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga gerutscht. Jetzt macht sich im Breisgau die Abstiegsangst breit.

  1. Quo vadis, SC Freiburg? Die Blicke von Jäger und Banovic geben keine klare Antwort. Foto: Michael Heuberger

FREIBURG. Selbst in tiefster Tristesse erscheint gelegentlich der grelle Strahl der Erleuchtung. In Freiburg war das am Samstag während der Partie gegen Hannover 96 in der 70. Spielminute der Fall. Energisch setzte der kurz zuvor eingewechselte Yacine Abdessadki einem in den Strafraum adressierten Ball nach und drosch selbigen mit Wucht ins Tor. Endlich durfte mal wieder befreit gejubelt werden am Dreisamufer – lange war das nicht mehr der Fall gewesen. Der letzte Treffer war dem Sportclub vor heimischem Publikum zuletzt am 17. Oktober des Vorjahres geglückt. Es war das Anschlusstor bei der 1:2-Niederlage gegen den FC Bayern. Stefan Reisinger war damals in der 90. Minute der Glückliche.

Immerhin: Die Torflaute auf eigenem Platz ist beendet

Jetzt also, nach genau 630 Spielminuten heimischer Flaute, war der Ball wieder mal im gegnerischen Kasten gelandet. Nur genutzt hat der Kraftakt nichts. Der Sportclub hat trotz allem verloren. Zum elften Mal gab’s jetzt schon keinen Sieg mehr für die Breisgauer. 1:2 (0:0) gegen Hannover 96 hieß es am Samstagabend, just gegen jenen Gegner, der zuletzt sogar 13 Mal nicht mehr hatte gewinnen können und der dank seines besseren Torverhältnisses jetzt an den Freiburgern in der Tabelle vorbeigezogen ist – samt den am Sonntag erfolgreichen Nürnbergern.

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Anders ausgedrückt könnte man auch sagen: Seit 17.15 Uhr am Samstag geht im Breisgau die Abstiegsangst um. Dokumentiert im allwöchentlichen Ranking, das mit Sicherheit nur eines prophezeit: Herzrasen bis zum Schluss. Spätestens während des Spiels gegen die zuvor arg gebeutelten Niedersachsen musste diese Diagnose wohl auch bei den hartgesottensten Fans gestellt werden. Die Gastgeber hatten schließlich fast ein Dutzend bester Einschussmöglichkeiten, die quasi allesamt fast schon kläglich vergeben wurden. Allein der bedauernswerte Papiss Cissé hätte sich in der Torjägerliste mit Leichtigkeit ein gutes Stück nach oben arbeiten können, stattdessen vergrub der Senegalese ein ums andere Mal das Gesicht in seinen Händen. Dass er dann doch noch traf, war im Grunde die Kulmination allen Unglücks. Arnold Brugginks Freistoß (73.) verlängerte Cissé per Hinterkopf in die eigenen Maschen.

"Wir glauben alle daran, den Ligaerhalt noch zu schaffen."

Kapitän Heiko Butscher
Nicht viel anders erging es Mo Idrissou. Der Kameruner stand schon nach 18 Minuten völlig unbedrängt vor 96-Keeper Florian Fromlowitz, der jedoch Herr der Lage blieb. In der 75. Minute brachte der Angriffspartner von Cissé dann das Kunststück fertig, eine Flanke seines Kompagnons aus kürzester Entfernung nicht ins Tor sondern drüber zu köpfen. Dazu passt dann auch, dass der Ball nach einem Freistoß des eingewechselten Julian Schuster (85.) lediglich den Weg an den Pfosten des Hannoveraner Gehäuses fand.

"Wir haben leider die Chancen ausgelassen, um die nötigen Tore zum Sieg zu erzielen", sagte hinterher Robin Dutt. Der Trainer wirkte zu diesem Zeitpunkt innerlich gelassen. Doch wer ihn während der 90 Minuten am Spielfeldrand beobachtet hat, musste um seine Gesundheit besorgt sein. Nicht nur das Herz wird ihm ein paar Mal fast stehen geblieben sein, ob der vielen wilden Gesten dürfte auch seine Muskulatur erheblich gelitten haben.

Läuferisch war den so sehr nach einem Erfolgserlebnis lechzenden Freiburgern kein Vorwurf zu machen. Ihre Einstellung stimmte. Spielerisch umzusetzen wussten sie die Vorgaben aber nicht. Einfachste Zuspiele fanden nicht den Adressaten, Bälle wurden ins Nichts gespielt, die Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen geriet bisweilen zur Farce. Wobei das Mittelfeld im eigentlichen Sinne gar nicht existent war. Stattdessen suchte der SC öfter mit langen Flugbällen sein Heil. Frei nach dem Motto: Zu viele Köche verderben den Brei. Nur ein bisschen rühren, um im Bild zu bleiben, wäre aber vermutlich gar nicht so schlecht gewesen.

Dazu gesellten sich, wie meist in solchen Situationen, individuelle Fehler. Ohne Beispiel fast, wie sich Abdessadki und Felix Bastians in der 63. Minute einen Doppel-Blackout leisteten, den der Brasilianer Elson zum Führungstreffer der 96er nutzte. Selbst gestandenen Profis wie Ivica Banovic oder Heiko Butscher unterliefen zum Teil haarsträubende Patzer und selbst der ruhende Pol Ömer Toprak schien nicht vor Panikattacken gefeit. Wie soll man bei so viel sinnfreiem Tun Spiele gewinnen?

Der Glaube ans Unwahrscheinliche

"Wir versuchen weiter daran zu arbeiten, damit das Glück bald wieder auf unserer Seite steht", schwor sich Robin Dutt noch in der Pressekonferenz auf die kommenden Arbeitstage ein. Und Heiko Butscher, der Kapitän, legte noch einen drauf: "Wir sind noch längst nicht abgestiegen. Wir alle glauben daran, den Ligaerhalt noch zu schaffen." Ruhig und gelassen möchte man bleiben, an der Wiedergewinnung des offenbar seit geraumer Zeit abhanden gekommenen Selbstvertrauens soll gearbeitet werden. Kurzum, man will gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen. Über das Wie schweigen sich die Beteiligten aus. Butscher und Dutt haben da aber eine Idee. Beide sind sich darin einig, dass man beim FC Bayern München nicht von vorneherein als Verlierer feststeht. Dorthin geht die Reise am kommenden Wochenende. "Vielleicht", so spekulierte Butscher im Kabinengang, "haben wir ja dort als krasser Außenseiter endlich mal das Glück auf unserer Seite." Wie schon ein paarmal auf fremden Plätzen in der Hinrunde.

In Freiburg hebt offenbar der Glaube ans Unwahrscheinliche an. Aber der Fußball schreibt ja die tollsten Geschichten.

Freiburg: Pouplin, Bastians, Barth (29. Cha), Toprak, Butscher, Banovic (67. Schuster), Makiadi, Caligiuri (57. Abdessadki), Jäger, Idrissou, Cissé. Hannover: Fromlowitz, Schmiedebach, Haggui, Durica, Schulz, Andreasen, Lala (63. Bruggink), Elson (79. Cherundolo), Djakpa, Kone, Stajner (46. Ya Konan). Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne). Tore: 0:1 Elson (63.), 1:1 Abdessadki (70.), 1:2 Cissé (73., Eigentor). Zuschauer: 19 100. Gelbe Karten: Makiadi (4) / Elson (4).


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Autor: Michael Dörfler