Schwimm-Verband

Interview mit Marco Troll über die Schwimmkrise in Baden

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Do, 01. Dezember 2016

Schwimmsport

BZ-INTERVIEW mit Marco Troll, dem Chef der Schwimmer in Baden, über die Talsohle des deutschen Schwimmsports und realistische Ziele für den Nachwuchs.

FREIBURG. Deutschlands Schwimmer schnappen nach Luft. Bei den Olympischen Spielen von Rio blieben sie im vergangenen Sommer wie 2012 in London ohne Medaille. Weil der Bund den Förderetat kürzt, drohen Stützpunkte des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) geschlossen zu werden. Geht damit auch in Baden der olympische Kernsport baden? Über die große Schwimmkrise und die Folgen für die Arbeit vor Ort sprach Matthias Kaufhold mit Marco Troll, der im zurückliegenden April als Präsident des Badischen Schwimm-Verbandes (BSV) bestätigt wurde.

BZ: Haben Sie es schon bereut, sich wieder für vier Jahre an die Spitze des Verbandes haben wählen zu lassen?

Troll: Überhaupt nicht. Ich habe ein super Team, eine junge Mannschaft. Die Arbeit ist auf viele Schultern verteilt, sodass nie zur Diskussion stand, ob ich weitermache oder nicht. Vier Jahre habe ich jetzt bestimmte Dinge angeschoben, die wir nun gemeinsam vertiefen wollen.

BZ: Dem Spitzen-Schwimmsport steht spätestens seit Rio das Wasser bis zum Hals. Spüren Sie das auch im BSV?

Troll: Natürlich sind wir irgendwo Teil des Problems. Doch 80 Prozent unserer Vereine interessieren ganz andere Dinge als der Hochleistungssport. Da geht’s ums Schwimmenlernen, um Aquakurse, um Breitensport und die Masters, also die Seniorenschwimmer. Viele Vereine wissen, dass sie nie einen Aktiven zu den Olympischen Spielen bringen werden. Ihre Welt sieht ganz anders aus. Und hier sind wir als Landesverband gefordert.

BZ: Doch Ihnen kann nicht egal sein, ob der DSV Heidelberg als einzigen Bundesstützpunkt in Ihrem Gebiet in Frage stellt.

Troll: Natürlich nicht. Als Landesverband müssen wir hier eng mit dem DSV kommunizieren. Ich stehe in intensivem Kontakt mit Chef-Bundestrainer Henning Lambertz und mit dem Landessportverband Baden-Württemberg als Geldgeber.

BZ: Das heißt für Heidelberg?

Troll: Wir haben die Zusage, dass der Bundesstützpunkt Heidelberg erhalten bleibt. Es sind alle Strukturen da. Wir sind dabei, hier ein gemeinsames Projekt zu entwickeln und wollen hier zusätzlich einen Jugend-Landestrainer installieren.

BZ: Prima, regnet es dann bald wieder Medaillen bei Olympia für deutsche und badische Schwimmer?

Troll: Wohl nicht, das wäre Schönfärberei. Der DSV befindet sich derzeit in einer Talsohle, dessen Tiefpunkt wohl noch nicht erreicht ist. Abgesehen von den Wasserspringern müssen wir uns derzeit darauf einstellen, auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio keine Medaillen zu gewinnen. Wir brauchen einen langen Atem, bis es wieder bergauf geht.

BZ: Könnte man sich nicht auch von dem Ziel verabschieden, mit Staaten mithalten zu wollen, die kein transparentes Dopingkontrollsystem besitzen?

Troll: Vielleicht sollten wir tatsächlich unsere Ansprüche herunterfahren und uns fragen: Brauchen wir Medaillen? Können wir nicht schon glücklich sein, ein Finale zu erreichen und da Bestzeit zu schwimmen? Das muss der Ansatz sein für einen ehrlichen Sport in Deutschland. Dass in anderen Ländern gedopt wird, liegt auf der Hand, auch wenn dies Kontrolleure stichhaltig beweisen müssen.

BZ: Ist nicht auch das schrumpfende Reservoir an Talenten ein Problem?

Troll: Das sehe ich nicht so. Talente sind da, das sieht man bei den Jahrgangsmeisterschaften. Entscheidend ist aber, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen. Wenn du 16, 17 Jahre alt bist, kommt die Frage auf: Warum soll ich weitermachen, wenn ich vom Schwimmen nicht leben kann?

"80 Prozent der Vereine

interessieren andere Dinge als der Hochleistungssport."

BZ: Ihr Lösungsvorschlag?

Troll: Zentralisierung, zumindest in bestimmten Fällen. Manche Jugendliche brauchen feste Strukturen, kurze Trainingswege, die optimale Kombination mit Schule oder Ausbildung bis hin zur beruflichen Absicherung, kurz gesagt: die duale Karriere. Das haben wir nur in wenigen Fällen. Und darum hören viele vorzeitig auf. Der DOSB und die Gesellschaft müssen sich fragen, welchen Stellenwert der Spitzensport hierzulande hat.

BZ: Wer zur Bundeswehr oder Bundespolizei geht, der ist ja abgesichert.

Troll: Wer sich einen uniformierten Beruf vorstellen kann, für den ist dieser Weg sicher gut. Inzwischen gibt es auch bei der Polizei in Baden-Württemberg für A- oder B-Kader sehr gute Möglichkeiten. Doch wer studieren will, wird mit vielen Problemen alleine gelassen.

BZ: Empfehlen Sie allen Talenten in Südbaden, nach Heidelberg zu wechseln?

Troll: Dies würde ich grundsätzlich nicht mit "ja" beantworten. Das Fundament wird in den Vereinen vor Ort gelegt. Hier kommen Jugendliche erstmals in Kontakt zum Leistungssport und werden bis zu einem gewissen Leistungsstand hervorragend gefördert – wie beim SSV Freiburg. Aber wenn die Möglichkeiten ausgereizt sind, muss auch ein Trainer so ehrlich sein und seinen Schützling bedenkenlos ziehen lassen, wenn dieser es möchte.

BZ: SSV-Trainer Bernd Pinkes, der Dörte Baumert zur WM- und EM-Qualifikation geführt hat, behauptet, Schwimmer könnten auch in Freiburg groß werden.

Troll: Das ist durchaus möglich, doch das muss man in jedem Einzelfall überprüfen. Es gibt Schwimmer, für die wäre der dauerhafte Umzug nach Heidelberg, Hamburg oder Berlin richtig. Dies gilt derzeit für Freiburg wohl eher nicht. Bei anderen bietet sich ein Mischsystem an: Ich bleibe vor Ort im Verein, der mir super Möglichkeiten bietet, nutze aber zusätzliche technische, wissenschaftliche und ärztliche Möglichkeiten am Zentrum, um besser zu werden. Heim- und Verbandstrainer müssen hier Vertrauen entwickeln und sich nicht gegenseitig verdächtigen, den Sportler abwerben zu wollen.

BZ: Was halten Sie von der Schwimmförderung in Freiburg?

Troll: Die Arbeit hier spricht für sich. Dörte Baumert hat sich national etabliert, andere Talente folgen. Die Möglichkeiten sind optimal mit Bernd Pinkes, der eine besondere Gruppendynamik entfacht. Dass sich Aktive dazu bereit erklären, nach ihrem Abitur ein Jahr lang zweimal täglich zu trainieren, um zu schauen, was dabei herauskommt, ist bemerkenswert und spricht für den Standort Freiburg.

BZ: Welche Rolle spielen Sie in der neuen DSV-Führungscrew unter der im November gewählten Präsidentin Gabi Dörries?

Troll: Ich bin Mitglied im Lenkungskreis Verbandsentwicklung des DSV. Bisher hat sich im DSV niemand darum gekümmert, wie zum Beispiel interne Abläufe standardisiert werden können. Sechs ausgewählte Themen darf ich im Lenkungskreis mit anschieben. Zahlreiche Gebiete lagen lange brach. Es geht darum, den DSV als Marke zu begreifen und an die Bedürfnisse der Vereine zu denken: die Aus- und Fortbildung von Trainern zu vereinheitlichen, das Schwimmenlernen zu modernisieren, politische Themen wie Sport für Migranten aufzugreifen. In diese Bereiche können wir uns als Landesverband stark einbringen.

BZ: Hat der DSV dafür genügend Geld?

Troll: Der DSV macht jetzt erst mal einen Kassensturz, dann wird man sehen. Wer Mitgliedsbeiträge für die Vereine erhöhen will, muss genau sagen, wie viel Geld ihm fehlt und an welcher Stelle. Das soll im Frühjahr 2017 geschehen. Dann wird klar, welche Strategien vom DSV umsetzbar sind. Dem BSV geht es als relativ kleinem Landesverband finanziell gut. Doch auch hier wollen die Vereine wissen, wofür sie mehr bezahlen sollen.

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