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16. Mai 2017

Wo Männer sich austauschen können

Erster Gesprächskreis für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Schallstadt / Über Entwurzelung und Verunsicherung.

  1. Nehmen positive Erfahrungen aus dem Männergesprächskreis in Schallstadt mit: Claudius Schmidt, Mohammed Jabur und Maurhf Alzabi (von rechts). Foto: Nikola Vogt

SCHALLSTADT. Sie kommen aus Syrien, dem Kosovo oder Deutschland, sind 20, 40 oder 80 Jahre alt, jeder mit einer ganz anderen Biografie. Geteilt haben sie ihre Geschichten jetzt in einem Gesprächskreis nur für Männer, der erstmals in Schallstadt stattgefunden hat. Welche Probleme die Männer umtreiben und weshalb ein solcher Begegnungsort so wichtig ist? Die Initiatoren und Teilnehmer berichten.

"Ich bin seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, aber das war die erste Männergruppe, in der ich war", sagt Mohammed Jabur. Der gebürtige Palästinenser fungierte in der Gruppe als Dolmetscher für die vielen arabischsprachigen Teilnehmer. Nicht alle sprechen schon so flüssig deutsch, dass sie ihre Gedanken und Gefühle in der fremden Sprache artikulieren könnten. Das schmälerte ihr Interesse an einem Gesprächskreis jedoch nicht. 25 Männer aus dem Bereich Hexental/Batzenberg hatten sich zu dem ersten von drei Treffen zusammengefunden. Aber warum nur Männer?

"Für Frauen gibt es ja schon Angebote", erklärt Simon Geiger, der sich für den Caritasverband um die Integration von Flüchtlingen in Heitersheim, Schallstadt und Ebringen kümmert. Er erinnert an die Teestuben, die in einigen Gemeinden für Flüchtlinge angeboten werden und oft von Frauen und ihren Kinder besucht werden. Und überhaupt: Durch ihre Kinder kämen Flüchtlingsfrauen viel mehr in Kontakt mit anderen als Männer. "Die fühlen sich hingegen oft abgehängt, alleine, wollen sich auch nicht aufdrängen, so kommt es zu Rückzugstendenzen", beobachtet Geiger. Dagegen wollte er etwas unternehmen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Norbert Baum und dem ehrenamtlich engagierten Flüchtlingshelfer Claudius Schmidt aus Ebringen hatte er die Idee für den Männergesprächskreis.

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"Wir hatten ein grobes Konzept vorbereitet, aber wollten das Ganze auch nicht zu zielgerichtet angehen", erzählt Geiger. Zunächst mal sei es darum gegangen, sich gegenseitig kennenzulernen. Jeder sollte von seinen Talenten berichten, von dem, was er gut kann. Auch die eigenen Ziele sollten zur Sprache kommen. "Aber teilweise haben sich dann auch ganz andere Themen ergeben", sagt Geiger.

Für viele Männer

ein Bedeutungsverlust

Die Flüchtlinge haben erzählt, wie es ihnen in Deutschland geht, wie angetan sie von dem Empfang hier gewesen seien und davon, wie sie betreut würden. Sie berichteten von der Dankbarkeit, in Sicherheit leben zu können, aber auch von der Angst vor Abschiebung, erinnert sich Geiger. Ein Mann habe auch von zwei fremdenfeindlichen Erfahrungen erzählt, davon, dass er Kontakte danach lieber vermied. Ganz anders ergeht es Maurhf Alzabi. "Ich will immer Kontakt zu Deutschen haben", sagt der Syrer, der vor anderthalb Jahren nach Deutschland kam und heute mit seiner Familie in Schallstadt lebt. Ihm haben die Männerkreistreffen gefallen, wie er berichtet.

Ein wichtiges Thema, das sich bei den Gesprächen herauskristallisiert hat, sei auch der Bedeutungsverlust, den viele Männer – gerade aus arabischen Ländern – in Deutschland erlebten. "Sie haben hier keine Privilegien, nur weil sie Männer sind", sagt Claudius Schmidt. Für viele bedeute das ein Niveauverlust. Und auch darüber hinaus: "Früher hatten sie ihr Leben in der Hand, in Deutschland sind sie jedoch erst mal ein Niemand", erklärt Schmidt. Und Maurhf Alzabi nickt zustimmend.

Für Claudius Schmidt war es besonders wichtig, dass der Männergesprächskreis für alle Teilnehmer "auf Augenhöhe" stattfand. Solche Zusammenkünfte ohne den "verdienten Helfer herauszukehren, halte ich für unerlässlich", sagt er. Und mehr noch: "Unsere Gesellschaft kann es sich doch gar nicht leisten, solche Treffen nicht zu initiieren", findet Schmidt.

Laut Simon Geiger seien diese ersten drei Treffen eine Art "Probelauf" gewesen, "ein wichtiger Impuls", wie er findet. "Mir würde es gefallen, wenn die Initiative dazu nächstes Mal von den Flüchtlingen ausgeht." Das kann sich auch Maurhf Alzabi vorstellen. Die Idee für ein nächstes Männertreffen gibt es schon, erzählt er: ein Grilltag am See. Jetzt muss nur noch ein Termin gefunden werden.

Autor: Nikola Vogt