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09. September 2013 08:01 Uhr

Doping

Heikle Fragen: Thomas Bach und die Freiburger Sportmedizin

Thomas Bach will oberster Olympionike werden - doch: Welches Verhältnis hatte er zum umstrittenen Freiburger Sportmediziner Joseph Keul? "Ein sehr gutes", sagte Keul 1998. Bach widerspricht.

  1. Am Dienstag will sich Thomas Bach von den IOC-Mitgliedern zum obersten Olympier küren lassen. Er hat gute Chancen. Foto: dpa (2)/AFP

Als Thomas Bach erklärte, er kandidiere für das Amt des Präsidenten beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), holte ihn seine eigene Vergangenheit wieder ein. Er war selbst aktiver Fechter und später einer der einflussreichsten Sportfunktionäre in Deutschland. Der höchst umstrittene Freiburger Spitzensportmediziner Joseph Keul erklärte 1998, er pflege "ein sehr gutes Verhältnis" mit Bach. Wiederholt habe Bach ihn "bei Dopingproblemen beraten und unterstützt". Das stimme nicht, erklärte der IOC-Kandidat nun der Badischen Zeitung.

Zwei Jahre vor seinem Tod gab Keul, der damalige Chef der universitären Sportmedizin, der BZ eines seiner letzten Interviews. Die entscheidende Passage vom 29. August 1998 im Wortlaut:
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  • BZ: Je mehr Dopingfälle ans Licht kommen, desto stärker schwindet auch das Vertrauen in die Sportärzte. Wie wenige Mediziner haben Sie die Entwicklung des Leistungssports in Deutschland begleitet (...). Stören Sie da nicht Aussagen wie die des deutschen IOC-Mitglieds Thomas Bach, sein Vertrauen in die Ärzte im Umfeld der Sportler sei gleich Null?

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  • Keul: Ich habe die Aussage nicht gehört und pflege mit Herrn Bach ein sehr gutes Verhältnis; wiederholt hat er mich bei Dopingproblemen beraten und unterstützt. Von so etwas fühle ich mich überhaupt nicht angesprochen. Ich bin sicher, daß Herr Bach nur einige Ärzte gemeint hat, und zwar die, die durch ihr Verhalten Sportlern und dem Sport Schaden zufügen.
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1998 war Keul noch der mächtigste Sportmediziner in Deutschland. Gerade erst hatte er es zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebunds gebracht. Jetzt, 15 Jahre später, hat sich das Bild vom einstigen Doyen entscheidend gewandelt. Die Berliner Forschergruppe um Professor Giselher Spitzer wirft der Freiburger Sportmedizin unter ihrem langjährigen Chef Keul "anwendungsorientierte Dopingforschung" vor – mit Steuergeld und Wissen des Bundesinnenministeriums. Doping an Athleten in Freiburg ist mittlerweile nachgewiesen von 1952 bis 2007. Nun stellt sich die Frage, wer das Geschehen in Freiburg unterstützte und deckte und wer Keul dabei half, sein Netzwerk in Sport und Politik zu knüpfen.

Thomas Bach jedenfalls nicht. Das erklärte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) am vergangenen Freitag auf Anfrage der Badischen Zeitung. DOSB-Sprecher Christian Klaue meldete sich telefonisch aus Buenos Aires – dem Ort, an dem das IOC gegenwärtig tagt. Er habe den IOC-Kandidaten nach dessen Verhältnis zu Keul und zur Freiburger Sportmedizin gefragt, berichtete Klaue. Antwort: "Herr Bach hat Herrn Keul weder ’beraten’ noch ’unterstützt’". Die damalige Aussage "von Herrn Bach, dass sein ’Vertrauen in die Ärzte im Umfeld der Sportler gleich null’ sei, spricht für sich und bedarf keiner weiteren Erläuterung". Es steht also Aussage gegen Aussage.

Wurde Bach als Aktiver in Freiburg behandelt? Belege gibt es nicht

Tatsächlich gibt es allerdings zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass Bach den einstigen Freiburger Institutschef Keul in irgendeiner Art und Weise gefördert haben könnte. Das gilt auch für Keuls langjährigen Gegenspieler Armin Klümper, der heute in Südafrika leben soll. Verschiedene deutsche Medien hatten in den vergangenen Wochen darüber spekuliert, ob Bach in seiner Zeit als aktiver Fechter in den 1970er Jahren Patient in Freiburg gewesen sei. Es gibt keinen Beleg dafür, dass dies so war. Und selbst wenn sich der Mannschafts-Olympiasieger des Jahres 1976 von Klümper hätte behandeln lassen, dann bedeutet dies nicht automatisch, dass er vom einst weltberühmten "Doc" auch gedopt worden wäre. Zahllose deutsche Spitzensportler gingen seit den 1970er Jahren in Klümpers Sporttraumatologischer Spezialambulanz ein und aus. Die meisten kamen wegen Verletzungen. Viele machten später Karriere als Trainer und Funktionäre. In den internen Patientenlisten und in den Medienberichten, die der BZ zu Klümper seit 1970 vorliegen, taucht der Name Bach nicht auf.

Keul gab seine Antwort auf die Frage im Interview 1998 freilich ganz bewusst. Mit Fax vom 27. August 1998 autorisierte er es. In der Rohfassung des Interviews war zunächst nur von einem "sehr guten Verhältnis" zu Bach die Rede gewesen. Keul bat die BZ in seinem Fax ausdrücklich darum, diesen Satz noch ergänzen und öffentlich erklären zu dürfen, Bach habe ihn wiederholt "bei Dopingproblemen beraten und unterstützt". So hat die BZ es dann auch gedruckt.

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Autor: Andreas Strepenick