Führerschein in Deutsch meistern

Beate Zehnle-Lehmann

Von Beate Zehnle-Lehmann

Fr, 27. April 2018

Schuttertal

LAND & LEUTE: Mohammed Hossaini hat als erster Afghane die Theorieprüfung in der Fahrschule geschafft.

SCHUTTERTAL. Der afghanische Flüchtling Mohammed Hossaini, der mit seiner Familie in Schuttertal lebt, hat die theoretische Führerscheinprüfung im ersten Anlauf bestanden. Das Besondere daran: Er konnte die Prüfung nur in deutscher Sprache ablegen. Die musste er von Grund auf und in kurzer Zeit erlernen. Hossaini ist erst seit Oktober 2015 in Deutschland und war bislang nur seiner persischen Muttersprache Farsi mächtig. Wie lernt man, was mit "Wildwechsel", "Umweltzonenbewohner" oder "Ausweichmanöver" gemeint ist?

Mohammed Hossaini ist stolz auf die bestandene Prüfung. Er hat sie mit nur einem Fehlerpunkt geschafft. Sein Deutsch ist gut, aber noch gebrochen. Manche Wörter muss er im Gespräch immer noch im Internet-Übersetzer nachschauen. Wie ist es möglich, eine solch umfangreiche Prüfung in einer Sprache zu schaffen, die man noch nicht wirklich beherrscht? Es sind ja nicht alleine die Grundkenntnisse in Deutsch, vielmehr verlangen die vielen Fragen ein Verständnis für viele Fachbegriffe. Mohammed Hossaini büffelte dafür Tag und Nacht, wie er lachend, aber auch erschöpft sagt.

Vom Iran über die Türkei nach Deutschland

Der 37-jährige Afghane ist im Iran aufgewachsen, wohin seine Eltern einst geflüchtet waren. Sie gehören der ethnischen und religiösen afghanischen Bevölkerungsgruppe der Hazara an, die in Afghanistan von den Taliban verfolgt werden. Doch auch im Iran hatten sie keine Rechte, wie Hossaini ruhig schildert. So floh er mit seiner Frau und den beiden Kindern teils auf langen Strecken zu Fuß über die Türkei und Griechenland nach Kroatien.

Von dort aus erreichten sie Deutschland im Oktober 2015. Über mehrere Stationen kamen sie nach Lahr und danach in die Container-Unterkunft in Seelbach. Seit einigen Monaten wohnen sie in Schuttertal. Der zehnjährige Sohn und die 14- ährige Tochter besuchen die Schule in Seelbach. Für Mohammed Hossaini ist der Pkw-Führerschein existentiell, denn er möchte so schnell wie möglich eine Arbeit finden. Mobilität ist für die Familie auch deshalb wichtig, weil der Sohn in Lahr Fußball spielt und die Tochter dort Musikunterricht hat. "Die Busverbindung im Schuttertal ist besonders abends schlecht", sagt er.

Große Unterstützung erhielt er von seinem ehrenamtlichen Betreuer Herbert Wickertsheim: Er ist aktiv im Freundeskreis Flüchtlinge Lahr und steht über eine App-Gruppe in Kontakt mit etwa 70 Afghanen und Iranern, erklärt Wickertsheim. Fast alle sprächen nur Farsi. Zwölf von ihnen versuchten derzeit, den Führerschein zu machen. Geschafft habe es bislang nur Mohammed Hossaini.

Zuerst lernte Herbert Wickertsheim mit Mossaini das deutsche Alphabet. Danach trafen sie sich jeden Sonntag und begannen, die Fragebögen durchzusprechen. Schwierig sei gewesen, die vielen Fachbegriffe und teils mathematischen Aufgabenstellungen verständlich zu erklären, so Wickertsheim. Dafür habe er eigens eine umfangreiche Auflistung mit Begriffen wie Auflaufbremse, Differentialsperre, Kuppe, Verkehrsdichte und anderen mehr zusammengestellt und in einfachen Sätzen formuliert.

Mit Führerschein-App und einem Übersetzungsvideo

Hossaini lernte mit der Führerschein-App und einem Übersetzungsvideo im Internet. Zum Theorieunterricht in einer Seelbacher Fahrschule nahm er seine Tochter mit, die für ihn übersetzte. "Ich habe mir Signalwörter gemerkt, nachts gelernt und Monate nur geübt", so Mohammed Hossaini. Schwierig werde es jetzt mit dem Finanzieren der Fahrstunden, denn ohne Auto hat er auch noch keine Arbeitsstelle erhalten. Dabei sei es sein größter Wunsch, seine Familie selbst ernähren zu können.

Kontakt: Herbert Wickertsheim, E-Mail: herbie@hotsweet.de