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14. April 2015

"Wir müssen noch nachlegen"

Die Initiatoren der Nordirak-Hilfsaktion haben Bilanz gezogen – und wollen weitermachen, auch die Seelbacher KJG.

  1. Die Katholische Junge Gemeinde Seelbach sammelt ebenfalls Hilfsgüter für die Menschen in der Krisenregion. Foto: Privat

  2. Fotos von der Nordirak-Hilfsaktion Foto: BZ

SEELBACH/TENINGEN. 60 000 Euro Geldspenden, 51 Tonnen Hilfsgüter : Die Initiatoren der Nordirak-Hilfsaktion um die Teninger Übersetzerin Zeynep Akay haben Bilanz gezogen. Hunderte von Menschen in der Region haben Geld überwiesen oder warme Kleidung gespendet. An der Aktion beteiligt sich auch die Seelbacher Katholische Junge Gemeinde (KJG).

Die Hilfsbereitschaft war groß – so groß, dass Akay und ihr Team keine Sachspenden mehr annehmen konnten. "Wir wussten nicht mehr, wohin mit den Sachen", sagt Mitorganisatorin Susanne Dorer. Einige spendeten fünf Euro, andere 2000 Euro. Viele gaben Plastiksäcke ab, voll mit Winterjacken, Bettwäsche, Kinderschuhen und Kuscheltieren. Die Uniklinik stiftete Rollstühle. "Es waren nur ganz wenige Sachen dabei, mit denen wir nichts anfangen konnten", sagt Susanne Dorer. "Wenn ich eine Jacke bekomme, an der der Reißverschluss nicht mehr funktioniert, frage ich mich, was das soll – und im Gebirge braucht man keine High Heels."

Pressetermin in Teningen, die Organisatoren ziehen Bilanz. Neben Akay und Dorer sitzt Klaus Fehrenbach von der KJG in Seelbach. "Unser Finanzminister", scherzt Dorer. Der Teninger Bürgermeister ist auch da. "Ich habe zum ersten Mal von der Sache gehört, als mich ein Gemeinderatskollege fragte, ob wir einen kleinen Lagerraum haben. Das war dann das ehemalige Trafohäusle an der Scheffelschule", erzählt Heinz-Rudolf Hagenacker.

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Die Hilfsaktion hat klein begonnen. In der Weihnachtszeit startet die Teningerin Akay einen Aufruf – sie will einen Laster mit Hilfsgütern in den Nordirak schicken. Die Waldkircherin Susanne Dorer ist von Anfang an dabei. "Wir hatten nicht viel Zeit. Wir haben gesagt: Fragen wir die Leute in unseren Orten, fragen wir die Leute in unserem Bekanntenkreis", erzählt sie, "dann kam alles anders." Denn die Freunde haben auch Freunde, die Bekannten Bekannte.

Die Stapel mit Hilfsgütern werden immer größer

Die Stapel mit Hilfsgütern werden immer größer. "Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir die 6000 Euro für den Lastwagen zusammenkriegen. Die Hälfte haben wir aus eigener Tasche bezahlt. Frau Akay hat den Transport begleitet. Sie hat gesagt: Ich habe den Kindern versprochen, dass ich wiederkomme. Ich habe gesagt: Dann müssen wir nachlegen."

Sie legen nach. Die Seelbacher KJG, die in ihrem Ort schon gesammelt hat, schließt sich an. Der Vorstand der Kirchengemeinde stellt sein Konto zur Verfügung, die ersten Zeitungsberichte erscheinen, Hunderte von Menschen in Südbaden kramen in Kleiderschränken – und das Teninger Trafohäuschen ist schnell zu klein.

Ein Unternehmer stellt zwei Lagerhallen in Riegel zur Verfügung, mehrere Schulen starten Sammlungen – das Friedrich-Gymnasium in Freiburg, die Theodor-Frank-Schule in Teningen, die Freie Schule Dreisamtal in Kirchzarten, die Albert-Julius-Sievert-Schule in Müllheim, die Schwarzenberg-Schule in Waldkirch, die Freie Demokratische Schule Kapriole in Freiburg. 50 Helfer sortieren Kleidung.

Akay hält das Versprechen, das sie den Kindern gegeben hat: Sie kommt wieder. Zuerst mit zwei Vierzigtonnern, einige Wochen später mit drei Vierzigtonnern. "Es war ein Gesamtgewicht von 51,4 Tonnen", sagt Fehrenbach, der Finanzminister. "Das sind 500 Kubikmeter – zehn Meter auf zehn Meter und das ganze fünf Meter hoch. Es ist unglaublich, was auf einen Laster draufgeht." Insgesamt, sagt er, seien 60 000 Euro an Spenden zusammengekommen – 15 000 Euro von Firmen, Organisationen und Vereinen, der Rest von Privatpersonen. Die Hälfte des Geldes gaben die Helfer für Hilfsgüter aus, für Nahrungspakete und Milchpulver – der Rest ging für die Laster und die Fahrer drauf.

Verzweiflung in zerbombten Dörfern

Nach ihm redet Zeynep Akay, die gerade aus dem Nordirak zurückgekommen ist. Sie erzählt von zerbombten Dörfern und Straßensperren, von Zeltstädten und Menschen, die in nie fertig gestellten Rohbauten hausen müssen. Sie erzählt von Angst und Verzweiflung, von der Stadt Zakho und dem Sindschar-Gebirge – Gegenden, die nur wenige Kilometer vom Territorium des selbsternannten Islamischen Staates (IS) entfernt sind. "Ein Mann hat mir gesagt: Wir müssen zügig fahren", sagt Akay. "Wenn der IS hört, dass hier eine Deutsche ist, legt er sie TNT auf die Straße."

Sie und ihre Helfer fahren Flüchtlingslager an, verteilen Kleidung, aber auch Nahrungsmittel: Reis, Linsen, Tomatenmark, Milchpulver für die Kinder "Was mich erstaunt hat: Die Menschen beschweren sich nicht", sagt Akay. "Die sagen: Gott sei Dank geht es uns jetzt gut."

Spendenkonto: Katholische Kirchengemeinde Seelbach. IBAN: DE18 6645 0050 0077 0869 00. Informationen per E-Mail unter KJG-Seelbach@t-online.de

Autor: Patrik Müller