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18. Juli 2015

Bergbauspuren am Rohrenkopf "ausgegraben"

"Montan- und kulturhistorisch schützenswertes Ensemble" entdeckt / Im Windkraft-Flächennutzungsplanverfahren aber nur "ganz normaler Abwägungsbelang".

  1. Frisch ausgegraben hat das Gersbacher Forscherteam bei seiner Suche nach Spuren des Bergbaus (rechts Gerbsacher Erz) Fundstellen auf dem Rohrenkopf. Rechtes Bild: Marlon Deiss vor der alten Bergbau-Anlage. Foto: zvg

  2. Foto: BZ

SCHOPFHEIM. Da haben die Gersbacher Bergbau-Forscher etwas "ausgegraben", was denkmalschützerisch wie politisch aufhorchen lässt: Nicht nur beim Bergkopf, sondern jetzt auch auf dem Rohrenkopf wurden Reste von sehr gut erhaltenen Bergbau-Anlagen entdeckt. Ausgerechnet hier, wo ja bekanntlich ein Windpark geplant ist.

DER FUND

"Ja, Sie haben richtig gelesen und es gibt keinen Zweifel mehr", heißt es euphorisch in der Mail von Heimatforscher Werner Störk, in der er vom jüngsten Fund auf dem Rohrenkopf berichtet. Erst vor wenigen Wochen hatte er die Entdeckung von Schürfspuren (Halden) durch das Forscherteam Friedrich Blum und Marlon Deiss an der Westflanke des Bergkopfes vermeldet. Doch nun sind darüber hinaus Reste einer gut erhaltenen Bergbauanlage auf dem Rohrenkopf entdeckt wurden. Nicht nur in der Gipfelregion, "auch im Süden, Norden und Westen vom Rohrenkopf gibt es Bergbaurelikte." Damit sei aktuell eindeutig belegt: "Die Westflanke des Bergkopfes sowie die Südflanke einschließlich der Gipfelregion des Rohrenkopfes wurden einst bergmännisch angegangen."

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Diese Entdeckung birgt insofern eine gewisse Brisanz, als im Moment gerade das Verfahren für einen Windkraft-Flächennutzungsplan läuft – der bekanntlich Windkraftnutzung auf dem Rohrenkopf ausweisen will. Zwar werden in solch einem Verfahren denkmalschützerische Belange mitberücksichtigt. Aber natürlich nur jene, die bekannt sind. Dieser Fund nun sei weder dem Landesbergamt noch dem Landesdenkmalamt geläufig, so Störk. Hier handle es sich "also auch wissenschaftlich um eine wirklich wichtige und wertvolle Spurensicherung."

Störk hatte schon länger vermutet, dass auch auf dem Rohrenkopf Bergbau betrieben wurde. Nun aber sei dies "unwiderlegbare Tatsache", schreibt Störk, der in diesem Zusammenhang auf seinen "Offenen Brief" vom Juni 2014 an die Stadt Schopfheim verweist. Darin hatte er bereits mit Blick auf Windkraft warnend auf mögliche Bergbauspuren am Rohrenkopf hingewiesen. Nun aber stehe endgültig fest, dass "die Geschichte des Gersbacher Bergbaus neu geschrieben werden muss".

Dabei sei der Fund in seinem ganzen Umfang noch gar nicht genau absehbar. "Möglicherweise sind wir auf ein bislang völlig unbekanntes Teilrevier des Gersbacher Bergbaus gestoßen." Den Rohrenkopf-Entdeckungen auf die Spur kam das Forscherteam nicht zuletzt durch Lidar-Luftaufnahmen, die Störk auswertet, der seit dem Schanzenprojekt der AG Minifossi darin reichlich Erfahrungen hat. Wie schon zuvor beim Bergkopf zeichneten sich auch hier auffällige Reliefpunkte im Gipfelgelände des Rohrenkopfes ab, die das Gersbacher Suchtteam vor Ort unter die Lupe nahm. Ergebnis: "Tatsächlich liegt in unmittelbarer Gipfellage des Rohrenkopfes auf fast 1100 Metern Höhe ein beeindruckendes Bergbaurelikt", schreibt Störk. Weitere Spuren rund um den Rohrenkopf müssen hingegen erst noch genauer untersucht werden: 20 ausgewählte Geländepunkte liegen auf der Nordseite des Rohrenkopfes von Häg-Ehrsberg, weitere 40 Geländemarken in direkter Umgebung von Rohrenkopf und Bergkopf auf der Gersbacher Gemarkung.

Vermutlich, so Störk, handele es sich um Erzgewinnungsversuche, die man unternahm, nachdem die alten Vorkommen ausgebeutet waren und man auf neue, reichere Erzvorkommen im Norden von Gersbach hoffte. Was den neuen Fund außerdem so besonders macht, sei die Tatsache, dass man nun nicht nur erstmals auf über 1000 Metern Höhe eine Spur, sondern gleich eine ganze Kette von Bergbauspuren sichern konnte. "Und damit ein montan- und kulturhistorisch schützenswertes Ensemble, das in seiner zusammenhängenden archäologischen Sachgesamtheit noch sehr gut erhalten und im Gelände gut erkennbar ist." Wie wichtig es sei, diese Spuren rechtzeitig zu sichern, zeige ein weiterer Fund in unmittelbarer Nähe. Dort habe vermutlich ein Forst-Vollernter oder ein schwerer Schlepper ein Bergbau-Relikt überrollt – jetzt weise nur noch ein Wasseraustritt auf seine frühere Existenz hin. Deshalb werden die Gersbacher Bergbauforscher nun "möglichst zügig noch weitere interessante Objekte auf dem Lidar-Scan überprüfen und sichern." Die dafür notwendigen Untersuchungen – auch mit der Überlegung, einen Bergbau-Pfad einzurichten – werden laut Störk wohl bis zum Spätherbst dauern.

DIE WINDKRAFT

Sofort stellt sich da natürlich die Frage, welche Auswirkung ein solcher Fund auf die Windkraft-Pläne hat. Werner Störk sagt auf Nachfrage, dass er "nur auf den Denkmalschutz und die darin formulierten Anforderungen, Kulturgüter zu schützen, verweisen kann." Es sei Angelegenheit des Denkmalschutzes sowie des Landesbergamtes, Entscheidungen zu treffen und "dafür Sorge zu tragen, dass die festgestellten archäologischen Spuren geschützt werden." Er selbst habe ja schon "früh auf die Möglichkeit hingewiesen, dass es auf Grund der bis dahin gemachten Forschungsergebnisse auch auf dem Rohrenkopf Bergbaurelikte oder/und Glaswüstungen geben kann". Dass dies ein Konfliktpotenzial beinhalte, sei ihm dabei völlig klar. "Nicht umsonst habe ich mich – obwohl Befürworter der Energiewende – nachweislich offen, klar und konsequent nur gegen speziell diesen Standort ausgesprochen."

Der städtische Beigeordnete Ruthard Hirschner erklärt auf BZ-Nachfrage, dass die Nachricht nicht völlig überraschend komme. Die Stadt und der Windkraftpark-Investor, insbesondere Frank Mosthaf, Geschäftsführer der Enerkraft GmbH, seien von Störk früh informiert und auf dem Laufenden gehalten worden. Was etwa die Wegeplanung angehe, sei bereits abgesprochen worden, dass auf Funde größtmögliche Rücksicht genommen werde. Und so werde sich Frank Mosthaf auch diese neue Funde genau anschauen.

Hirschner stellt allerdings auch klar, dass archäologische Funde letztlich auch nur "Abwägungsbelange sind wie andere auch". Natürlich werde man prüfen, inwiefern ein Schutz möglich ist. "Wenn man vermeiden kann, dass solche Dinge Schaden nehmen, wird man es natürlich machen." Sprich: Es solle möglichst nicht wie in Raitbach laufen, "wo Dinge geschleift wurden. Da gibt es viele andere Möglichkeiten." Sollte freilich eine Bergbauspur tatsächlich im Weg sein, müsste man "im Verfahren verschiedene Aspekte bewerten, etwa, ob es beispielsweise in der Nähe Vergleichbares gibt." Gleichwohl hat Hirschner Störk auch im Namen der Windkraft-Investoren zugesichert, dass "wir wertschätzend mit solchen Sachen umgehen wollen." Dass ein Windrad-Standort wegen der Funde kippen könne, glaubt Hirschner ohnehin nicht. "Diese sind im Moment noch gar nicht metergenau festgelegt."

Der Gersbacher Bergbau

hat ungefähr 250 Jahre, zwischen 1600 und 1850, bestanden. Im Laufe dieser Zeit entwickelten sich vier Bergbauteilreviere: das südlichste über der Westflanke des Wehratales mit Gruben, in denen vor allem Pyrit abgebaut wurde. Daran schlossen sich nordwärts die Gruben im Ried an sowie im Osten die Bergbauversuche im Silbergraben. Die für Erzgewinnung wichtigen Eisenerze wurden im Bereich Mühlematt gewonnen und vor Ort verhüttet. Die Schmelze allerdings musste 1682 stillgelegt werden, da der Ofen zerborsten war. Vermutlich ein Sabotageakt, um die Gersbacher Konkurrenz für das Eisenwerk Hausen auszuschalten.
Auch das heute noch so genannte Gewann Erzenbrunn weist Schürfspuren auf und war wohl auch Standort einer Schmelzhütte – vermutlich am damals so genannten Lehrberg, dem ertragreichsten Erzgewinnungsgebiet im Gersbacher Raum. Kleinere Bergbauversuche gab es auch beim Schwammbrunnen und in der Kupfergrube Verenabrunn am westlichen Ortseingang. Von jenem Punkt ziehen die abbauwürdigen Vorkommen direkt auf den Rohrenkopf.  

Autor: bz

Autor: André Hönig