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26. März 2011

Alter Schwede

Werner Störk und die AG Minifossi machen die großen Schrecken des Dreißigjährigen Krieges im Kleinen (be-)greifbar.

  1. Anschaulicher Geschichtsunterricht: Die Gesamtansicht des Dioramas „Schwarzwälder Schwedentrunk“. Foto: Minifossi

Den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib, das nenneten sie ein Schwedischen Trunk." So beschreibt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im Roman "Der abenteuerliche Simplicissimus" anno 1668 die mithin berüchtigtste Foltermethode des Dreißigjährigen Krieges. Eingeflößt wurde das schlecht bekömmliche Gebräu vor allem von schwedischen Soldaten. Daher auch der Name, wenngleich der Gegner, die kaiserlichen Truppen, ebenfalls fröhlich folterten. Opfer waren vor allem Bauern. Gequält wurden sie mit Gülle, um aus ihnen herauszupressen, wo sie Lebensmittel und Vieh versteckt hatten. Oder einfach aus Mordlust. Reinschütten bis der Magen platzt.

Auch im Schwarzwald und gerade im Raum Gersbach kamen Bauern in den zweifelhaften "Genuss" des Schwedentrunks. Schwedische Soldaten im Schwarzwald? Werner Störk, Leiter der AG Minifossi, erlebt immer wieder, wie an dieser Stelle mancher plötzlich große Augen bekommt. Schweden? Hier? "Das glaubt mancher erst gar nicht. Viele denken, die waren nur oben im Norden."

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Jene schreckensreiche Zeit zwischen 1618 und 1648 scheint offenbar aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Und damit das Wissen um ein wichtiges Kapitel Heimatgeschichte.

Verlief doch hier im Raum Schopfheim und speziell bei Gersbach über Jahrhunderte die Trennlinie zwischen dem katholischen Landen und dem protestantischen Markgräflerland (siehe Grafik).

Im Dreißigjährigen Krieg war er deshalb ein Brennpunkt im traurigsten Sinne des Wortes. Bei Gersbach zogen immer wieder Truppen vorbei. Bis zu 40 Kilometer lange Marschkolonnen bahnten sich den Weg zu den Waldstädten am Hochrhein, am Wegesrand wurde geplündert und gebrandschatzt, was das Zeug hielt. "Vorratslager gab es nicht. Der Krieg ernährte den Krieg", erklärt Störk. Es waren schlimme Zeiten. Da wurden Bauernhöfe abgefackelt, in Gersbach der Vogt erschlagen und in Schopfheim auf offener Straße Leute erschossen. Da ermordeten Zeller mehrere Gersbacher und feiern daraufhin ein Freudenfest.

Überliefert ist der Schrecken teilweise in Quellen (siehe Artikel unten), vor allem aber über Generationen hinweg in Erzählungen. Bis heute spukt in so mancher Sage ein erschlagener "alte Schwed" oder gemeuchelter Bauer in alten Bauernhäusern. Gruselgeschichten, die umso gruseliger werden, wenn man weiß, dass einer Sage oft eine wahre Geschichte zugrunde liegt.

Erinnerung wach halten an eben diese wahre Geschichte – das ist seit jeher das Anliegen der von Werner Störk vor rund 25 Jahren gegründeten Schul-AG der Friedrich-Ebert-Schule, die als "AG Minifossi" in Historiker-Kreisen immer wieder für Furore sorgt. Insbesondere zuletzt bei der Erforschung der Schanzen, der Verteidigungslinie des Türkenlouis.

Jetzt haben sich Störk und die Minifossis auch mit der Zeit "vor" dem Türkenlouis beschäftigt, dem Dreißigjährigen Krieg. Und wieder machen sie diese Zeit verständlich und anschaulich. So schenkt Werner Störk Ende des Monats dem städtischen Museum unter anderem das neueste Werk aus der Diorama-Schmiede der Minifossi AG, das er (erneut) aus eigener Tasche bezahlt hat. Titel: "Schwarzwälder Schwedentrunk".

Gezeigt wird eine schwedische Kolonne im Dreißigjährigen Krieg, die so von Todmoos her nach Rheinfelden gezogen sein könnte. Offiziere, Reiter, Musketiere. Alles schön diszipliniert. Doch der Schein trügt. Einige Soldaten haben freie Hand beim Plündern eines Schwarzwaldhofs – über dessen Bewohner bricht die Apokalypse herein: Einem Bauern wird der Schwedentrunk eingeflößt, Mägde werden vergewaltigt, Knechte erschlagen, das Vieh geraubt.

"Die Szene hält fest, was sich da damals vielerorts ereignet hat, es soll zeigen, wie sehr die einfachen Menschen gelitten haben", sagt Störk. Auf historische Genauigkeit ist penibel geachtet. Kleidung und Aussehen der 74 Zinnfiguren, angefertigt nach Vorgaben der Mannheimer Künstlerin Roswitha Prochnow-Engels und von ihr handbemalt, sind korrekt bis ins Detail. Ebenso Waffen und Landschaft. "Wir haben keinen heutigen Schwarzwald nachgebaut, sondern so, wie er typisch für das 16. und 17. Jahrhundert war – ein Laub- und Mischwald mit eher wenig Nadelholz."

Sein großes Engagement erklärt Störk so: "Wenn ich weiß, woher ich komme, kann ich besser entscheiden, wohin ich gehe." Entstanden ist die Idee für das Modell vor einem Jahr. Störk wollte das Interesse der Schüler an dem Thema wecken. "Und das geht am besten über regionale Bezüge." Jetzt soll das Modell die Erinnerung allgemein bei den Schopfheimern wach zu halten. Die Schenkung ist daher mit der Auflage verknüpft, dass sie in die Türkenlouis-Ausstellung im Dachgeschoss des Museums integriert und dauerhaft präsentiert wird.

Bereits abrufbar sind die Begleitinformationen im Internet. Und die sind schon jetzt der absolute Renner. Mehrere Millionen Zugriffe gab es bereits auf die Artikel zum Schwedentrunk.

Eine weitere Bestätigung für Störk, der sagt: "Man muss eben die Dinge nur attraktiv aufbereiten, dann gibt es dafür auch ein Interesse."



Schwedentrunk

Beim Schwedentrunk wurde Jauche oder Wasser, vermischt mit Urin und Kot, über einen Eimer oder Trichter in den Mund eingeführt. Erstickungsängste sowie starke Magen- und Bauchschmerzen waren die Folge, die Jauche verätzte die Speiseröhre. Die Qualen konnten dadurch verstärkt werden, dass der Bauch zusammengepresst oder auf dem Bauch herumgetrampelt wurde.

Infos dazu auch im Internet: http://www.jugendheim-gersbach.de
 

Autor: hö

Autor: André Hönig