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31. Oktober 2011 09:24 Uhr
Analyse
Gegen den Abstieg helfen dem SC Freiburg nur neue Spieler
Fehlende Qualität in der Defensive, kein Flügelspiel, der Hang zur Mitte, die Abhängigkeit von Cissé: Die Lage des SC Freiburg ist so bedrohlich, dass nur neue Spieler den Verein weiterbringen, analysiert René Kübler.
Auch wenn Engagement der Mannschaft und taktische Kompensationsversuche des Trainerteams speziell die Defizite in der Defensive bisweilen derart kaschieren, dass Duelle auf Augenhöhe möglich scheinen, spiegelt der letzte Tabellenplatz die Realität wider. Auch das 0:1 gegen Bayer Leverkusen zeigte: Lösungsmöglichkeiten, die den Sportclub entscheidend weiterbringen, sind nicht in Sicht.
AUSGANGSPUNKT DEFENSIVE
Inzwischen ist längst klar, dass es im Vorfeld der Saison Fehleinschätzungen in Bezug auf die Leistungsstärke des Defensivpersonals gab. In der Innenverteidigung hätte die Mannschaft verstärkt werden müssen. Sich darauf zu beschränken, Ömer Toprak durch Beg Ferati zu ersetzten, war zu wenig – zumal der Neuzugang vom FC Basel den Schritt zum Stammspieler bislang nicht geschafft hat. Die Defizite der Freiburger Innenverteidiger in Eins-gegen-Eins-Situationen sind ebenso groß wie ihre Fähigkeiten in der Spieleröffnung gering. Das Bemühen, beide Schwächen auszugleichen, hat weitreichende negative Auswirkungen auf das Spiel der gesamten Mannschaft.
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DIE BALLABHOLER
Weil Oliver Barth und Co. enorme Probleme haben, den Ball schnell, flach, präzise und sinnvoll ins Mittelfeld zu passen, um vernünftige Angriffszüge auszulösen, sind die defensiven Mittelfeldspieler Julian Schuster und Johannes Flum permanent damit beschäftigt, den Ball aus der Abwehr abzuholen – quasi direkt vom Fuß des jeweiligen Innenverteidigers. Dabei lassen Schuster und Flum nicht nur Kraft, sie fallen bei den Offensivzügen zudem immer wieder als Anspielstationen aus – im schlechtesten Fall sogar beide. Die Folge: Der Sportclub hat zu selten Überzahl, das Kombinationsspiel kommt schnell zum Erliegen.
FLÜGELLOS
In seiner Hoch-Zeit flitzte Felix Bastians 90 Minuten lang die linke Außenbahn hoch und runter, war stets anspielbar, setzte den Gegner permanent über die Seite unter Druck, überzeugte mit vernünftigen Flanken und Torvorlagen. Einige sahen ihn sogar auf dem Weg Richtung Nationalmannschaft. Inzwischen ist Bastians nur noch ein Schatten dieses dynamischen Außenverteidigers. Dem 23-Jährigen fehlt offenbar die nötige Fitness für seine Vorstöße. Hinzu kommt die Verunsicherung. Von der Innenverteidigung, die mit sich selbst genug beschäftigt ist, kann Bastians keine Defensivhilfe erwarten. Die Angst vor Fehlern treibt ihn entweder in die Tatenlosigkeit oder nötigt ihn zum hektischen Befreiungsschlag. Schon die technisch saubere Ballannahme wird in solchen Zeiten zur Herausforderung. Da auch Heiko Butscher physisch nicht auf der Höhe ist und die Trainer einem Nachwuchsmann wie Nicolai Lorenzoni den Sprung in Liga eins (noch) nicht zutrauen, gibt es keine Alternative. Und auf rechts kann Andreas Hinkel nach der Verletzung von Mensur Mujdza nicht mehr sein als eine Notlösung – prägende Akzente sind von ihm nicht zu erwarten. Das Freiburger Offensivspiel ist somit schon in seiner Entstehung meist sehr zentrumsorientiert.
LÄHMENDE ENGE
Ein weiterer Faktor verstärkt den Hang zur Mitte und raubt den Angriffsaktionen Tempo: Die ständige Rotation der Offensivkräfte, die eigentlich zu mehr Flexibilität führen soll, wirkt kontraproduktiv, da sie nicht sinnvoll ausgeführt wird. Zu früh verlassen die Mittelfeldspieler die Flügel. Die SC-Akteure nehmen sich dadurch die Option, ihrem Spiel Breite und dadurch Raum zur Entfaltung zu geben. Auch diagonale Spielverlagerungen der Breisgauer finden kaum noch statt. Und weil das Team individuell nicht auf allen Positionen mit hochwertigen Technikern besetzt ist, wird die Enge im Zentrum irgendwann zur Überforderung – das Pass-Spiel mündet in den Ballverlust. Wie es sein sollte, zeigte beim 0:1 gegen Leverkusen jene Aktion, die Papiss Demba Cissés Pfostenschuss vorausging. Putsila hatte rechts außen auf das Zuspiel gewartet und dann Zeit zur präzisen Flanke auf seinen Kollegen gehabt. Beim 1:2 gegen den Hamburger SV hatten sich die Außenverteidiger bei eigenem Ballbesitz deutlich weiter vorn postiert als gegen Leverkusen, wodurch die SC-Angriffe im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt worden waren.
ABHÄNGIG VON CISSÉ
Der SC Freiburg hängt mehr denn je am Tropf des Papiss Demba Cissé. Mit seinen zweifellos überdurchschnittlichen Fähigkeiten kann er dafür sorgen, dass die Mannschaft konkurrenzfähig ist. Trifft Cissé, sind Punkte möglich. Trifft er nicht, ist die Niederlage wahrscheinlich, da die Defensive nicht gut genug ist für ein zu Null. Vergangene Saison gewann der Sportclub viele Spiele dank der individuellen Qualität Cissés knapp. Auf der daraus resultierenden Erfolgswelle schwamm irgendwann das ganze Team mit. Leistungen und Erfolge, die über das reale Vermögen hinwegtäuschten, wurden möglich. Nun, da auch Papiss Demba Cissé Tore nicht mehr am Fließband produziert, ist der gegenteilige Effekt zu beobachten: Verunsicherung macht sich breit.
KEINE SOFORTLÖSUNGEN
Auf die Schnelle sind die Probleme des SC Freiburg nicht zu lösen. Eine zwingend erforderliche Kader-Nachbesserung ist erst im Winter möglich. Bleiben die kleinen personellen und taktischen Stellschrauben. Jan Rosenthal ins Mittelfeld einzubauen, ist und bleibt sinnvoll. Nur über Einsätze kann er auch physisch zu einer Form finden, die den SC in Sachen Torgefahr weiterbringt. Taktisch muss das Flügelspiel belebt werden. Auch wenn dadurch weitere Risiken fürs Defensivgefüge entstehen: Nur wenn die Seiten besetzt sind, entstehen die nötigen Räume fürs Offensivspiel. Nur dann kann beispielsweise auch die Schnelligkeit eines Garra Dembélé zum Tragen kommen. Ansonsten wäre es sinnlos, ihn einzusetzen.
- Robin Dutts Rückkehr nach Freiburg: Wie früher, nur nett
Autor: René Kübler
