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22. September 2009 09:13 Uhr
Titelserie in Ballsportarten
Außerirdisch? Spanien stürmt von Erfolg zu Erfolg
Die EM in Polen hat es gezeigt: Spanien hat die besten Basketballer Europas – und nicht nur bei der Korbjagd sind die Iberer eminent erfolgreich, sondern in allen Ballsportarten. Warum nur? Ronald Reng hat die Antworten.
BARCELONA. Seit der Außerirdische E. T. 1982 im berühmten Kinofilm von Steven Spielberg versuchte, mit seinem leuchtenden Finger nach Hause zu telefonieren, hatte Spanien nie mehr so aufgeregt einen Zeigefinger betrachtet wie den linken von Pau Gasol in den jüngsten zwei Wochen. Eine Sehne im Finger war Spaniens Basketballstar im Trainingslager zur Europameisterschaft gerissen, der Präsident der Spanischen Gesellschaft für Handchirurgie operierte höchstpersönlich, und Gasol, der mit den Los Angeles Lakers dieses Jahr die Meisterschaft in der Nordamerikanischen Basketball-Profiliga (NBA) gewonnen hatte, absolvierte die EM in Polen ohne eine Testpartie und ohne den Finger gebrauchen zu können.
Sein Finger im weißen Verband zeigte zum Himmel nach dem 85:63-Sieg im Endspiel am späten Sonntagabend in Kattowitz gegen Serbien. Und wer dem Fingerzeig des besten Spielers der EM folgte, hinaus aus der Halle, sah mehr als nur Spaniens ersten EM-Sieg im Basketball nach sechs verlorenen Finals zuvor. Der Triumph der Basketballer, die 2006 bereits die WM erobert hatten und 2008 bei Olympia im Endspiel lange den US-Stars trotzten (107:118), fügte sich zu all den Erfolgen, die Spanien in den jüngsten fünf Jahren jäh zur erfolgreichsten Ballspielnation erhoben.
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Abgesehen von angelsächsischen Spleens wie Rugby und Kricket, eroberten Spaniens Männerteams quasi alle relevanten Ballsportarten. Die Handballer wurden 2005 Weltmeister, Volleyballer und Hockeyspieler gewannen Europameisterschaften. Sogar die Fußballer mit ihrem Motto "wir spielten gut wie nie und verloren wie immer" überwältigten das Publikum beim EM-Gewinn 2008. Spanien ist chronisch erfolgreich. Wer nach den Gründen sucht, landet schnell im Tal der Gefallenen nahe Madrid – am Grab des Diktators Franco.
Francos Tod 1975 öffnete Spanien den Weg in die Demokratie. Auf dem neuen, zarten Wohlstand der Nach-Franco-Zeit lebte eine von der Unterdrückung endlich befreite Nation ihren Aufstiegshunger gerade auch im Sport aus. Die Generation, die nun triumphiert, geboren in den Achtzigern, war die erste, die von Kindheit an ordentliche Sportanlagen vorfand, die sich reichhaltig ernährte – und in der fast jeder Junge in den Sportverein ging. Leistungssport war cool in den Neunzigern in Spanien.
Eine simple Zahl aus dem Nationalen Institut für Statistik sagt etwas über die Basis des spanischen Aufstiegs: Die erste Generation, die nach der Franco-Diktatur geboren wurde, ist im Schnitt neun Zentimeter größer als die Spanier 25 Jahre zuvor. Ernährung, Sportgeräte, Sportstätten und Training sind besser geworden als zur Franco-Zeit.
Spanien wurde ein anderes Land, die Eliteförderung erhielt Struktur, wobei bis heute auffällt, dass wie ansonsten nur noch in den Niederlanden in allen Ballsportarten das spielerische Element extrem trainiert wird, der Pass, die Passkombination. Doping wird im Ausland gerne pauschal als ein weiteres Geheimnis des spanischen Erfolgs genannt, erst recht weil seit Mai ein "Königliches Dekret" verabschiedet wurde, das nächtliche Dopingkontrollen auf spanischem Territorium in der Zeit von 23 bis 8 Uhr untersagt.
Tatsächlich will man in einem Land, das noch jungfräulich nach Helden lechzt, Betrug einfach nicht sehen. Doch in den Ballsportarten findet hier Doping genauso vereinzelt, unsystematisch statt wie in anderen Ländern. In Ausdauersportarten wie Radfahren ist die Sache hingegen wohl eine viel systematischere.
Ein Finger mit Tapeverband war in der Luft am Sonntag, und Pau Gasol, geboren 1980, 2,13 Meter groß, sah auch aus wie Andrés Iniesta oder Xavi, die Fußballhelden, beide gut 45 Zentimeter kleiner. Demut ist kein Zufall, sondern Zeichen einer Zeit an Spaniens Ballspielern: sich in die Gruppe einzufügen, ist in der spanischen Erziehung bis heute wichtiger als die mitteleuropäische Förderung des Individuums. So gab sich Pau Gasol auch erst eine gute Stunde nach Turnierende erstmals wie ein Außerirdischer. Er musste nun, wie E.T., erst einmal nach Hause telefonieren.
Autor: Ronald Reng
