Gegenseitige Starthilfe beim Kirchenbau

Nicolai Kapitz

Von Nicolai Kapitz

Mo, 18. September 2017

Schopfheim

BZ-SERIE GRENZWANDERUNGEN (8): Was die katholische Kirche St. Bernhard und die Alte Stadtkirche mit dem Bau der neuen evangelischen Kirche zu tun hatten.

SCHOPFHEIM. In diesem Jahr ist es 125 Jahre her, dass die große evangelische Stadtkirche in der Wehrer Straße geweiht wurde. Ihrem Bau war ein Hickhack vorausgegangen, das eng mit der Entwicklung der beiden Kirchengemeinden – der evangelischen wie katholischen – Ende des 19. Jahrhunderts in Schopfheim zusammenhing. Denn beide Gemeinden wuchsen schnell und brauchten Platz. Und so kam es, dass die evangelische Gemeinde den Bau der katholischen Kirche beschleunigt hat – und dieser Bau wiederum den der großen evangelischen Stadtkirche.

Die Katholiken hielten 1878 erste Gottesdienste in der damals neuen Bernhardskirche ab. Die evangelische Gemeinde zog nach, und so wurde die neue Stadtkirche 1892 geweiht. Ursprünglich, so steht es in der Festschrift zum 125-jährigen Geburtstag der evangelischen Kirche, sollte es einen Kirchentausch geben. Die Katholiken hatten Interesse an der Alten Stadtkirche St. Michael bekundet. Diese war seit 1556 evangelisch, damals hatte die Reformation Schopfheim erreicht.

Die evangelische Gemeinde war bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts so groß geworden, dass der mittelalterliche Bau in der Altstadt nicht mehr genug Platz für alle Gläubigen bot. Schon 1771 ist demnach eine massive Vergrößerung der alten Kirche im Gespräch gewesen. Doch dazu sollte es nie kommen. Und erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts kam ein Neubau in die Diskussion. In diese Gemengelage schien es ganz gut zu passen, dass die schnell wachsende katholische Gemeinde eine Kirche benötigte. Die Katholiken mussten entweder weite Wege – nach Höllstein oder weiter – auf sich nehmen, oder sich das Kirchlein in Eichen mit den Protestanten teilen. So steht es in der Festschrift der katholischen Gemeinde, die anlässlich des 75. Geburtstages der Bernhardskirche 1955 verfasst wurde.

Und so beschäftigten sich die Katholiken mit der Frage, wo sie genug Platz für die Gottesdienste finden könnten und wandten sich 1876 mit einem Kaufgesuch an die evangelische Gemeinde, von der man wusste, dass sie einen Neubau plante. Doch dort wurde man hingehalten. Die evangelische Seite steckte immer noch mitten in den Diskussionen über Dimension, Aussehen und Standort der neuen Kirche.

Die Katholiken schufen dagegen Fakten: Nach Plänen des Architekten Lukas Engesser wurde 1877 der Grundstein gelegt, bereits 1878 feierten die Katholiken in der großen neuen Kirche St. Bernhard Gottesdienste.

Das Gotteshaus – es ist typisch für die Architekturepoche des Historismus eine Mischung verschiedener Bauformen, darunter Anleihen aus der Neugotik und der Romanik – war deutlich größer, natürlich moderner und repräsentativer als die Alte Stadtkirche, in der die evangelische Gemeinde immer noch Hof hielt. Und so waren die Protestanten unter Zugzwang, es kam Bewegung in die Neubaupläne.

Josef Wilhelm Durm hieß der Architekt, dem die evangelische Kirchengemeinde den Neubau anvertraute. Durm schuf, so schreibt es Bernhard Bischoff in der Festschrift zum 100. Geburtstag der Kirche im Jahr 1992, eine Großkirche im Stile der Neugotik mit kreuzförmigem Grundriss und einem mehr als 50 Meter hohen Glockenturm. Der Bau – so war es auch geplant – übertraf die Maße der katholischen Kirche in jeder Hinsicht, hatte aber nicht nur Bewunderer. So erschien im Jahr der Fertigstellung 1892 in einer Konstanzer Zeitung ein Artikel, in dem der Verfasser recht derbe Kritik an der Architektur äußert. "Wie war es möglich, dass zu einem solche bedeutenden (...) Bauwesen ein Mann bestellt wurde, dessen Unfähigkeit (...) auf so lapidare Weise zum Ausdruck kommt?", wird der Artikel von Bernhard Bischoff zitiert. Gemeint war wohl die aus Sicht des Kritikers misslungene Anlehnung an die Gotik des Mittelalters. Die Schopfheimer, so zeigen die Feiern zum 125. Geburtstag der Kirche, haben ihr Gotteshaus lieb gewonnen. Gemeinsam mit der Alten Kirche und der Bernhardskirche ist es Teil der unverwechselbaren Schopfheimer Silhouette.

In unserer Serie "Grenzwanderungen" beleuchten wir im Reformationsjahr, wie sich die Glaubensteilung in unserer Region ausgewirkt hat und wo man das heute noch sehen kann. Es geht um Geschichte, um Bauwerke, Brauchtum und Mentalität.