Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. August 2015

Kommunikationslinie wiederentdeckt

Luftaufnahme bringt wichtige Zusammenhänge des Schanzensystems ans Tageslicht / Scherentann-Redoute spielte Schlüsselrolle.

  1. Die Scherentann-Schanze (weiß) ist heute komplett von einer Baumgruppe bewachsen und liegt in unmittelbarer Nähe zur rekonstruierten Barockschanze (rechts). Der südöstliche Zugang (gelb) und der nordwestliche Zugang (rot) laufen beide auf den einstigen historischen Hauptweg, an dem sich exakt auch der heutige Straßenverlauf orientiert. Foto: foto/grafik: Werner Störk

GERSBACH (BZ). Die aktuellen Untersuchungen über den historischen Bergbau im alten Gersbacher Revier (wir berichteten) bringen nicht nur immer neue montane Spuren ans Licht, sondern ermöglichen auch über die intensive Auswertung der speziellen Lidar-Luftaufnahmen völlig neue Erkenntnisse über andere archäologische Bodenspuren.

So konnte erstmals der rund 110 Meter lange Zugangsweg, eine sogenannte Kommunikationslinie, wiederentdeckt werden, welche die 68 Meter lange und 25 Meter breite Redoute (Viereckschanze) auf dem Scherentann mit den historischen Hauptwegen nach Todtmoos-Au im Osten und Gersbach im Westen verband. Diese Linie läuft im rechten Winkel auf die südöstliche Ecke der Redoute zu. Mit einer Grundfläche von rund 17 000 Quadratmetern Grundfläche gehörte die Scherentann-Schanze zu den größten Anlagen der Region.

Eine solche Kommunikationslinie muss man sich zu jener Zeit als mannstiefen Laufgraben vorstellen, der streckenweise gegen Feindeinsicht auch mit Holzbrettern oder Ästen abgedeckt war. Die ausgehobene Erde wurde – je nach notwendigem Sicht- und Bewegungsschutz – auf der zu sichernden Seite vor dem Graben als Wall aufgelegt. Von der nordwestlichen Ecke der Schanze führt eine weitere rund 130 Meter lange Kommunikationslinie im rechten Winkel zum historischen Hauptweg. Eine vergleichbare Kommunikationslinie befindet sich nur noch auf der historischen Pass-Sicherung von Neuenweg und wurde auch erst vor kurzem durch die Auswertung von Luftaufnahmen entdeckt. Solche Laufgrabensysteme garantierten mit Hilfe von lauferprobten Meldegängern den schnellen Informationsaustausch zwischen den einzelnen Schanzen. Der jetzt gefundene Laufgraben der Scherentann-Redoute ist Teilstück der Verbindungslinie zu der bei Todtmoos-Au gelegenen Wacht-Schanze, die bis heute als einst uneinnehmbares, steinernes Fünfeck – wie ein Adlerhorst auf einer Felskuppe – an der Westflanke des Wehratales thront.

Werbung


Einstige Laufgräben wurden in Friedenszeiten zugeschüttet

Durch natürliches Nachbrechen der Seitenwände und nachträgliches Auffüllen durch Laubeintrag wurden die einstigen Laufgräben wieder bis zur Erdoberfläche aufgefüllt. Oft wurden sie in nachfolgenden Friedenszeiten schnell von den Bauern wieder zugeschüttet, um diese für Mensch wie Tier lebensgefährlichen Fallgruben zu entschärfen. Der neue Fund bestätigt auch, dass die Stelle für die Rekonstruktion der großen Barockschanze – nur rund 180 Meter von der originalen Redoute entfernt – wirklich sehr gut gewählt wurde: denn auf dem Scherentann lag um 1700 wohl die wichtigste regionale Drehscheibe der einstigen Schanzenkommunikation. Von allen Außenposten und Chartaques (Wach- und Signaltürmen) liefen hier auf dem Scherentann alle Fäden zusammen. Die Scherentann-Redoute garantierte so als weithin gut sichtbares und über die Kommunikationslinien sehr gut vernetztes Meldezentrum den Kontakt zu allen benachbarten Schanzanlagen. Heimatgeschichtsexperte Werner Störk geht davon aus, dass die Auswertung weiterer Luftaufnahmen erstmals ein detailgetreues und vollständiges Abbild der historischen Gersbacher Gemarkung ermöglicht.

Autor: bz