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16. November 2010

Hilfe auf vielen Ebenen

Der in den Kosovo abgeschobenen Familie wird geholfen – dabei geht es um mehr als Geld.

  1. Familie Tatari in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung im Kosovo.v.l. Erson, Alissa , Baskem, Florije Foto: Hasani

  2. Erson Tatari in Ein-Zimmer-Wohnung in Pristina, Kosovo. Foto: Hasani

SEELBACH. Ende Oktober sind vier Mitglieder der sechsköpfigen Familie Tatari aus Seelbach in den Kosovo abgeschoben worden (BZ berichtete). Nur die zwei ältesten Kinder durften in Deutschland bleiben. In der Gemeinde haben viele Bürger darauf nicht nur mit Empörung, sondern auch mit dem Wunsch zu helfen reagiert. Jetzt werden genauere Pläne für die Hilfe bekannt. Die Unterstützung soll auf verschiedenen Ebenen stattfinden.

JURISTISCH:

Reinhard Kirpes, Fachanwalt für Asylrecht aus Offenburg, hat inzwischen das Mandat für die Familie übernommen. Menschen aus dem Unterstützerkreis, der in Seelbach für die Familie gegründet wurde, trafen sich vergangenen Mittwoch mit dem Rechtsanwalt. Die zwei in Deutschland lebenden Kinder der Tataris waren auch dabei. Kirpes soll jetzt prüfen, inwiefern eine Rückkehr der Familie nach Deutschland möglich ist. "Wenn Menschen erst einmal aus Deutschland ausgewiesen sind, ist das verdammt schwer", sagt Kirpes. Dennoch könne es sich lohnen, die Abschiebung genau zu prüfen. Vor allem bei dem ebenfalls abgeschobenen Sohn Erson Tatari (16) sieht Kirpes aufgrund dessen nachweisbarer, hoher Integrationsleistung, durchaus Chancen, dass er wieder nach Deutschland zurückkehren könnte.

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FINANZIELL:

Die Tataris haben laut den Angaben aus ihrem Umfeld kaum Geld zur Verfügung. Die Familie muss, so die Informationen, die der BZ vorliegen, von etwa 200 Euro im Monat Leben. Diese bekommen sie aus der Unterstützung des Landes Baden-Württemberg für ausgewiesene Flüchtlinge im Kosvo. Allein die Mietkosten sollen sich aber auf 150 Euro belaufen. Neben dem allgemeinen Spendenaufruf laufen in Seelbach deshalb mehrere Aktionen,um Geld zu sammeln.

Gestern wurde bekannt dass am 10. Dezember im Bürgerhaus Seelbach ein Benefizkonzert der Gruppe Deyda&Lehmann stattfinden soll. Genauere Informationen zu dem Konzert soll es erst in der kommenden Woche geben.

Gerade zu Ende gegangen ist die Aktion auf dem Bauernmarkt in Seelbach. Dort haben Freunde und ehemalige Mitschüler der Kinder der Tataris Kuchen verkauft, auf dem Katharinenmarkt soll am kommenden Wochenende ein Waffelstand betrieben werden.

Derzeit gibt es zudem Überlegungen, in Zukunft Spendenpatenschaften für die Familie einzurichten.

POLITISCH:

Neben der juristischen und finanziellen Hilfe für die Familie, formiert sich in Seelbach eine regelrechte Protestbewegung. Seit der Abschiebung treffen sich in jeden Donnerstagabend Menschen vor dem ehemaligen Haus der Tataris zu einer Mahnwache. Beim ersten Mal kamen mehr als 60 Personen, und laut Angaben von Anwesenden, seien es bei den nächsten Treffen mindestens ebenso viele gewesen.

Nun wird auch der Kontakt zu Politikern direkt gesucht. Ellen Janka, Mitglied im Unterstützerkreis, traf gestern Nachmittag den SPD-Parteivorsitzenden Nils Schmid, um mit ihm über die Abschiebung der Familie Tatari zu sprechen. Weitere Treffen mit hochrangigen Vertretern der Landesregierung sind geplant.

Zur politischen Arbeit gehört für die Seelbacher Unterstützer sowohl die Öffentlichkeitsarbeit, als auch die Information ihrer Mitmenschen über das Schicksal der Tataris, und damit auch über die deutsche Flüchtlingspolitik. Anwalt Reinhard Kirpes war selbst öfter im Kosovo. Er soll demnächst einen Themenabend gestalten, Bilder und Videos aus dem Kosovo zeigen und von seinen eigenen Erfahrungen dort berichten.

Zudem hat Jürgen Larocque aus dem Unterstützerkreis Kontakt zu den Tataris und deren Umfeld in Pristina aufgenommen. Der BZ liegt ein Bericht über die Situation der Familie in Pristina vor. Demnach leben die vier Personen in einem 14 Quadratmeter großen, nur spärlich eingerichteten Zimmer, sie würden auf dünnen Matratzen schlafen, Dusche und Küche würden mit anderen Mietern geteilt. Bei der Familie mache sich Verzweiflung breit. "Hier haben wir kein Leben, keine Arbeit. Hier kennen wir keinen, hier kennt uns keiner. Was sollen wir hier?", wird der Vater Baskem Tatari zitiert.

VOR ORT IN SEELBACH
:

Nicht in den Kosovo abgeschoben wurden Gzim (17) und Belkiza Tatari (18). Die beiden ältesten Kinder der Familie müssen seither ihr Leben ohne ihre Eltern organisieren. "Aber es tut gut zu sehen, das wir nicht allein sind", sagte Gzim bei der ersten Mahnwache, als er sah, wie viele Menschen gekommen waren.

Neben allgemeinen Solidaritätsbekundungen, bekommen Gzim und Belkiza auch handfesten Beistand. Menschen aus dem Unterstützerkreis begleiten die Beiden auf Behördengängen, oder helfen bei der Jobsuche. Während Gzim schon länger eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Heizung-, Sanitär-, und Klimatechnik macht, hat seine Schwester derzeit noch keine Arbeitsstelle. Heute findet ein Vorstellungsgespräch für ein Freiwilliges soziales Jahr im Altenpflegebereich statt.

Info: Spendenkonto: Stichwort:"Spenden Fam. Tatari", ev. Pfarrgemeinde, Sparkasse Offenburg, BLZ: 664 500 50 Kto: 489 1702; oder über: kath. Pfarrgemeinde, Volksbank Lahr, BLZ: 682 900 00 Kto: 150 178 30

Autor: Sebastian Wolfrum