Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
10. Februar 2012
Spannungsfeld: Kirche und NS-Zeit
Als Kenner der Geschichte referierte Dr. Klaus Kühlwein über das heikle Thema Nationalsozialismus und die Rolle der Kirche.
SCHOPFHEIM. "Der Nationalsozialismus ist vielleicht die gefährlichste Häresie dieser Zeit." Ein Satz, den Eugenio Pacelli schon 1924 formulierte, als er noch Nuntius in Deutschland war. Über sein Verhalten, später als Papst, und über das Verhalten der katholischen Kirche in Deutschland während der NS-Zeit referierte Dr. Klaus Kühlwein aus Freiburg, der über dieses Thema gerade auch habilitiert. Eingeladen dazu hatten die Evangelische Erwachsenenbildung Hochrhein-Markgräflerland und das Katholische Bildungszentrum Waldshut.
Es war ein spannender, informativer Abend, vor allem auch, weil Kühlwein Einsicht in die Geheimarchive des Vatikans hat und von dort einige Informationen mitbrachte, die neu sind. In Deutschland selbst wurde von der Kirche erst geraten, Hitler nicht zu wählen. Als dieser jedoch an der Macht war, wurde er zunächst unterstützt. Dabei bezog sich die Kirche auf die Bibel, da Paulus sagt, dass es keine staatliche Gewalt gibt, die nicht von Gott kommt (vgl. Röm 13,1). Vor allem Kardinal Bertram, Vorsitzender der Bischofskonferenz, bremste den Widerstand. Auch sein Stellvertreter, Kardinal Faulhaber, wandte sich nicht gegen Adolf Hitler. Im Gegenteil, es gab 1936 sogar ein Geheimtreffen der beiden. Faulhaber war es wichtig, Missverständnisse zwischen der Regierung und der Kirche auszuräumen. Beide wollten gegen den Kommunismus "an einem Strang ziehen". Am Schluss dieses Treffens war sich Faulhaber sicher: "Ich glaube, Hitler ist ein gläubiger Mensch".Werbung
Die beiden jüngeren Bischöfe Preysing und von Galen sahen wohl, dass es Hitler mit dem Volk nicht gut meinte, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Doch in einer Frage gelang dies von Galen: Er verkündete von der Kanzel, dass Hitler behinderte Menschen vernichtete. Dies führte zu einer kleinen Verbesserung der Situation für behinderte Menschen.
Mit ihren Schreiben wandte sich die Kirche auch immer wieder in dieser Zeit an den Vatikan. Bei den Themen handelte es sich vor allem um Jugendarbeit, da die Heranwachsenden alle in die Hitlerjugend sollten; dann um kirchliche Schulen, die aufgelöst werden sollten und um die angeblich politische Betätigung der Priester. Vor allem Pacelli, der sehr gut Deutsch konnte, bekam die Schreiben auf seinen Tisch. Pius XI, sein Vorgänger im Papstamt, wollte eigentlich noch eine Enzyklika zur Judenfrage schreiben, doch als er plötzlich starb, verschwand diese. In all den anderen Aussagen und Schreiben, wie zum Beispiel der Enzyklika "Mit brennender Sorge" war nicht einmal das Wort Jude zu lesen. Pius XII war mit seinen Aussagen sehr vorsichtig und zurückhaltend. Für die Juden setzte er sich erst ein, als sozusagen vor seinen Augen im Oktober 1943 die Judenrazzia begann. So wurden vor seinen Augen über tausend Juden abtransportiert. Ungefähr eine Woche später hatte er "eine Jakobsnacht /ein Damaskuserlebnis" und sorgte dafür, dass die Juden Kirchenasyl bekamen und somit gerettet werden konnten.
Kühlwein selbst glaubt, dass Pius XII einfach zu feinfühlig und sensibel für diese Zeit war. Er wollte niemanden auf die Füße treten und setzte daher eine "Mikadodiplomatie" ein. Gleichzeitig wusste er nicht, wie er gegen Hitler kämpfen sollte, da er wahrscheinlich auf privatem Wege erpresst wurde. Zu dem Vortrag, der im Rahmen des 70. Jahrestages der Wannseekonferenz stattfand, erschienen knapp 40 Zuhörer, davon 10 Schüler aus der 9. Klasse des Theodor-Heuss-Gymnasiums.
Weitere Themenabende im Rahmen der Wannseekonferenz finden in den nächsten Wochen in Waldshut und Tiengen statt. Am 30. März gibt es nochmals einen Vortrags- und Gesprächsabend in Schopfheim im katholischen Gemeindehaus zum Thema: "Über die Gegenwart der Vergangenheit.
Autor: Gabriele Rasenberger
