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21. August 2013

Unheimliche Orte im Wiesental (2)

Die Marter am Kohlenrain bei Gersbach

Ein Verbrechen in der Zeit rund um die Schlacht von Rheinfelden 1638 ist für immer mit dem Kohlenrain bei Gersbach verbunden.

  1. Schauplatz eines grausamen Mordes: Hier vor diesem Anwesen an der Rauschbachstraße soll einst ein Gersbacher Vogt von Marodeuren zu Tode gemartert worden sein. Foto: André Hönig (2)/privat

  2. Kein Genuss, sondern grausamste Folter: So in etwa hat es sich abgespielt, wenn Soldaten unschuldigen Opfern einen sogenannten „Schwedentrunk“ verabreichten. Foto: Privat

  3. Die Quelle unter dieser Platte weist darauf hin, dass sich das grausige Geschehen in der Nähe ereignet hat. Foto: André Hönig

SCHOPFHEIM. Manche Orte verströmen etwas Unheimliches, wenn es dunkel wird. Andere Orte verursachen eine Gänsehaut erst dann, wenn man weiß, was dort passiert ist, etwa Tatorte von Verbrechen. Und dann gibt es noch jene Orte, die sind immer gruselig, egal zu welcher Uhrzeit und unabhängig vom Vorwissen desjenigen, der sie betritt. In einer Serie stellt die Badische Zeitung unheimliche Ort im Wiesental vor. Heute: Der Kohlenrain bei Gersbach.

Ein sanftes Plätschern dringt gedämpft aus der Tiefe. Wie ein Echo aus längst vergangenen Zeiten. Zu sehen ist sie nicht, der Zugang ist überdeckt von einer Metallplatte. Aber deutlich zu hören: Eine Quelle sprudelt hier unter der Erde. Sie muss sich dem Gehör nach direkt unterhalb des alten Hauses an der Rauschbachstraße befinden, wo ein Seitenweg südöstlich wegführt Richtung Scherentann. Tür- und Fensterrahmen aus Sandstein im unteren, gemauerten Teil des Gebäudes lassen darauf schließen, dass das Gemäuer alt ist. Sehr alt. Möglicherweise stand es damals schon vor rund 400 Jahren, ist stummer Zeuge dessen, was sich einst an dieser Stelle Grausiges ereignete.

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Damals wütete der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) und es gibt wohl kaum eine Epoche, in der die Menschen in deutschen Landen mehr gelitten haben. Unter den Kampfhandlungen. Mehr aber noch unter den Begleiterscheinungen. Krankheiten. Hunger. Und Plünderungen. Gerade die hiesige Region und Gersbach hatte zu leiden. Lag das Dorf doch direkt an der Grenze zwischen dem katholisch-habsburgischen Vorderösterreich und der evangelisch baden-durlachischen Markgrafschaft. Auch führten die beiden wichtigen Verbindungsstraßen – die eine ins obere Wehratal über Todtmoos-Au, die andere nach Wehr-Hasel – durch Gersbach. So lagerten denn hier auch immer wieder Truppen beider Kriegsparteien – was zur Folge hatte, dass verwilderte Soldaten, sogenannte Marodeure, im Umkreis ihr Unwesen trieben. Sprich sie raubten, mordeten und erpressten.

In der Gersbacher Chronik äußert sich Verfasser Wilhelm Kneusslin (1834- 1920) dazu wie folgt: "Geschichtlich ist festgestellt, dass die Zeit von 1634 bis 1640 die schlimmste Zeit für unsere Umgegend, vielleicht fürs ganze Land, gewesen sei. Es wird erzählt: Es sei einmal ein Trupp Marodeure von der Au her gekommen, wie diese aus dem Wald auf die Scherentann gekommen seien, haben sie einen Mann beobachtet, wie er im Kohlenrain in ein Brunnenloch hineingegangen sei. In der Annahme dass er Geld verbergen wolle, seien dann mehrere rasch durchs Dorf, haben ihn aufgesucht und auch gefunden, aber als sie kein Geld bekommen, haben sie ihn schrecklich zu Tod gemartert und das sei der damalige Vogt gewesen, welcher sich geflüchtet hatte."

Vermutlich fiel das Verbrechen in die Zeit rund um die Schlacht von Rheinfelden 1638. Damals zogen gleich mehre Heerzüge durchs Wiesental. Wie der Mann genau zu Tode kam, lässt sich anhand einer folgenden Passage erahnen, wo Kneusslin den Schwedentrunk beschreibt – eine angeblich erst von schwedischen Truppen, eigentlich aber von allen Seiten praktizierte und unvorstellbar grausame Foltermethode. "Im Dorf hatten sie genommen, was zu nehmen war, seien mehrere Tage dageblieben. Drunten bei der Mühle hatten sie Leute, bei denen sie Geld vermuteten, den Schwedentrank gegeben, das heißt sie sperrten ihnen den Mund auf, schütteten ihnen schmutziges Wasser hinein oder gar Gülle bis zum Überlaufen, dann sprangen sie ihnen auf den Leib, dass er platzte, oder banden sie an die Pferdschwänze und schleiften sie zu Tode."

Dass im Schopfheimer Raum Folter mit dem "Schwedentrunk" gang und gebe war, berichtet auch August Eberlin in der Schopfheimer Chronik von 1878. "Grausam wurden die Erpressungen betrieben, dass vor der Wut und Habsucht der Soldaten niemand mehr sicher war. Viele, welche in den Wäldern Schutz suchten, wurden mit Hunden aufgespürt und zurückgeschleppt und um das Geständnis verborgener Habe zu erpressen wurde, um von den anderen Abscheulichkeiten zu schweigen, den Unglücklichen durch Soldaten ein Holz in den Mund gesteckt und so lange Wasser oder Jauche eingeschüttet, bis sie 20 bis 30 Reichstaler versprachen."

Wie der Vogt hieß, der den Marodeuren in die Hände fiel, ist unklar, da viele Urkunden aus damaliger Zeit Zerstörungen zum Opfer fielen.

Im Ortssippenbuch für Schopfheim und seine Teilorte werden zwar für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges drei Vögte erwähnt, darunter zwei mit Namen Sutter, doch ohne Angaben zu ihrem Schicksal. Geht man aber davon aus, dass sich die schaurige Tat wirklich so ereignete, ist sich Heimatforscher Werner Störk sicher, dass dies der Tatort ist. Störk hat sich auf Bitten der BZ auf Grundlage von Angaben in der Kneusslin-Chronik auf Spurensuche begeben. Demnach befand sich die Stelle im Gebiet Kohlenrain "zwischen Fuchsbühl und Dorfende (früher Haus 97a, 99 und 102), vermutlich unterhalb der Straße, etwa bei Schmidt Emma, früher Kirchendiener Sutter, 94. Dort soll sich noch eine Quellfassung-Gang befinden".

Den Schwedentrunk gibt es heute als Waterboarding

Nun hat sich das Dorf in all der Zeit stark verändert. Nicht nur eine Quellfassung galt es daher zu finden. "Die Frage war auch, ob Marodeure, die oben im Wald auf dem Scherentann auf der Lauer lagen und und das Dorf beobachteten, überhaupt freie Sicht hierher hatten." Störk hat mit einem speziellen geologischen Computerprogramm die Sichtlinien überprüft, beziehungsweise ob nicht etwa Hügel im Weg waren. Ergebnis: "Man konnte von da oben diesen Bereich einsehen." Auch die Entfernung kommt in etwa hin. "Man sieht selbst ohne optische Hilfsmittel auf diese Entfernung, ob sich da etwas bewegt."

Sich vorzustellen, dass hier ein Mensch unvorstellbar grausam umgebracht wurde, kann einem selbst an einem warmen sonnigen Sommertag einen kalten Schauer über den Rücken jagen. Mehr aber noch das Wissen, dass der "Schwedentrunk" bis heute überlebt hat. "Waterboarding" heißt die moderne Variante, bei dem ein Opfer glaubt, dass es ertrinkt. Von Geheimdiensten gerne praktiziert. "Der Mensch", sagt Störk, "ist dem Menschen ein Wolf". Diese Erkenntnis gilt leider heute noch ganz genauso wie vor 400 Jahren.

Autor: André Hönig