Eine Frau, die wusste, wo man helfen muss

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Sa, 25. Februar 2017

Schliengen

Große Trauergemeinde nimmt Abschied von der Schliengener Ehrenbürgerin Elisabeth Vomstein.

SCHLIENGEN. Eine große Trauergemeinde nahm am Freitag Abschied von der Schliengener Ehrenbürgerin Elisabeth Vomstein, die am 15. Februar 100-jährig in Freiburg verstorben war. Den Trauergottesdienst mit Eucharistiefeier und Aussegnung hielt Pfarrer Jan Pieper, der die katholische Kirchengemeinde Schliengen und die spätere Seelsorgeeinheit 22 Jahre als Priester und Seelsorger betreut hatte und 2009 in den Ruhestand trat. Pieper hatte mit Bürgermeister Werner Bundschuh die Ärztin zweimal an ihrem Wirkungsort im südindischen Settipatty besucht und 2009 die damals 92-Jährige mit Bundschuh auch auf ihrem Rückweg in die alte Heimat begleitet.

Pieper erinnerte an das jahrzehntelange fruchtbare Wirken Vomsteins an armen und kranken Menschen. Die ersten Impulse für ihr Lebenswerk hatte Vomstein als Kind erhalten, da ihre Großmutter ihr nicht nur biblische Geschichten vorlas und sie Gebete lehrte, sondern auch vom Land Indien berichtete, in dem es unvorstellbare Schätze gab, aber auch eine böse Krankheit, den Aussatz.

Dass die Kranken von der Gemeinschaft verstoßen wurden, hatte sie als Kind schon erschüttert und den Wunsch geweckt, zu helfen. Durch Vermittlung einer Tante erhielt sie ihre erste Stelle als Pflegehelferin, danach legte sie ein Diplom als medizinisch-technische Assistentin ab, schon das eine große Leistung für eine junge alleinstehende Frau zu jener Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sie dann ein Medizinstudium, das sie 1952 mit der Promotion abschloss.

Ein Film über Leprakranke beeindruckte die junge Ärztin und ließ den Wunsch aus Kinderzeiten wieder aufleben. Entgegen den Ratschlägen aus der Umgebung packte sie ihre Koffer und trat mit Unterstützung des damaligen deutschen Aussätzigenhilfswerks und Misereor die Schiffsreise nach Indien an, wo sie in Settipatty, einer armseligen, von einer französischen Sozialarbeiterin gegründeten Leprastation, ihre Arbeit aufnahm. In den Jahrzehnten ihres Wirkens sei in Settipatty die Lepra zurückgedrängt worden, so dass sich Vomstein auch der Betreuung von Tuberkulosekranken widmete.

Ihr Wirken wurde auch in der Heimat gewürdigt: Der Bund ehrte Elisabeth Vomstein mit dem Bundesverdienstkreuz, die Erzdiözese Freiburg mit der Münsterplakette und die Gemeinde Schliengen mit der Ehrenbürgerschaft und der Benennung einer Straße nach ihr. In Indien wurde sie einmal zur "Frau des Jahres" gekürt. "Trotz ihrer vielen Kontakte hat sie doch die vertraute Heimat verlassen", so Pieper. Ihre neue Familie waren die Armen und Verachteten. "Es bleibt eine große, frohe Dankbarkeit, dass ich für kurze Zeit ein wenig mithelfen konnte an Gottes Werk", zitierte Pieper aus den Memoiren der Verstorbenen.

Auch Bürgermeister Werner Bundschuh fand bewegende Worte des Abschieds und der Dankbarkeit. Vomstein habe mit ihrer Arbeit den Ärmsten gedient und auch den Ruf ihrer Heimatgemeinde in die Welt getragen. "Wir begegneten in Indien, fern der Heimat, einer Frau voller Zufriedenheit, mit eigenem Kopf, die wusste, wo Not an der Frau ist und wo man anfassen und helfen muss", erinnerte sich Bundschuh an einen seiner Besuche in Settipatty. Vomstein habe schnell die Menschen in ihrer Umgebung mitreißen können, so dass ihre Arbeit reiche Früchte getragen hat. Ein Krankenhaus wurde gebaut, Handwerkerstätten eingerichtet und Handwerker ausgebildet, auch mit Hilfe des in Schliengen gegründeten Fördervereins.

Die Feierlichkeit des Gottesdienstes wurde unterstrichen durch eine Ehrenwache von zwei Feuerwehrangehörigen am blumengeschmückten Sarg, die musikalische Umrahmung durch ein Bläserensemble und die durchweg von Pfarrer Pieper gesungene Liturgie.