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13. September 2017

Das Boot kommt mit der Bahn

Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Schluchsee beginnt im April 1934 mit der "Deutschland" /.

  1. Sommer 1963: Die „Deutschland“ mit Ernst Albiez am Steuerstand und Schwiegersohn Eugen Isele am Anlegesteg. Foto: privat

  2. Foto: privat

  3. Kurs auf den Auerhahn in Aha, das Foto entstand um 1935. Foto: privat

Der ursprüngliche Schluchsee nahm nur ein Drittel des heutigen Sees ein. Dr. G. von Seydlitz verfasste 1870 einen der ersten Reiseführer ("Neuer Wegweiser durch den Schwarzwald") und erwähnte "zwei Kähne zu Spazierfahrten". Seit 1880 betrieb der "Sternen" unter August Hilss eine "eigene Badeanstalt mit fünf Gondeln". Als die Pläne zum Bau der Staumauer bekannt wurden, spottete der Schwarzwaldverein in seinen Monatsblättern 9/1926: "Auf eine dauernde Großschifffahrt dürfen die Umwohner aber nicht hoffen." Der stark schwankende Wasserspiegel schließe eine Befahrung mit einem Fahrgastschiff aus. Die Staumauer wurde gebaut, 1932 war der Stausee gefüllt.

Der Fuhrunternehmer Ernst Behringer hatte beim Schluchseewerkbau mit Transportleistungen gutes Geld verdient und teilte die Bedenken des Schwarzwaldvereins nicht. In Josef Schlachter, der sich bereits 1932 Ruderboote für den erhofften Touristenstrom angeschafft hatte, fand er einen Mitinvestor. Noch 1933 gaben sie bei der Werft Jean Stauf in Königswinter bei Bonn ein Schiff für den Schluchsee in Auftrag. Es besaß einen genieteten Rumpf aus Stahl, war 14 Meter lang, drei Meter breit und wurde von einem Dieselmotor mit 30 PS angetrieben. 60 Passagiere konnten befördert werden.

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1934 war es so weit: Das nagelneue Schiff traf mit der Eisenbahn am Schluchsee ein. Wohl den nationalsozialistischen Zeitumständen geschuldet, hat man es auf den Namen "Deutschland" getauft.

Der Schwarzwald- und Kurverein begeisterte sich 1936: Durch den "Bahn- und Schluchseewerkbau" habe der einst florierende Tourismus schwer zu leiden gehabt. Jetzt aber stiegen "die Besucherziffern von Jahr zu Jahr an". Und dazu trug maßgeblich auch das neue Fahrgastschiff bei: "Auf dem Schluchsee verkehrt regelmäßig das Motorboot ’Deutschland’ mit den Anlegestellen Strandbad Schluchsee, Strandbad Aha, Strandbad Blasiwald (Staumauer) und Bahnhof Seebrugg. Besonders zu empfehlen sind Rundfahrten auf dem See zu verschiedenen Tageszeiten, da der See und seine malerischen Ufer bei den verschiedenen Beleuchtungen immer wieder neue, reizvolle Eindrücke vermitteln."

Leo Behringer, ein Sohn des Teileigners Ernst Behringer, war der Schiffsführer. Im Sommer 1937 gab es täglich zwei feste Rundfahrten, nämlich um 10.30 Uhr und um 15.30 Uhr. Zusätzlich wurden "weitere Fahrten nach Bedarf" angeboten.

Ende der 1930er Jahre boomte der Tourismus. Schluchsee nannte sich jetzt selbstbewusst Luftkurort und Seebad. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg brach der Fremdenverkehr zusammen, und die "Deutschland" wurde in einem Bootsschuppen hinter dem heutigen Hotel Sonnenburg/Burgstube eingemottet. Dort hin reichte der See damals unter der Bahn hindurch. Im April 1945 entdeckten französische Besatzungssoldaten das stillgelegte Schiff. Es ist nicht verbürgt, ob es ihnen gelang, je eine Seefahrt zu machen, jedenfalls kippten sie das Schiff wohl ganz in der Nähe des Bootsschuppens um, und die "Deutschland" versankt halb im Schluchsee.

Nach dem Abzug der Franzosen bargen Leo und Karl Behringer, Söhne des Teileigners Ernst Behringer, das beschädigte Schiff. Sie entschieden sich gegen eine teure Reparatur beziehungsweise eine Generalüberholung – zumal Karl Behringer lieber einen Reisebus kaufen wollte. Miteigner Josef Schlachter hatte seine 25 Ruderboote in der Besatzungszeit verloren und zögerte ebenfalls, in die beschädigte "Deutschland" zu investieren. Also beschloss man, sie zu verkaufen und bot das Schiff 1952 auch Augustin Isele an. Doch dem Kaufmann Isele war ein wetterabhängiges Saisongeschäft zu unsicher. Schließlich erfolgte 1954 der Verkauf an Ernst Albiez, dem nach einem Grundstücksgeschäft in Schluchsee die Finanzierung möglich war. Dem gelernten Schlosser gelang es auch, den defekten Schiffsmotor selbst zu reparieren.

Seine 18-jährige Tochter Gertrud heiratete 1957 Eugen Isele, Jahrgang 1932, Sohn des Ratschreibers in Faulenfürst. Der Zimmermann unterstützte seinen Schwiegervater beim Betrieb der 19 Mietsboote und manchmal auch auf der "Deutschland". Am Steuerstand der "Deutschland" indes stand Ernst Albiez selbst, meist im Troyer, dem typischen Seemannspullover, auf dem Kopf die Kapitänsmütze. Oft war Töchterchen Cäcilia mit an Bord, die anfangs noch auf einen Kanister klettern musste, um überhaupt aufs Wasser zu sehen.

Beliebt: der Freisitz

auf dem Achterdeck

Das Schiff konnte weiterhin 60 Personen befördern, wobei der beliebte, für acht Personen ausgelegte Freisitz auf dem Achterdeck meist überfüllt war. Wie schon vor dem Krieg steuerte die "Deutschland" vier Anlegestellen an, nämlich Strandbad Schluchsee, Strandbad Aha, Strandbad Blasiwald (Staumauer) und Bahnhof Seebrugg – und zwar nach einem festen Fahrplan.

Bezüglich der Einhaltung der Fahrplanzeiten mokierte sich im Jahr 1963 Alex Klimsch, der Betreiber von Café und Pension Hubertus am See: Das Schiff sei nicht rechtzeitig am Landesteg eingelaufen, und eine Reisegesellschaft von 35 Personen habe warten müssen. "Offensichtlich hat es Herr Albiez nicht notwendig, im Dienste des Fremdenverkehrs pünktlich zu sein." Und Klimsch brachte erstmals ein zweites Fahrgastschiff ins Spiel, "damit, wenn einmal eine Konkurrenz da ist, der Gast sichergehen kann, auch bedient zu werden".

Schon 1965 wurde ein zusätzlicher Anlegesteg auf der westlichen Seeseite diskutiert. Kurgäste beschwerten sich, so Bürgermeister Schlachter, "dass keine Möglichkeit der Überfahrt zur gegenüberliegenden Seeseite besteht. Insbesondere haben ältere Gäste ins Feld geführt, dass ihnen der weite Anmarschweg über Aha oder Seebrugg zur gegenüberliegenden Seeseite nicht zugemutet werden könne". Ernst Albiez habe sich bereit erklärt, "einen täglichen Übersetzdienst einzuführen, damit die Gäste morgens übergesetzt und im Verlaufe des Nachmittags wieder abgeholt werden können". Das Land als Grundeigentümer und die Behörden lehnten damals aber einen Anlegesteg im Bereich der Vesperstube Unterkrummen ab.

1967 fuhr die "Deutschland" ein letztes Mal auf dem Schluchsee. Am 20. November 1967 beantragte Ernst Albiez den Betrieb eines Fahrgastmotorbootes für 80 Personen "als Ersatz für sein bisheriges Dieselmotorboot".

Autor: Friedbert Zapf