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12. November 2017 09:52 Uhr

SC-Sportdirektor Hartenbach zu Punktenot und Verletzten

In drei Jahrzehnten hat Klemens Hartenbach beim Sportclub schon viel erlebt. Im Gespräch spricht er über die aktuelle sportliche Krise und die Hoffnung, sie erneut überwinden zu können.

  1. SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach. Foto: Patrick Seeger

Der Sonntag: Der SC Freiburg hat nach elf Spieltagen nur einen Sieg gefeiert, ist Tabellensechzehnter. Wie gehen Sie mit der dieser Situation um, Herr Hartenbach?
Klemens Hartenbach:
Angespannt ist man in diesem Geschäft immer, nicht nur wenn die Tabellensituation schlecht ist oder Verletzungen zu beklagen sind. Denn man beschäftigt sich immer mit der Frage: Was kann man besser machen? Außerdem war es zu erwarten, dass es für uns in dieser Saison schwieriger wird als im Vorjahr.

Der Sonntag: Warum?
Klemens Hartenbach:
Weil zwei entscheidende Torschützen und Vorlagengeber, die den Verein verlassen haben, für den SC Freiburg nicht auf Anhieb eins zu eins zu ersetzen sind. Unser derzeitiges Hauptproblem ist die mangelnde Effizienz, unsere Hoffnung, dass andere für Maximilian Philipp und Vincenzo Grifo in die Bresche springen, hat sich bisher noch nicht erfüllt.

"Wir müssen jetzt ein Stück weit ergebnisunabhängig denken und das Ziel verfolgen, die guten Leistungen aus unseren bisherigen Heimspielen zu konservieren." Klemens Hartenbach

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Der Sonntag: Verkompliziert die Situation des Sportclub der Umstand, dass diese Saison in der Bundesliga kaum Vereine mitspielen, die man von vornherein als Abstiegskandidaten abstempeln konnte?
Klemens Hartenbach:
Ach, für den SC Freiburg ist es immer schwierig. Es war in der vergangenen Saison auch nicht einfach, gegen Darmstadt oder Ingolstadt zu gewinnen. Wenn man von der Finanzkraft ausgeht, wird man auf uns immer als Abstiegskandidat tippen, obwohl die Erfahrung zeigt, dass jedes Jahr Vereine unten mit drin hängen, die dort nicht unbedingt zu erwarten waren. In der vergangenen Saison sind wir nie in der Abstiegsregion herumgedümpelt, das machte vieles leichter. In diesem Jahr beweist Hannover 96, was möglich ist, wenn man es gleich zu Saisonbeginn schafft, in ein gutes Fahrwasser zu kommen. Jetzt kann unsere Mannschaft zeigen, dass sie diese Situation erfolgreich bewältigen kann.

Der Sonntag: Was stimmt Sie zuversichtlich?
Klemens Hartenbach:
Wir haben uns jüngst noch einmal Heimspiele der vergangenen Saison angesehen und sie verglichen mit den Heimspielen diesen Herbstes. Unsere Leistungen waren nicht besser, dafür aber die Ergebnisse. Ich behaupte, in der vergangenen Saison hätte Nils Petersen zumindest eine der vergebenen Chancen aus dem Schalke-Spiel genutzt. Wir müssen jetzt ein Stück weit ergebnisunabhängig denken und das Ziel verfolgen, die guten Leistungen aus unseren bisherigen Heimspielen zu konservieren. Wenn uns das gelingt, können wir darauf vertrauen, dass sich auch bessere Ergebnisse einstellen. Und auswärts müssen wir besser werden, um auch von dort Zählbares mitbringen zu können.

"Die jetzige Situation werden wir aber mit Bedacht bewältigen. Einen Alt-Internationalen mit angeblicher Torgarantie werden wir nicht verpflichten." Klemens Hartenbach
Der Sonntag: Was ist mit den Neuzugängen für die Offensive – Ryan Kent, Yoric Ravet und Bartosz Kapustka?
Klemens Hartenbach: Alle drei machen in Freiburg einen Anpassungsprozess durch – physisch, taktisch, sogar kulturell. Ryan Kent kommt zwar von einem großen englischen Klub, doch viele Dinge – was Training, Ernährung, Vorbereitung in einem umfassenden Sinne – die in Freiburg selbstverständlich sind, kennt er nicht so. Wir müssen ihn fast mit einem Crashkurs dahin bringen, in Freiburg Leistungsträger zu werden. Bartosz Kapustka gilt in Polen als großer Hoffnungsträger, doch ein Jahr mit sehr wenig Einsatzzeiten ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Bartosz hat im Training sehr intensiv gearbeitet, um aus dem Tal – keine Spielpraxis, fehlendes Selbstvertrauen – herauszukommen. Das Spiel gegen Schalke 04 war ein wichtiger Schritt dahin, das Gefühl zu bekommen, er gehört nun zum engeren Kreis der Mannschaft. Yoric Ravet hat beim Champions-League-Anwärter Young Boys Bern durch sein gutes Offensivspiel basierend auf Überraschungsmomente bestochen. In der Bundesliga, wo viel Defensivarbeit zu verrichten ist, ist er dabei, die Balance zu finden, dieses zu tun, ohne das andere zu verlieren.

Der Sonntag: Nach der schweren Verletzung Florian Niederlechners gilt es als ausgemacht, dass der Sportclub in der Winterpause noch einen Stürmer verpflichtet?
Klemens Hartenbach:
Wir schauen uns das gesamte Jahr ständig nach interessanten Spielern um, knüpfen Verbindungen im Hinblick auf zukünftige Verpflichtungen. Die jetzige Situation werden wir aber mit Bedacht bewältigen. Einen Alt-Internationalen mit angeblicher Torgarantie werden wir nicht verpflichten. Ein Negatives hat immer auch seine positive Kehrseite: Nun, da Florian Niederlechner und Mike Frantz ausfallen, erhalten Spieler, die bisher weniger zum Zuge kommen konnten, ihre Chancen. Wir werden genau hinsehen, was nun passiert und dementsprechend eine Entscheidung fällen. Unser Kader ist alles andere als klein, wenn wir jemand holen, kann es auch sein, dass Spieler uns verlassen werden.

Der Sonntag: Ein Wort zu Marc-Oliver Kempf.
Klemens Hartenbach:
Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus, Marc-Oliver will ihn auch nicht mehr verlängern, sondern ablösefrei wechseln. Das ist für uns schmerzlich. Doch er drängt nach überstandener Verletzung in die Mannschaft und will bis zum Saisonende alles dafür geben, dass wir den Klassenerhalt schaffen.

Autor: Toni Nachbar