Rudern

Deutschland-Achter siegt auf dem Rhein in Basel

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 21. November 2016 um 08:17 Uhr

Rudern und Kanu

Es war ein Tag der Überraschungen in Basel. Der Deutschland-Achter debütiert auf dem Rhein – und pulverisiert gleich einmal den Streckenrekord.

Es ist ein Tag der Überraschungen in Basel. Das beginnt schon mit dem Wetter. Kaum verlässt man das südbadische Regenloch, lugt die Sonne hervor hinter den Wolken, und am Rheinknie ist der Himmel dann tiefblau. Mediterran, fast südländisch, ein fantastischer Samstag in der Schweiz. Hier findet es statt, eines der bedeutsamsten Ruderrennen im deutschsprachigen Raum, das Basel Head, eine Parade der Langboote, ein Wettkampf der besten Achter-Teams aus halb Europa.

Die Zuschauer stehen auf der Mittleren Brücke

Die Schweizer bringen auf dem Rhein nahezu alles zu Wasser, was schwimmen kann in ihrem Sport. Großboote aus Basel, Zürich, Luzern, Kreuzlingen, Rapperlswil-Jona und Bern treten gegeneinander an, und auch Franzosen, Niederländer, Briten steigen in die Boote – und deutsche Ruderer natürlich. Alles in allem versammeln sich an die 800 Recken am Nordufer neben der Mittleren Brücke, vor sich die Kulisse der Basler Altstadt – und vor sich eines der härtesten Rennen, die der Rudersport zu bieten hat.

"Du musst hier ganz schön durchheizen", sagt Martin Sauer, der Steuermann des Deutschland-Achters, über die 6,4 Kilometer lange Strecke auf dem Rhein. Erstmals in der nun siebenjährigen Geschichte des Basel Head greift das Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbands in den Wettkampf ein, der Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro, das Gold-Boot von London 2012. Wer geglaubt hatte, die acht deutschen Recken würden sechs Wochen nach dem Start in das Training für die neue Saison nur einen kleinen Spaß in Basel erblicken, reibt sich rasch die Augen Sekunden nach dem Start um 14 Uhr. "Wir sind da schon mit hohem Ehrgeiz und dem Anspruch rangegangen, hier ganz vorne zu fahren", wird Steuermann Sauer später erklären.

Mit der Strömung wird jeder Schlag zur Qual

Erst einmal muss der 33-Jährige aber alles herausholen aus seinen acht Jungs auf der Strecke, die gut dreimal länger ist als die 2000 olympischen Meter, die Standarddistanz bei Achter-Rennen. 3,2 Kilometer geht es flussaufwärts, also gegen die enorme Strömung nach Tagen des Starkregens, und dann – nach einer kniffligen 180-Grad-Wende – 3,2 Kilometer flussabwärts mit der Strömung ins Ziel. Und hier tut sich die nächste Überraschung auf. Vom Ufer aus sieht der Beobachter die Sache so: Gegen den Strom müssen die Ruderer bolzen, sich bis aufs Letzte quälen, jeder Schlag ein Martyrium. Mit dem Strom müsste es dann ein reiner Spaß sein, eine Art Gleiten auf der Ruder-Autobahn. Tatsächlich aber verhält es sich im Boot genau andersherum, wie Gold- und Silbermedaillengewinner Sauer erklärt. Die Ruderer pullen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, also zunächst auch mit dem Rücken zur Strömung.

Sobald das Ruderblatt ins Wasser eintaucht, zieht das Rheinwasser es automatisch in die richtige Richtung. "Wenn wir gegen die Strömung rudern, geht jeder Schlag ganz schnell durch, ohne dass das Boot sich stark bewegt", sagt Sauer. Die Ruderer kommen zwar langsamer voran, müssen sich aber vom Gefühl her nicht gar so quälen. Genau andersherum verhält es sich dann auf den zweiten Streckenabschnitt, den 3,2 Kilometern flussabwärts. "Sobald du wendest, hast du eine Schiebeströmung, die den Schlag unglaublich hart macht." Da drückt das Ruderblatt beim Schlag gegen die Strömung, "der Hebel wird theoretisch viel zu hart". Der Betrachter am Ufer meint, das Boot gleite locker und fliege förmlich dem Ziel entgegen. Tatsächlich ist der zweite Teil des Rennens die noch härtere Schinderei. Nicht die Wende selbst sei die größte Herausforderung beim Basel Head, nicht diese diffizile 180-Grad-Kurve, sondern die Umstellung beim Rudern, erklärt Sauer: "Erst gegen die Strömung und dann mit ihr – wer das am besten hinkriegt, wird sicher immer der Sieger sein".

Und der Sieger ist Deutschland. In 18:48,84 Minuten entscheidet der Debütant, das Flaggschiff, das deutsche Paradeboot, das Hauptrennen für sich. Die Recken pullen zugleich zu einem neuen Streckenrekord. Sie sind zwölf Sekunden schneller als das beste französische Achter-Team im Jahr 2014 (19:00,86 Minuten). Ein niederländisches Boot aus Amsterdam folgt bei dem Einzelzeitrennen an diesem Samstag mit 38 Sekunden Rückstand auf die Deutschen, und der National-Achter aus den Niederlanden erreicht mit 66 Sekunden Rückstand Rang drei. Der Schweizer Vorjahressieger, die RGM Swiss Selection, landet abgeschlagen auf Rang 13 – vor allem deshalb, weil einer der Eidgenossen mit seinem Blatt eine Boje touchiert. Das Ruder bricht, die Siegchance ist dahin. Insgesamt kommen 79 Langboote in die Wertung, der Tynemouth Rowing Club aus Großbritannien beschließt sie als Letzter in 41:04, 26 Minuten.

"Eine sehr, sehr schöne Veranstaltung" sieht Steuermann Sauer in dem liebevoll organisierten Massen-Rennen auf dem Rhein in Basel. "Man lernt etwas dazu."