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28. Oktober 2013

Betroffenes Schweigen im Wald

Exkursionsteilnehmer im Raitbacher Wald haben wenig Verständnis für die Zerstörung des historischen Walls durch den Forst.

  1. Betroffenes Schweigen im Wald: Wo jetzt ein breiter Fahrweg entlang führt, gab es vormals einen Wall, der zu einem einmaligen Ensemble zählte. Werner Störk informierte über die Fakten. Foto: Marlies Jung-Knoblich

  2. Kein Hohlweg, sondern ein vor etwa 400 Jahren angelegter Pfad. Foto: Marlies Jung-Knoblich

  3. Mitten auf der Wiese wachsen Bäume und Sträucher: Auch dort war einst eine Schanze. Foto: Marlies Jung-Knoblich

RAITBACH. Betroffenes Schweigen im Walde. Die etwa 20-köpfige Gruppe, die am Samstag mit Werner Störk auf den Spuren der großen Verteidigungsanlagen (Schanzen) im Raitbacher Wald unterwegs war, zeigte sich fassungslos angesichts der Zerstörung eines historisch bedeutenden und einzigartigen Walls durch den Forst. Während der Exkursion hatten sich die Teilnehmer einen Eindruck davon verschaffen können, wie mühselig es vor etwa 400 Jahren war, solche Wälle und Verteidigungsanlagen anzulegen.

Die Bauern haben Fronarbeit geleistet. In mühseliger, harter Handarbeit haben sie nicht nur die bis zu drei Meter hohen Wälle angelegt, sondern auch den etwa 400 Meter langen schmalen Weg, den der Forst vor kurzem durch einen breiten befahrbaren und aufgeschütteten Weg ersetzt hat. Vom Wall blieb nichts übrig (wir berichteten).

Als die Exkursion Anfang des Jahres als Beitrag zur 900-Jahrfeier von Raitbach geplant wurde, wusste Werner Störk noch nichts von der Zerstörung des kulturell wichtigen Zeugnisses im Wald. Dieser Wall, auf dem jetzt die Holztransporter fahren, – einer kam zufällig voll bepackt mit Baustämmen aus dem Wald, als die Exkursionsteilnehmer unterwegs waren – sei deshalb so einmalig, weil er Teil einer Kommunikationslinie zwischen der Anlage auf den Sandwürfen (dort startete die Exkursion) und denen auf dem Schanzbühl war.

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Die Gruppe hielt an der zerstörten Stelle im Wald inne und Werner Störk verlas eine Erklärung, weil ihm juristische Schritte angedroht worden waren. "Weshalb?" lautete die Frage aus der Gruppe, denn die Fakten seien ja wohl nicht zu übersehen. Außerdem gibt es eine Menge Dokumente, die zeigen, wie es vor dem forstlichen Eingriff an der Stelle im Wald ausgesehen hat. Werner Störk zeigte Fotos (vorher – nachher). Der Forstrevierleiter sei informiert gewesen.

"Ich kann den Schülern nicht lapidar sagen, Pech gehabt, das ist eben passiert."

Exkursionsleiter Werner Störk
Und er machte begreiflich, weshalb er diesen Fall nicht unter den Mantel des Vergessens kehren möchte. "Ich erinnere an die, welche vor fast 400 Jahren unter größten Entbehrungen, mit schwielig-blutenden Händen, mit einem einfachen Holzspaten und einer kleinen Schubkarre diesen Graben mühsam dem steilen Hang abrangen, um dann den mächtigen Wall aufzuwerfen. Einfache Bauern aus den umliegenden Höfen und Ortschaften. Schanzbauern eben", erklärte Werner Störk. Ein Zeugnis der Geschichte, in dem auch die akribische Arbeit der jungen Forscherinnen und Forscher der Minifossi AG der Friedrich-Ebert-Schule steckt. "Hier stecken zehn Jahre Zeit und Geld in konkreter Feldarbeit drin. Ich kann den Schülern nicht lapidar sagen, Pech gehabt, das ist eben passiert", verdeutlichte Werner Störk, der die Minifossi AG jahrzehntelang betreute. Wenn dieses Beispiel Schule mache, bestehe für jedes Bodendenkmal höchste Gefahr. Das habe mit Vertrauen und Wertschätzung gegenüber dem, was bestehe und Kulturgut sei zu tun. Immerhin seien im hiesigen Raum 144 Anlagen dokumentiert.

Ein Teilnehmer wunderte sich, wie ein solches zerstörerisches Projekt überhaupt genehmigt werden konnte, ein anderer wollte wissen, ob sich der Wall nicht wiederherstellen lasse. Da der Untergrund zerstört wurde, sei eine Rekonstruktion nicht möglich, erklärte Störk. Im kommenden Jahr wolle die Forstbehörde einen digitalen Datenaustausch auf allen Behördenebenen über schützenswerte Kulturgüter – nicht nur im Wald – anlegen. Unwissenheit könne dann nicht mehr geltend gemacht werden.

Der Fall zieht im übrigen Kreise. So sei er bei einem Seminar des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg explizit aufgeführt worden, Landrätin Marion Dammann habe sich bei ihm gemeldet und er erwarte noch Reaktionen vom Landwirtschaftsministerium und der Denkmalstiftung Baden-Württemberg. "Ein Ort, an dem Kulturdenkmale vernichtet werden, ist wie ein Mensch, der sein Gedächtnis verliert. Für immer", machte Werner Störk deutlich. Die Exkursionsteilnehmer hatten dem nichts hinzuzufügen, zumal sie einen Eindruck davon erhalten hatten, wie mühselig die Arbeit der Fronbauern gewesen sein muss. Ganz bewusst führte sie Störk auf steile und schmale Pfade, die eben keine Hohl- oder Schleifwege sind, sondern von Menschenhand angelegt wurden. Feinde waren auf den schmalen Pfaden gezwungen, im Gänsemarsch zu laufen. Das machte sie bezwingbar. Wer heute über die Sinnlosigkeit von Kriegen lamentiert, braucht dafür nicht in die Ferne zu schweifen. Nahe der Sandwürfe seien sechs Gersbacher aus Glaubensgründen von Zellern erschossen worden, erfuhren die Exkursionsteilnehmer.

Der letzte Abstecher galt dem "Weißen Stein". Der Sage nach treibt dort ein von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg erschlagener kaiserlicher Reiter zur Geisterstunde bis heute sein Unwesen.

Ortsvorsteher Karl Friedrich Oswald hatte die Exkursion organisiert. Vom Schwimmbad Schweigmatt aus sorgte Wolfgang Potthin aus Wehr mit zwei Bussen dafür, dass die Teilnehmer bis zu den Sandwürfen gefahren wurden. Außerdem wartete bei der Rückkehr – nach etwa dreieinhalb Stunden – eine Grillstelle bei der Hütte im Wald auf die Ausflügler.

Autor: Marlies Jung-Knoblich