Geschleifter Wall offenbart Lücken

André Hönig

Von André Hönig

Sa, 07. Dezember 2013

Schopfheim

Ein Hinterfragen der Teil-Plattmachung des Raitbacher Schanzenwegs zeigt, dass auch neue Vorkehrungen ihn nicht gerettet hätten.

SCHOPFHEIM. War das Plattmachen des Wallgrabens bei Raitbach nicht Fluch, sondern am Ende sogar Segen – zumindest für den Schutz von Bodendenkmälern in Wäldern im Allgemeinen? Das könnte man meinen, da das Thema nun bis auf Stuttgarter Ministeriumsebene Beachtung findet und zusätzliche Schutzvorkehrungen in Aussicht gestellt werden. Doch wer der Frage nachgeht, wie es passieren konnte, dass in Raitbach eine Lücke in die historische Verteidigungsanlage gerissen wurde, stellt fest: Auch die zusätzlichen Vorkehrungen, die nun kommen, sind keine Schutzgarantie.

Nein, an Worten des Bedauerns hat es nicht gemangelt. Seitdem im Oktober durch Medienberichte öffentlich wurde, dass bei Raitbach auf dem Schanzbühl der Weg, der ein als Kulturdenkmal eingestuftes Verteidigungsensemble aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges verbunden hatte, im Zuge forstlicher Wegebauarbeiten plattgemacht worden war, gingen stapelweise Briefe ein. Etwa von der Lörracher Landrätin Marion Dammann. Von der Denkmalstiftung. Oder vom Ministerium für Wirtschaft und Finanzen. Alle mit ähnlichem Inhalt. "Wir bedauern diesen Vorgang sehr (...)"; "Ich bedauere außerordentlich"(...).

Adressat dieser Schreiben ist Heimatforscher Werner Störk, der die teilweise Zerstörung im Sommer entdeckt hatte. Seitdem hat sich ihm ein neues Forschungsgebiet eröffnet. Titel: Wie konnte es dazu kommen? Allerdings hätte er wohl aufgehört, in dieser Frage herumzuwühlen, oder wie es zuweilen verächtlich an Stammtischen heißt, "wegen dem Huuffe Dreck so en Wirbel zu mache", als Mitte November zu den Worten des Bedauerns Worte der Beteuerung hinzukamen. So schrieb das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, unter deren Dach die höchste Denkmalschutzbehörde des Landes arbeitet, dass "ein derartiger Vorfall nicht wieder vorkommen darf, beziehungsweise von unserer Seite aus alles dafür getan wird." Wie das Ministerium schreibt, will man es nicht bei der sowieso geplanten Einführung einer digitalen Datenbank belassen, die den Forstverwaltungen ab 2014 flächendeckend Karten mit Denkmaldaten zur Verfügung stellt. Auch werden obendrein ab 2014 nun im Fortbildungsprogramm des Forstes extra Schulungen angeboten. Zudem soll die Öffentlichkeit für die Belange der Denkmalpflege mit Vorträgen und Publikationen sensibilisiert werden. "Sie können daraus ersehen, dass uns dieser Vorfall nicht untätig bleiben lässt", heißt es im Ministeriumsschreiben. "Leider kommt dies in diesem konkreten Einzelfall zu spät." Übersetzt lautet die Botschaft: Künftig wird alles gut. Doch können sich ehrenamtliche Heimatforscher wie Störk tatsächlich künftig entspannt zurücklehnen im Vertrauen auf digitale Datenbanken? Wer der Frage nachgeht, wie es jetzt in Raitbach zur Panne kam, könnte daran zweifeln.

Ohnehin gab es hier einige Fragen. Umstritten war vor allem, ob behördlicherseits Fehler gemacht wurden. Der Forst und die Untere Denkmalschutzbehörde bestritten dies und sprachen davon, dass dies einfach "unglücklich gelaufen ist". An dieser Verteidigungsstrategie halten sie auch nach wie vor fest. Störk hingegen hatte von Beginn an argumentiert, dass Fehler gemacht wurden, weil beim Forst Personen das nötigen Wissen gehabt hätten (siehe Schanzbühl-Hintergrund). Nun geht es Störk nicht darum, "dass die Sache jemandem den Kopf kosten soll". Das betont er, auch weil immer wieder das Gerücht kursiert, das Ganze sei eine persönliche Fehde. Was ihn aber wurmt ist, dass sich niemand durchringt, zuzugeben, dass die Sache vermeidbar war. Ein solches Eingeständnis, da ist er sich sicher, würde zum Hinterfragen von Abläufen beitragen und das könnte Wiederholungsfälle vielleicht eher vermeiden als eine Datenbank. "Es ging und geht nicht allein um Raitbach, es geht ums Ganze, es geht um die Wurzeln unserer Geschichte, um unsere Identität. Kultur kann und darf man nicht filetieren nach dem Motto: Jetzt passt es gerade, und dann passt es eben mal nicht – und dann machen wir halt dieses Kulturgut mal eben platt!"

Eben deshalb stellte Störk sein Wühlen nicht ein. Stattdessen hat er weitere Erkenntnisse ausgegraben. So bescheinigt ihm ein Vermessungsexperte, dass auf dem unteren Teil des Weges nie Maschinen gefahren seien. Von einer Wiederherstellung eines Maschinenwegs könne also keine Rede sein. Außerdem fand Störk in seinem Archiv weitere E-Mails. Aus ihnen kann man schlussfolgern, dass beim Forst nicht, wie bisher angenommen , zumindest 2002, sondern auch noch 2008 eine Person über die Anlage im Bilde gewesen sein müsste.

Bei den Behörden hat man den Fall allerdings abgeschlossen. Für Bertram Jenisch von der Denkmalschutzbehörde beim Regierungspräsidium Freiburg ist der Punkt erreicht, wo der Fall zu den Akten gelegt und nicht länger "aufgebauscht" gehört. "Ich kann mich doch nicht nur mit dem beschäftigen." Denkmalpflegerisch sei der Fall geklärt. Eine Frage beantwortet er aber doch. Ob sich seine ersten Einschätzung geändert habe, wonach nicht wider besseren Wissen gehandelt wurde: "Nein!"

"Für mich ist das Thema durch", stellt auch Thomas Unke, Leiter des Fachbereichs Forst im Landkreis Lörrach, klar. Zum einen habe er keinen Grund, an der Aussage seines Mitarbeiter zu zweifeln, dass er sich über die Bedeutung des Weges nicht im Klaren gewesen sei.

"Wir hätten also den Weg

gebaut, selbst wenn es die

Karte schon gegeben hätte."

Thomas Unke, Forst Lörrach
Wichtiger aber noch: Der Forst hätte auch so gehandelt, wenn es die für 2014 angekündigte digitale Datenbank schon gegeben hätte. Unke hat sich die für den Landkreis bereits fertige Karte vom Regierungspräsidium geben lassen. Und da ist der Weg gar nicht als Denkmal eingezeichnet. Lediglich Teile davon. Allerdings ist das Ganze versehen mit dem vagen Hinweis, dass "auch Objekte, die nicht kartiert sind, gegebenenfalls archäologisch relevant sein können". Unke stellt klar: "Wir hätten also den Weg gebaut, auch wenn es die Karte schon gegeben hätte". Er betont: "Wir wollten den Ärger nicht haben." Doch müsse er umgekehrt auch fragen: "Worauf sollen wir uns dann noch verlassen?"

Genau diese Frage stellt sich nun für Störk, der sichtlich erstaunt ist, dass die Karte nicht das ganze Ensemble ausweist. "Wir hatten dem Denkmalamt alle nötigen Daten geliefert." Für Störk jedenfalls steht fest, dass man angesichts dessen nicht blind einer Datenbank vertrauen kann. Gleichwohl ist für ihn der Punkt erreicht, wo er weitere Recherchen einstellt. Erhielt er doch datierend vom 27. November nun ein Schreiben vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, in dem es heißt: "Gerade unter den von ihnen dargelegten Umständen hätte der Vorfall vermieden werden können." Ein klarer Sieg für Störk also – kommt doch das Schreiben vom Forstpräsidenten persönlich, also von der obersten Stelle des baden-württembergischen Forstes. Richtig freuen aber, sagt er, kann er sich darüber gleichwohl nicht.