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17. Oktober 2009

"Habe mein Herz an Gaza verloren"

Die Rundfunk-Journalistin Bettina Marx referierte über ihre Erfahrungen im Krisengebiet / Ein Buch darüber veröffentlicht

  1. Bettina Marx Foto: Robert Bergmann

SCHOPFHEIM. Ein bedrückendes Bild der Situation im von Israel beherrschten Gazastreifen zeichnete die Rundfunk-Journalistin Bettina Marx bei einem Vortrag für den West-Östlichen Diwan. Marx, die fünf Jahre lang als ARD-Korrespondentin aus dem Nahen Osten berichtet und über Gaza ein deprimierendes Buch geschrieben hat, sieht den Staat Israel in der Verantwortung für die menschliche Katastrophe in diesem von 1,5 Millionen Menschen bewohnten Elendsstreifen an der Küste des Mittelmeers.

Marx war bis 2007 in Tel Aviv stationiert und hat sich von dort regelmäßig in deutschen Rundfunksendern mit kritischen Beiträgen zur israelischen Palästina-Politik zu Wort gemeldet. "Ich habe von Anfang an mein Herz an Gaza verloren", beichtete sie den rund 30 Zuhörern im katholischen Pfarrsaal. Ihr beim Verlag 2001 erschienenes Buch "Gaza, Berichte aus einem Land ohne Hoffnung" ist eine verzweifelte Liebeserklärung an die in Gaza-Stadt und seiner Umgebung lebenden Palästinenser, die, tagtäglich konfrontiert mit Gewalt, Tod Elend und einer zynischen Besatzungspolitik, die Hoffnung auf ein besseres Leben einfach nicht aufgeben wollen.

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Schmal ist der Grat, auf dem gerade eine deutsche Berichterstatterin wandelt, die sich kritisch mit der Militärmaschine des jüdischen Staates auseinander setzt. In Blogs und in Briefen sah sich Marx während ihres Israel-Aufenthaltes immer wieder heftigsten Schmähungen und des Vorwurfs ausgesetzt, antisemitisch zu sein. Viele israelische Freunde hätten sich von ihr abgewandt, mit manchen habe sie selbst den Kontakt abgebrochen, erzählt Marx ein wenig bitter. Sie kann und will trotzdem nicht verstehen, warum ihr die Kritik an Israels Politik gegenüber den Palästinensern so grundsätzlich übel genommen wird. "Es geht mir doch lediglich darum, die Politik Israels aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen", sagt die studierte Judaistin und Islamwissenschaftlerin.

Die wenigen Passagen, die sie an diesem Abend aus ihrem Buch vorliest und ein kurz nach dem jüngsten Gazakrieg von einer Kollegin vor Ort gedrehter Fernsehbeitrag machen dann aber durchaus deutlich, warum sich Marx an ihrem Arbeitsplatz im Heiligen Land nicht nur Freunde gemacht hat. Da ist ihr palästinensischer Kollege Raed, der Marx in vielen gefährlichen Situationen bei ihren Recherchen in Gaza zur Seite stand. Im Filmbeitrag steht er nach dem jüngsten Krieg, Anfang 2009 vor seinem von einem israelischen Panzer zerstörten Taxi und vor den Trümmern seines Hauses: "Wovon soll ich jetzt leben und meine Familie ernähren?" fragt der Mann aschgrau.

Besonders die Kinder leiden unter dem Krieg
Einige Jahre zuvor bereits habe ihr Kollege 18 Mitglieder seiner Familie – darunter die Schwester und den Schwager – bei einem Granatenangriff der israelischen Armee verloren, berichtet Marx. "Das ist ein ziemlich normales Schicksal für einen Palästinenser".

Die vom Elend der Besatzung und des Krieges besonders betroffenen Kinder des Gazastreifens haben es Bettina Marx besonders angetan. Allein im letzten Gazakrieg seien 200 Kinder ums Leben gekommen, erzählt sie in Schopfheim. Die Journalistin ruft in Erinnerung, wie Soldaten eines Armeepostens im Jahr 2004 ein 13-jähriges palästinensisches Schulmädchen mit Kugeln durchsiebten,weil sich diese der eigenen Stellung versehentlich genähert hatte. 20 Kugeln entdeckte man bei der Obduktion in dem kleinen Körper. Die Soldaten hatten – den Vorschriften der Armee entsprechend – sicherstellen wollen, dass das Mädchen auch wirklich tot war. "Das Leben palästinensischer Kinder ist billig", sagt Marx. Bedrückend auch ihre Eindrücke von der psychischen Verwahrlosung der jungen Menschen, die nichts als Krieg und Zerstörung erlebt haben. Die Besatzung habe die Autorität der Eltern beschädigt, weiß Marx und sie fragt: "Wie sollen solche Menschen später für den Friedensprozess eintreten?" Marx ist weitsichtig genug, die Palästinenser nicht zu Helden zu stilisieren. Sie verschweigt nicht die Angriffe auf Israel mit Raketen, fragt jedoch, woher die Israelischen Behörden jedesmal die Sicherheit nehmen, dass diese von Hamas-Kämpfern abgefeuert wurden. Die Journalistin berichtet von der verbreiteten, den Umständen geschuldeten Kollaboration mit den Besatzern, durch die sich in der Zivilgesellschaft der Palästinenser Angst und gegenseitiges Misstrauen ausbreite.

In der halben Dekade, die Marx aus dem Nahen Osten berichtet hat, ist sie bis in die aberwitzigen Aspekte des palästinensisch-arabischen Konflikts vorgedrungen. So erzählt sie an diesem Abend die Geschichte des von den Israelis verbotenen Ruderclubs von Gaza-Stadt. Dem Club, der auf dem Mittelmeer trainierte, wurde die Seetauglichkeit seiner Spezialboote zum Verhängnis. Die israelische Armee witterte die Gefahr, dass die Ruderboote in der Lage sein könnten, den rund um die Küste gezogenen Sperrstreifen zu durchbrechen.

Und die große Politik? Für Bettina Marx ist die Zweistaatenlösung – sprich ein friedliches Zusammenleben von Palästinensern und Israelis in zwei Staaten – längst gestorben. Der aktuelle amerikanische Präsident sei bislang für den Nahen Osten eine Enttäuschung gewesen. Marx bedrückende Vorstellung: Eines Tages könnten die Gaza-Palästinenser bar jeder Hoffnung und Angst in Richtung Israel aufbrechen und ihre ganz eigene Form von Ein-Staatenlösung durchzusetzen versuchen. "Da müssten bei den Israelis eigentlich alle Alarmglocken klingeln."

Autor: Robert Bergmann