So fern, so nah

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Do, 05. Juli 2018

Kunst

Eine Zeitung aus L’Alsace und Badischer Zeitung: Das Projekt des Konzeptkünstlers Youssef Tabti.

Mulhouse hat Youssef Tabti zuvor nicht gekannt. Mit einem Plan ausgerüstet, ist er viel durch die Stadt gelaufen. Er hat beobachtet, zugehört, ist mit Leuten ins Gespräch gekommen. Die Menschen hier findet er eher zurückhaltend. "Wenn man sie dann anspricht, sind sie total kommunikativ". Als ein Fremder ist Tabti durch die Stadt spaziert. In Freiburg hat er es ebenso gemacht. "My North is your South" lautet der Titel eines gemeinsamen Ausstellungsprojekts des Museums für Neue Kunst Freiburg und der Kunsthalle Mulhouse. "Mon Nord est ton Sud" heißt die Gruppenausstellung in Mulhouse, deren Teil Youssef Tabti ist. Besser gesagt, das, was er in den kommenden Wochen dafür entwickeln wird.

"Mein Norden ist dein Süden" spielt auf die geografische Lage der beiden Städte an. In Freiburg läuft die Schau bereits, in Mulhouse ist Mitte September Vernissage. Das Thema klingt geradezu weltläufig. Gemeint sind aber nicht zwingend die großen, die globalen Fragen, auch wenn sie mitschwingen, sondern das Nebeneinander der ungleichen Nachbarn. Oder sind sie gar nicht so verschieden?

"Die Ausstellung", sagt die Kuratorin der Schau in Mulhouse, Sandrine Wymann, "bewegt sich um die Idee der Pluralität der Räume und der Verschiedenheit ihrer Wahrnehmung. Die ausgestellten Werke sollen die regionale Situation überwinden, um den universellen Charakter des Beobachteten herauszuarbeiten." Was macht es aus, dieses Aufeinandertreffen der Kulturen und Sprachen an der Grenze? "Es hat mich überrascht, wie nah sich die Menschen letztlich doch sind", beschreibt der Youssef Tabti einen seiner Eindrücke. "Die Deutschen fahren für einen Sonntagsausflug ins Elsass, auch die Franzosen tun das ganz selbstverständlich." Natürlich vermischen sich die Sprachen nicht wirklich, aber es gibt ein unkompliziertes Nebeneinander. Auch der Dialekt ist ihm aufgefallen mit seinem altertümlichen Klang, der für jemanden wie ihn, der Hochdeutsch gelernt hat, kaum zu verstehen ist.

Diese Vielfältigkeit der Lebenswelten, die sich an der Grenze verdichten, will Youssef Tabti in einer Zeitung verarbeiten. Noch sondiert er die Strategien, mit denen er Themen und Artikel herausfiltern wird. Fest steht, und dies ist die Basis des Projekts: Tabtis Kunst-Zeitung entsteht aus Artikeln der französischen Zeitung L’Alsace und der Badischen Zeitung.

Die Gemengelage ist komplex

Weder wird er selbst Artikel schreiben noch die verwendeten verändern. "Ich muss mit dem Material arbeiten, das ich vorfinde. Auf die Meinung und Darstellung des Autors habe ich keinen Einfluss, dessen Haltung ist, wie sie ist", umreißt er seine Idee. Youssef Tabti, geboren 1968, hat die nötige Distanz für solch ein Projekt. Tabti ist Franzose, aufgewachsen in Paris, seine Mutter ist Französin, sein Vater stammt aus Algerien. Seit mehr als 20 Jahren lebt und arbeitet der Konzeptkünstler jedoch in Hamburg. Zuletzt hat er auf Einladung des Goethe-Instituts in Beirut und mit einem Arbeitsstipendium des Auswärtigen Amtes an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul gearbeitet. Dies alles zusammen prädestiniert ihn für ein Projekt, das die Grenzerfahrung der Nähe in den Mittelpunkt rückt.

Er als Künstler ist der Filter, der Gemeinsamkeiten sehen und entdecken wird. Die Journalisten lässt er sprechen. Gefragt nach den möglichen Themen, nennt er die Migration, aber auch so alltägliches wie Verkehrsprobleme. Er hat schon einen Artikel entdeckt über die Partnerschaft zweier Golfclubs. "Wichtig ist für mich, nicht nur politische Probleme zu behandeln", sagt er. "Die Leute beschäftigen sich in ihrem Leben ja auch mit anderen Dingen."

Die Gemengelage ist komplex. Youssef Tabti, der Konzeptkünstler, hat mit der Zeitung einen Zugang gewählt, der tagtäglich vor der Herausforderung steht, die Welt zwischen Banalität und Katastrophe konsumierbar zusammenzufassen. Eine Zeitung aus zwei Zeitungen machen, die aus zwei Welten kommen. Manchmal werde es im Blick des Betrachters liegen, zu bewerten, wie weit oder nah diese Welten auseinanderliegen. "Es geht nicht darum, extrem kritisch oder sehr plakativ zu sein", sagt Tabti.

Am Ende sollen die Besucher der Ausstellung eine richtige Zeitung in die Hand nehmen und lesen können. Von der einen Seite werden sie die französischen Artikel, von der anderen Aufschlagseite die deutschen Texte durchblättern. Zwischen den Video- und Klanginstallationen der anderen Künstler werden sie sich auf Paletten und Kissen niederlassen können und die Kunst-Zeitung in die Hand nehmen.

Weitere Infos unter kunsthallemulhouse.com