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04. März 2011

In Liel steht die Produktion still

Die Schlossbrunnen-Mitarbeiter streiken zum ersten Mal.

  1. Streik am Lieler Schlossbrunnen Foto: Jutta Schütz

  2. Streik Lieler Schlossbrunnen Foto: Jutta Schütz

SCHLIENGEN-LIEL. Die Verantwortung dafür, dass es im Tarifstreit beim Lieler Schlossbrunnen zu keiner Einigung kommen kann, schieben sich beide Verhandlungsparteien gegenseitig zu. Sowohl der Vertreter des Arbeitgeberverbands der Ernährungsindustrie Baden-Württemberg wie auch der der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) berufen sich darauf, bereits am 25. Februar eine Einigungsgrundlage gefunden zu haben, von der nun die jeweils andere Seite abweiche.

Noch nie gab es einen Streik beim Unternehmen Lieler Schlossbrunnen, das seit 1560 existiert. Seit Donnerstag ist dies anders. Rund 25 Mitarbeiter der Lieler Schlossbrunnen Sattler GmbH gingen in den unbefristeten Ausstand, demonstrierten mit Plakaten und Pappschildern, Trillerpfeifen und Megafon. Die Streikenden zogen durch den Ort, ein Streikbanner vor sich hertragend. Von Anwohnern erhielten sie spontan Applaus.

Dabei war die Einigung zum Greifen nah. Das zumindest behaupten beide Seiten. Für den Arbeitgeber verhandelt inzwischen der Arbeitgeberverband der Ernährungsindustrie in Stuttgart. Dessen Geschäftsführer Hans-Walter Janitz zeigt sich "extrem überrascht" von der Entwicklung. Er habe den Verdacht, dass die Freude am Streik über den Verhandlungstisch siege. Offenbar erinnere sich die Gewerkschaft nicht mehr ganz genau an die Absprachen. Eine Tarifeinigung setze ein Geben und Nehmen voraus, die NGG aber wolle "sehr viel nehmen", so Janitz. Die Mitgliedschaft in einer Tarifgemeinschaft könne erstritten werden, sagt er, aber die individuelle Eingruppierung mache der Betriebsrat mit der Geschäftsführung aus, betont er.

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Im Mittelpunkt steht der sogenannte Überleitungstarifvertrag für die Zeit, bis das Unternehmen sich wieder dem Flächentarifvertrag angeschlossen hat. Der Freiburger NGG-Geschäftsführer Claus-Peter Wolf nennt dies einen "Konsolidierungsvorgang" unter anderem mit flexiblen Arbeitszeiten, bis die 38-Stundenwoche in drei Jahren erreicht ist. Nun aber wolle die Arbeitgeberseite die Arbeitszeitkonten auf Dauer festschreiben. Das bedeute Verlust von Geld, sagt Wolf, Überstundenzuschläge würden wegfallen. Damit wäre aus Sicht der Gewerkschaft ein Damm gebrochen und zu befürchten, dass die Regelung auch anderen Betrieben übergestülpt werden solle. Für Wolf haben die Verhandlungen den Charakter eines Lotteriespiels angenommen.

Man sei einer Lösung mit Thomas Sattler wirklich nahe gewesen und könne nicht verstehen, dass dieser am Donnerstagmorgen für die Streikenden nicht erreichbar gewesen sei, erklärt Betriebsratsvorsitzender Frank Mastnak. Sattler könne die am vergangenen Freitag ausgehandelten Bedingungen ohne den Arbeitgeberverband unterschreiben, ist Mastnak überzeugt. Das aber setze voraus, dass der Lieler Geschäftsführer wieder das Gespräch mit den Streikenden suche. Darauf wartet seine Belegschaft. Thomas Sattler war nach Auskunft aus dem Unternehmen gestern den ganzen Tag in der Produktion beschäftigt und auch für die BZ nicht zu sprechen.

"Der Arbeitgeberverband spielt auf Zeit – wir haben den Finger angeboten und er will jetzt die ganze Hand", meint Wolf. Es sei zwar kein Sommer, aber in der Fasnachtszeit sei ein Streik aufgrund des höheren Getränkekonsums auch wirksam, sagt Mastnak. Ein Streiktag bedeutet derzeit, dass in Liel rund 60 000 Füllungen und in Steinenstadt 150 000 Füllungen ausfallen. Der Betriebsratsvorsitzende betont jederzeitige Gesprächsbereitschaft. Gut fände er, dass die Dorfbevölkerung den Streik unterstütze.

Unterstützung erhielten die Streikenden vom Landtagsabgeordneten Christoph Bayer, der seine Solidarität "gegenüber den berechtigten Anliegen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern" zum Ausdruck brachte. Der Abgeordnete betont in einer Pressemitteilung sein Unverständnis darüber, dass der eigentlich schon zu Ende verhandelte Kompromiss auf der Zielgeraden noch aufgekündigt wurde. Zuspruch kommt auch vom DGB-Ortsverband Müllheim/Neuenburg, der sich sich ebenfalls mit den Streikenden solidarisch erklärt. Der Streik geht am heutigen Freitag um 9 Uhr weiter.

Autor: Gabriele Babeck-Reinsch und Jutta Schütz