Hinter verschlossenen Türen

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 19. August 2018

Schweiz

Der Sonntag Das Kunstprojekt Hidden zeigt verborgene und unzugängliche Orte in der Schweiz.

Auf der Suche nach der Faszination des Verborgenen, Unzugänglichen und Geheimen hat sich der Fotograf Kostas Maros zu unwirklich grau strahlenden Felskavernen am Jungfraujoch aufgemacht, zu pilzartigen Abhöranlagen vor Alpenkulisse, er war in Orthopädie- und Theaterwerkstätten, in Fabriken, Museen, Kraftwerken, Sterbezimmern, Schlachthöfen. Und nach einer Ausstellung in Basel ist das Projekt "Hidden. Verborgene Orte in der Schweiz" nun im Christoph Merian Verlag Basel auch als Buch erschienen.

Kuratiert hat das Projekt die Kunsthistorikerin Catherine Iselin, die in der Riehener Fondation Beyeler arbeitete und seit diesem Jahr das Forum Würth in Arlesheim leitet. Sie hat auch begleitende Essays verfasst, fügt aber Maros’ Fotografien mit ihrer fast unwirklichen Tiefenschärfe keine Erklärungen hinzu. Auch Hintergrundinformationen zum Gezeigten findet sie störend, denn "ein beschreibender Text vermag nicht die vor Ort spürbare Besonderheit einzufangen, sondern würde die narrative Wirkung der Fotografie in ihrer Unmittelbarkeit schmälern". Die Bilder sollen also für sich sprechen und aus sich selbst heraus wirken.

Manchmal ist das schade. Denn man sollte schon wissen, was es gleich nochmal mit dem Cern im Kanton Genf auf sich hat, um ermessen zu können, warum das Bild der Fräsmaschine Waldrich Taurus 30 hier doch stärker aufgeladen ist als in einem Messekatalog. Andere Orte erklären sich (fast) von selbst, und da geht das Konzept auch in seiner Mischung sehr schön auf.

Da sind die Einblicke in die Räume der Sterbehilfeorganisation Dignitas mit Krankenbetten und sanften Alpenlandschaften für die Sterbenden – und Kleenex-Boxen auf jedem Tisch für die Trauernden. Wenig später folgen Bilder aus dem Ejakulatorium der Basler Reproduktionsmedizin mit Playboy auf der Badkommode, aber auch die milchkannenartigen Kryobehältnisse mit Flüssigstickstoff zum Einfrieren fehlen nicht. Da sind die Gerätschaften aus dem Basler "Darkroom", den man als Foltermuseum ansehen würde, gäbe es in Foltermuseen große rosarote Gummidildos. Sprießende Gewächse aus einer Pilzfabrik stehen neben der Abklinganlage für radioaktive Abwasser im Basler Unispital. Alles ist extrem nüchtern, mal in Aufsicht, mal frontal. Und nie sind Menschen auf den Bildern zu sehen, was allem eine Verlassenheit und Unwirklichkeit einhaucht.

Als 25 Bilder des Projekts "Hidden" diesen Mai im ehemaligen Basler Wasserspeicher IWB Filter 4 gezeigt wurden (samt Muttertags-Special), gab es eine Warnung: Die Ausstellung sei "für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Einige der ausgestellten Werke weisen pornografischen oder gewaltsamen Charakter auf, der ihre Empfindungen verletzen könnte"" Gemeint sind wohl die stocknüchternen Aufnahmen aus einem islamischen Schlachthaus, das aussieht, als hätte es wegen eines Gasangriffs eilig geräumt werden müssen: Zurück blieben Karkassen, Schädel, etwas Blut. Der Hyperrealismus digitaler Überschärfe erzeugt einen widersprüchlichen, fast surrealen Effekt: Die Schafköpfe um die blutgetränkte Blechrinne wirken zwar reichlich bizarr, aber weder obszön noch reißerisch. Eher hat man das Gefühl, sie wollten ungestört sein an diesem Ort.

René Zipperlen
Hidden "Verborgene Orte in der Schweiz". Catherine Iselin, Kostas Maros. Christoph Merian Verlag, 48 Euro.