Rundum ein Blick ins Naturkino

Beate Zehnle-Lehmann

Von Beate Zehnle-Lehmann

Sa, 01. September 2018

Schuttertal

MEIN SCHÖNSTER PLATZ: Für den 99-jährige Joseph Zehnle auf dem Geisberg ist sein Terrassenplätzchen ein lebhafter Ort.

SCHUTTERTAL-SCHWEIGHAUSEN. Wohl dem, der einen Ort hat, wo er Kraft schöpft und sich pudelwohl fühlt. Die BZ hat Menschen in der Umgebung zu diesen Orten gefragt. Der Lieblingsplatz des 99-jährigen Joseph Zehnle ist die Terrasse hinter seinem Bauernhaus auf dem Geisberg.

Der knallig rote Sonnenschirm und darunter eine kleine Gestalt, die in einem Liegestuhl sitzt, sind schon bei der Anfahrt zum Bauernhof von Joseph Zehnle von der Landstraße aus zu sehen. Das Gehöft, das bei den Einheimischen schon immer als "s’ Weberschuhmachers" bekannt ist, liegt am Geisberg kurz vor der Passhöhe. Dort hat der 99 Jahre alte Joseph Zehnle sein langes Leben verbracht und genießt den Lebensabend schlicht mitunter an seinem Lieblingsplatz, und das ist die Terrasse hinter dem Haus.

Ein bequemer Liegestuhl, ein Sonnenschirm, eine Holzbank am Tisch und aufeinander gestapelte Stühle – für Besuche der Familie oder Nachbarn – lassen das Sonnen bestrahlte Örtchen zu einer kleinen Wohlfühl-Oase werden. Die Natur drumherum tut ihr Übriges dazu. So ruhig dieser Ort ist, kann man aber doch vieles von ihm aus beobachten. Das wird spätestens klar, wenn man mit Joseph Zehnle in der gemütlichen Ecke sitzt und seinen Geschichten zuhört.

Der herzliche betagte Mann, der in seinem stolzen Alter lediglich einen Gehstock braucht, hat scheinbar ein Gedächtnis wie ein akribisch geführtes Archiv. Bevor es aber in die Vergangenheit zurück geht, in der sein Lieblingsplatz eine andere Funktion hatte, erklärt er, warum er hier so gerne seine Zeit verbringt: "Ich bin hier an der frischen Luft, das brauche ich schon mein Leben lang, und es gibt viel zu sehen", sagt er und lacht verschmitzt.

Sobald es morgens warm wird, zieht es den ehemaligen Landwirt und Waldarbeiter hinaus in die schöne Idylle rund um das Bauernhaus. Zuerst werden das Wetter inspiziert und die Zeichen der Natur für eine Vorhersage analysiert – für ihn als Altbauer ist das ein Leichtes. Er beobachtet von hier aus den Flug der Vögel und der Wolken, die Blätter der Obstbäume im Wind oder den Himmel über dem entfernteren Hünersedel, den er von seinem Lieblingsplatz aus gut sieht.

"Es hat sogar eine

beruhigende Wirkung,

wenn man ihm zuschaut."

Joseph Zehnle über das Windrad
Eine Wettervorhersage moderner Art liefert ihm das 186 Meter hohe Windrad, das sich direkt gegenüber auf dem Weißmoos seit fast fünf Jahren dreht – oder auch mal starr steht. Der Windriese ist quasi ein enger Nachbar des 99- Jährigen: "Das stört mich nicht, und ich höre es auch nicht, obwohl es so nah ist. Es hat sogar eine beruhigende Wirkung, wenn man ihm zuschaut", sagt Joseph Zehnle.

Das Naturkino vor seinen Augen widmet sich auch den Rindern, die auf der Wiese unterhalb friedlich grasen und auch schon mal ganz nah an die Terrasse herankommen, Glockengebimmel inklusive. Denn am Zaun stehen Apfel-, Pflaumen-, Mirabellen- und Kirschbäume, von denen gerade in ertragreichen Sommern zur Freude der Tiere viele leckere Früchte auf das Gelände fallen. Die Bäume hat Joseph Zehnle vor vielen Jahrzehnten als junger Mann gepflanzt und ebenso viele Jahre ihr Wachstum und die Ernte erlebt. Von den Früchten gab es Most, Marmelade, Kuchen oder Eingemachtes. "In diesem Jahr hängt alles voll", sagt er.

Die gekachelte Terrasse, die für die Bedürfnisse und für die Sicherheit des 99-Jährigen hergerichtet worden ist, ist direkt am alten Saustall und neben dem belebten Hühnerhof. Schweine gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr, denn die Landwirtschaft wurde bei s’ Weberschuhmachers nach und nach eingestellt. Sein Sohn Hans-Peter arbeitet im Beruf, während Vater Joseph täglich von seiner Betreuerin umsorgt wird oder von der Familie Besuch bekommt. Dann gibt es Kaffee und Kuchen an seinem Lieblingsplatz. Erinnerungen werden dann wach, denn hier hat sich früher allerlei Hofleben abgespielt: Es wurde geschlachtet, gemäht oder es mussten alltägliche Arbeiten verrichtet werden. Das steile Gelände direkt nebenan diente den Kindern, Enkeln und Urenkeln – letztere heute auch schon alle junge Erwachsene – als Schlittenrennbahn, zum Kicken oder als Schauplatz für das jährliche Osterhasen jagen. "Dabei hat sich schon mancher in die Brennnesseln gesetzt", erzählt er und lacht herzlich. Sein Plätzchen bietet Joseph Zehnle nicht nur Ruhe und eine interessante und abwechslungsreiche Aussicht: Es birgt eben auch die Nostalgie vieler Erinnerungen an sein erlebnisreiches und langes Leben. Und während er sich nun auf den Weg macht in die gute Stube, weil der Wind ihm Regen voraussagt, winken ihm die Nachbarn des unterhalb liegenden Hofes mit einem kräftigen Gruß zu.